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Richard David Precht – Wer bin ich und wen ja, wie viele?

Das Buch hat mich ursprünglich gar nicht gereizt. Ich fand den Titel zwar irgendwie witzig, aber fast zu gequält lustig – und es kam mir vor, als würde heutzutage jeder, der sich ein wenig dazu berufen fühlt, ein Buch über Philosophie schreiben. Das Titelbild trug auch nicht gerade viel dazu bei, dahinter ein ernsthaftes Buch zu erwarten. Ich hielt es für ein Buch voller Plattitüden und Poesiealbums-Weisheiten, von dem ich nicht viel erwartete.

Der Grund, warum ich das Buch dann doch gekauft und auch gerne gelesen habe, war ein Essay, das der Autor vor etwa einem Monat im Spiegel veröffentlicht hat. Darin kritisierte er die vermeintliche intellektuelle Elite Deutschlands, die sich immer mehr von der Gesellschaft abschottet und immer unverständlicher schreibt und spricht und damit immer mehr an Bedeutung verliert. So hatte ich das Essay zumindest interpretiert und fand den Autor sogleich sympathisch und es schien auch, als hätte er sich doch einige Gedanken gemacht, die es wert waren, zu lesen. Mit anderen Worten: Ich beschloss, ihm eine Chance zu geben.

Die Einleitung des Buches ist sehr bildlich und erzählt die Anekdote, wie der Autor selbst seine Liebe für die Philosophie entdeckt hat und auch, wie er diese während des Philosophiestudiums fast verloren hätte. Nicht zuletzt, weil es zwar sehr viele Einführungen in die Philosophie gibt, in der gebetmühlenartig ein Kanon von „wichtigen Denkern“ aufgelistet wird – aber keine, die eine Übersicht über verschiedene Antworten auf zentrale Lebensfragen, also zentrale Fragen der Philosophie, bietet. Ausserdem war er schockiert über das Gärtchendenken in der Philosophie, in der man zwar die zweihunderttausendste Dissertation über die Bedeutung der Ameisen im Bezug auf die Moraltheorie in Kants Kritik der reinen Vernunft im Vergleich zur Antike verfasst, aber den Blick über den Tellerrand hinaus scheut wie der Teufel das Weihwasser. Dies, obwohl moderne Wissenschaften wie die Hirnforschung oder die Psychologie längst interessante Beitrage zur Diskussion liefern, alte Fragen neu stellen und, je weiter sie forschen, desto mehr neue, unerwartete Fragen auffinden.

Precht hat sich also zum Ziel gesetzt, auf eine einfach verständliche Art und Weise verschiedene Antworten auf Fragen wie „wer bin ich?“ oder „was darf ich?“ oder „wie frei bin ich?“ vorzustellen. Er benutzt dabei einen unterhaltsamen, einfachen sprachlichen Stil, dem man auch oder gerade ohne philosophische Vorbildung folgen kann. Besondere Höhepunkte des Buches waren immer jene Passagen, in denen er die Macken, Absonderlichkeiten und den Grössenwahn der grossen Philosophen darstellte und uns klarmachte, dass auch die ganz grossen Namen nicht nur kluge Dinge von sich gegeben haben, dass gerade sie oft spektakulär danebenlagen und letztlich Menschen waren wie wir anderen auch – mit Ausnahme vielleicht, dass sie noch ein bisschen verrückter waren als der Durchschnitt.

Inhaltlich ist das Buch in drei Blöcke geteilt – was kann ich wissen? Was soll ich tun? Und was kann ich hoffen?

Im ersten Block präsentierte er verschiedene Theorien über das ich und darüber, wie wir wissen können, was wir zu wissen glauben. Vom berühmten „ich denke, also bin ich“ über die Evolutionstheorie bis zu teilweise beängstigenden, teilweise faszinierenden Ergebnissen aus der Hirnforschung und dem Fassungsvermögen eines menschlichen Säugetiergehirns. Diesen Block fand ich extrem spannend und anregend zu lesen. Er schaffte es geschickt, zwischen Überzeugung und Zweifel hin und herzuwechseln und hat auch mich mit jedem Kapitel neu zum Nachdenken gebracht. Es sind Fragen, die ich mir schon oft und immer wieder gestellt habe – und er präsentiert Antworten, die einen manchmal gleichzeitig beruhigen und beängstigen.

Die anderen beiden Blöcke fand ich hingegen viel weniger spannend und anregend. Im zweiten Block stellt er verschiedene Moral- und Gesellschaftstheorien vor und versucht gleichzeitig, Antworten für die umstrittensten moralischen Fragen unserer Zeit zu geben. Das bedeutete auch, dass klar wurde, auf welcher Seite der Diskussion sich der Autor selbst positioniert – obwohl er versuchte, auch die Gegenseite darzustellen. Obwohl ich in den allermeisten Punkten einig mit ihm war, fand ich doch, dass das Buch gewonnen hätte, wenn er nicht versucht hätte, sich zu Themen wie Abtreibung oder Sterbehilfe zu äussern.

Ich muss hier aber auch zugeben, dass gerade der zweite Teil ein Themengebiet betraf, das ich vom Studium her relativ gut kenne und das ich auch in meiner Lizenziatsarbeit gestreift habe. Hier gehörte ich möglicherweise nicht mehr zum Zielpublikum des Buches.
Der letzte Teil, in dem er über Gottesbeweise und ähnliche Fragen sprach, war mir dann irgendwie zu fern.

Gefreut habe mich hingegen, dass er im letzten Kapitel speziell auf Produkte der sogenannten Trivial- oder Unterhaltungsindustrie verwies und beispielsweise über „The Matrix“, „Hitchhiker’s Guide to the Galaxy“ und „Monty Python’s Meaning of Life“ schrieb. Denn nur, weil ein Werk unterhaltsam ist und nicht alles todernst nimmt, heisst nicht, dass es nicht wichtige Fragen stellen kann. Ich würde sogar behaupten, dass „The Matrix“ letztlich mehr Leute dazu gebracht hat, sich Fragen über das eigene Ich und die Realität, in der wir leben, zu stellen, als die meisten philosophischen Traktate, die in den letzten Jahren in wissenschaftlichen Journals publiziert wurden. Was am Ende für die Menschheit wichtiger war, wird sich freilich erst in der Zukunft zeigen. Aber über den unerträglich arroganten Elitismus weiter Teile von Kultur und Wissenschaft will ich ein andermal bloggen.

Ich würde „wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ jedem empfehlen, der sich gerne mit solchen Fragen beschäftigt, aber keine Lust hat, die Antworten und Theorien der Philosophen zuerst vom Deutschen ins Deutsche zu übersetzen, damit man es überhaupt versteht. Wer sich aber intensiver mit dem Thema auseinandergesetzt hat oder auseinandersetzen möchte, liest besser weiterführende Werke. Das war aber auch nicht der Anspruch das Buches.
18.12.08 20:48


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Peter von Matt: Die Intrige - Theorie und Praxis der Hinterlist

Als ich im Oktober in Arosa war, hatte ich den früheren Zug verpasst und musste deshalb im Hotelzimmer noch knapp eine Stunde warten, bevor ich abreisen konnte. Aus Langeweile hatte ich also den Fernseher eingeschaltet - obwohl am Samstagvormittag nicht gerade die interessantesten Sendungen kommen. Dabei blieb ich dann in der "Sternstunde Philosophie" auf SF1 hängen, in der Roger de Weck ein Interview mit Peter von Matt führte. Eigentlich blieb ich hängen, weil der Gast gerade seine Sicht der Rolle der Schweiz im zweiten Weltkrieg schilderte - er sagte sinngemäss, dass sich die Schweiz seit Jahrzehnten immer wieder durchgewustelt hätte und damit vor den grossen Kriegen des 20. Jahrhunderts verschont geblieben sei. Soweit, so klar. Was mich fasziniert hatte, war die Tatsache, dass er daran nichts schlimmes oder verwerfliches sehen konnte.

Ich schaute weiter und erfuhr, dass das Interview auf Basis eines Buches geführt worden war - ein Buch, in dem der Literaturprofessor Peter von Matt näher auf die Beschaffenheit und Geschichte der Intrige in der Literatur eingeht. Ich musste das Buch haben.

Es ist das erste Sachbuch seit langem, das ich ausserhalb der Arbeit gelesen habe. Und es hat sich gelohnt!

Peter von Matt schildert in verschiedenen Kapiteln, wie Intrigen in der Literatur aufgebaut werden, welche Motive dahinterstecken, wie die Pläne ausgeheckt werden und wie jede Epoche ihre eigenen Intrigengeschichten hatte. Dabei erzählt er sehr viele Geschichten nach, von der Bibel, über Antike und Renaissance bis zur Moderne, die als Literaturgattung die Intrige abgeschafft hat - während gleichzeitig im Krimi und im Spionageroman immer grössere und verzwicktere Intrigengebäude geschmiedet werden.

Das Buch liest sich sehr flüssig und die verschiedenen Geschichten ziehen einen leicht in den Bann - gerade, wenn man die Bücher nicht oder nur zu einem kleinen Teil kennt, auf die er sich bezieht. Peter von Matt setzt nicht voraus, dass man sie kennt - selbst wenn es sich um Klassiker oder Bücher aus dem vermeintlichen literarischen Kanon handelt. Ausserdem rehabilitiert er darin einen wichtigen Teil der vorschnell und oftmals zu unrecht als trivial verschrieenen Literatur.

Mir hat es sehr gefallen, dass er höchst selten in die Arroganz des gelehrten, belesenen Literaturwissenschaftlers schlüpft, der seinen Lesern von oben herab predigt, welche Bücher man als gut zu befinden habe und welche nicht. Das war erfrischend.

Gleichzeitig weiss ich nicht, ob ich das Buch uneingeschränkt empfehlen würde. Obwohl sich von Matt Mühe gibt, verfällt auch er ab und zu in den berüchtigten Geisteswissenschafter-Slang, den man nur schwer versteht, wenn man den entsprechenden Wortschatz nicht anderweitig gelernt hat. Ich konnte einiges noch verstehen, weil ich zumindest eine sozialwissenschaftliche Ausbildung habe - an manchen Stellen konnte ich ihm aber auch nicht mehr folgen. Das Buch war aber trotzdem spannend.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass er sich manchmal etwas in Details zu verlieren scheint oder jedenfalls nicht immer klar wird, warum er diese Intrige jetzt in aller Ausführlichkeit darlegt, während er andere nur streift - und am Ende erscheint es irgendwie beliebig. Ich hätte gerne noch mehr über das Thema gewusst und einige Punkte noch genauer angeschaut.

Schliesslich empfand ich das Buch auch als gute Inspirationsquelle für eigene Geschichten - man erfährt viel übers Schreiben an sich, wie man einen Plot planen könnte, woran man denken muss und wo man damit historisch steht.
27.11.08 22:26


Wie Geld von Sparbüchlein verschwindet

Zur Geburt meiner Schwester wollte ihr Götti ihr vor 21 Jahren eine Freude machen, von der sie später einmal etwas haben würde. Deswegen legte er in ihrem Namen ein Sparbüchlein bei der UBS an und bezahlte 200 Franken darauf ein.

Meine Schwester sollte das Büchlein erst bei der Volljährigkeit erhalten.

Nun lag das Büchlein bei ihrem Götti rum, er ist mehrmals umgezogen und hat die Zinsen seit 11 Jahren nicht mehr nachtragen lassen und auch seine neue Adresse nicht mehr gemeldet.

Vor zwei Jahren hat meine Schwester das Büchlein erhalten und diese Woche wollte sie endlich zur UBS gehen und das Geld abholen. 200 Franken kommen einer Studentin der Naturwissenschaften, die mit hohen Materialkosten zu rechnen hat, schliesslich sehr gelegen.

Am Schalter dann die grosse Enttäuschung:
Die "Kundenberaterin" erklärte ihr, dass die UBS allen Sparbüchleinbesitzern im Jahr 2000 einen Brief geschickt hätte, dass von nun an 24 Franken Spesen pro Jahr für das Büchlein anfallen würden - ob sie den Brief denn nicht erhalten hätte. Meine Schwester verneinte - war aber verunsichert, denn eigentlich hätte ja der Götti den Brief erhalten müssen, war sie damals doch noch Minderjährig und wusste überhaupt nichts von diesem Büchlein.

Kurz darauf fragte die "Kundenberaterin" meine Schwester auch noch nach ihrer Adresse, da man "die Adresse, die zum Büchlein gehört, verloren habe."

Leider ist meiner Schwester erst viel später aufgefallen, dass dies wohl auch erklären würde, warum sie den Brief nicht erhalten haben kann.

Die "Kundenberaterin" wollte jedenfalls nichts davon hören - erst hiess es gar, auf dem Konto sei nun ein Minusbetrag und sie müsse etwas bezahlen, um es aufzulösen. Schliesslich hiess es, sie hätte noch ca. 45 Franken übrig.

Vom lieb gemeinten Geldgeschenk ist also, statt wie die Werbung suggeriert, am Ende nicht mehr dagewesen als zu Beginn, sondern viel weniger!

Ganz ohne Aktien.

Gibt es eigentlich noch irgendein Ort, wo das Geld sicher ist?

Unsere Familie wird jedenfalls der UBS auf keinen Fall mehr auch nur einen Franken anvertrauen.


Edit:
Da habe ich mich zu früh und umsonst aufgeregt!
Die UBS hat ihren Fehler tatsächlich (und von alleine!) bemerkt und meiner Schwester die ganzen 200 Franken plus Zinsen überwiesen. Damit sind sie bei mir auch wieder rehabillitiert.
27.11.08 21:38


Wir haben etwas zu befürchten, auch wenn wir nichts zu verbergen haben

"Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten." Mit diesem Slogan versucht man uns seit dem 11. September immer neue Überwachungsmassnahmen und Einschränkungen der Grundrechte zu verkaufen. In der Schweiz soll zum Beispiel die Identitätskarte um einen Chip mit biometrischen Daten erweitert werden, sodass dann von allen Schweizerinnen und Schweizern die biometrischen Grunddaten gespeichert wären.

Auf den ersten Blick scheint das Argument ja durchaus vernünftig - es suggeriert uns, dass wir in einem vertrauenswürdigen Staat leben, dem wir unsere Daten anvertrauen können und dass wir dies zu unser aller Sicherheit tun würden. Denn schliesslich haben jene, die brav sind, ja nichts zu befürchten.

Dumm nur, dass die Argumentation an mehreren Stellen furchtbar krankt und sie für alle von uns potentiell hoch gefährlich ist. Hier die Gründe:

1. Die Argumentation gaukelt uns vor, die neuen Erfassungssysteme hätten eine Trefferquote von 100%. Denn sie behauptet ja, die ehrlichen Menschen hätten nichts zu befürchten. Das ist - selbst beim höchsten Kredit, den man diesen Methoden geben kann - schlicht unmöglich. Es gibt nichts, das völlig risikolos ist - es gibt kein Verfahren, das 100% fehlerlos läuft.

Rein formal gibt es bei jedem Test dieser Art vier mögliche Ergebnisse. Hier geht es beispielsweise um die Erkennung von Terroristen. Zwei davon sind unproblematisch:
- True positives - ein Terrorist wird tatsächlich als solcher erkannt (und verhaftet)
- True negatives - einer, der nichts zu verbergen hat, wird als normaler Bürger erkannt (und durchgewunken)

Aber dazu kommen die beiden problematischen Ergebnisse, die man zwar auf ein Minimum reduzieren, aber nie ganz verhindern kann:
- False positives - einer, der nichts zu verbergen hat, wird fälschlicherweise als Terrorist verdächtigt (und verhaftet)
- False negatives - ein Terrorist wird fälschlicherweise für einen unverdächtigen normalen Bürger gehalten

Es liegt in der Natur der Sache, dass sich die Kontrollbehörde in diesem Fall nur für die Quote false negatives interessiert - es gilt, die Chance, dass ein Terrorist durchs Netz fällt, auf ein absolutes Minimum zu reduzieren.

Dummerweise führt das aber automatisch und unvermeidlich dazu, dass die Quote der false positives ansteigt - dass also wegen der strengen Kriterien fälschlicherweise Leute ins Netz gehen, die völlig unverdächtig sind. Das kann man natürlich zynisch als "Kollateralschaden" abstempeln - bedeutet aber, dass definitiv auch jene etwas zu befürchten haben, die nichts zu verbergen haben. Je krasser die Kontrollen, desto mehr wird es treffen.

Nicht mehr gleichgültig wird es einem dann sein, wenn man selbst mit unhaltbaren Vorwürfen konfrontiert wird.

2. Das Prinzip untergräbt das in unserem Rechtssystem absolut zentrale Prinzip der Unschuldsvermutung und setzt an dessen Stelle die allgemeine Schuldvermutung.

Dieser Trend ist in unserer Gesellschaft, nicht zuletzt angeheizt durch Boulevardmedien, schon länger in vielen Bereichen zu erkennen, dass Menschen, die eines Verbrechens beschuldigt werden, implizit als bereits schuldig gelten. Das kann in vielen Fällen dazu führen, dass der reine Verdacht bereits Karrieren oder Leben ruinieren kann - oder dass andere aus Rache, Missgunst oder purer Berechnung jemanden mit voller Absicht falsch verdächtigen, im Wissen, dass "semper aliquid haeret" (etwas bleibt immer hängen).

Nun wird er also noch dadurch verstärkt, dass die allgemeine Unschuldsvermutung des Staates gegenüber seiner Bürger in eine allgemeine Schuldvermutung umgekehrt werden soll. Statt, dass nur die bereits bekannten Verbrecher registriert sein sollen, sollen es lieber alle Menschen - damit wird jeder einzelne als potentieller Verbrecher, statt als verantwortungsbewusster, mündiger Bürger behandelt. Denn, wer nichts zu verbergen hat...

3. Die Daten bleiben erhalten. Selbst, wenn wir so vertrauensselig sind, dass wir unserem demokratisch legitimierten Staat und seiner Verwaltung vertrauen, dass er unsere Daten nur zu unserem Schutz und in unserem eigenen Interesse verwendet, können wir dieses Vertrauen nicht unbeschränkt in die Zukunft geben. Es reicht schon, dass viele von uns - ich nehme mich da nicht aus - viel zu offenherzig mit ihren Daten im Internet umgehen, ohne dass wir abschätzen könnten, wer sie wofür verwendet. Rückgängig machen ist nicht möglich.

Was aber passiert, wenn ein totalitäres Regime an diese Daten gelangt?

Es hat auch in diesem Jahrtausend schon "ethnische Säuberungen" (ein absolut verharmlosendes Wort für eine schreckliche Sache) gegeben. Die menschenverachtende Idee, einzelne Bevölkerungsgruppen müssten ausgerottet werden oder verdienten es nicht, sich zu entfalten oder frei zu leben, wird kaum totzukriegen sein. Die Gefahr, dass aufgrund welcher Umstände auch immer eine Gruppe unschuldiger Menschen als Sündenbock herhalten muss, besteht permanent.

Obwohl es ein abgedroschenes, viel zu alarmistisches Beispiel ist - es ist dennoch das erschreckenste, sozusagen der Super-Gau: Aber stellt euch vor, die Nazis, die als bisher einziges Regime in geradezu monströser industrieller Genauigkeit Genozid betrieben haben, hätten die persönlichen Daten über alle Einwohner des Reichs zur Verfügung gehabt, die man heute sammeln will... wieviele Geschichten von Verfolgten, die aufgrund einer falschen Identität "noch einmal davongekommen sind", würden wir heute kennen?

Und vergessen wir nicht, dass diesem Regime eine Demokratie vorangegangen ist - wenn auch unter anderen Grundvoraussetzungen.

4. Es ist anzunehmen, dass jene Verbrecher, die man mit dieser Massnahme bekämpfen will, eher Mittel finden, ihnen Auszuweichen und sie zu überlisten, als dass es dem System gelingen würde, die Fehlerquote zu verringern. Damit bestraften die Massnahmen vor allem jene, die eben "nichts zu verbergen haben", ohne dass sie wirkungsvoll ihr Ziel erreichen.

Flughafenbetreiber wehren sich übrigens schon längst gegen höhere Sicherheitskontrollen - weil sie die Geduld der Passagiere unnötig strapazieren und das Fliegen eher gefährlicher als sicherer machen. Je mehr Kontrollen durchgeführt werden, desto grösser ist auch das Risiko, dass Fehler passieren.

5. Es gibt auch private Informationen, die man berechtigterweise vor der Öffentlichkeit verbirgt, ohne dass irgendjemand Schaden davontragen würde. Es ist eine der revolutionären Errungenschaften, dass es so etwas wie ein Recht auf Privatsphäre gibt. Der Satz höhlt auch dieses Recht aus, indem er vorgibt, jeder, der etwas verbergen wolle, tue dies zu Unrecht.

Das sind in meinen Augen genügend Gründe, beim Referendum gegen die Einführung der biometrischen Identitätskarte zu stimmen! Und vor allem, nicht alles unkritisch zu glauben, was einem Politiker weissmachen wollen. Angst ist zwar kein guter Ratgeber, Vertrauensseligkeit aber auch nicht - weder in die eine, noch in die andere Richtung. Keine Sicherheitskontrollen sind naiv und können sicherlich katastrophale Folgen haben - übertriebener Sicherheitswahn, der die gesamte Bevölkerung wie potentielle Schwerverbrecher behandelt, hat sie ebenfalls.
12.11.08 20:58


Willkommen im 21. Jahrhundert!

Bevor ich gestern Abend ins Bett bin, wusste ich noch nicht so richtig, was ich von den amerikanischen Wahlen halten und welchen Kandidaten ich nun wirklich unterstützen soll. Es gab für und wider für beide - und gutschweizerisch habe ich versucht, differenziert zu denken.

Als ich heute früh aufgestanden bin und den Fernseher eingeschaltet habe, hatte ich Tränen in den Augen, als ich Obamas Siegesrede hörte. Ich habe noch nie geweint wegen einer politischen Entscheidung. Ich wurde auch nicht emotional, weil der Charismatiker Obama gewonnnen hat, sondern weil mich das Gefühl überwältigt hatte, dass damit das schwere 20. Jahrhundert mit seinen beiden Weltkriegen, der ständigen Bedrohung des kalten Krieges und seiner harten Rhetorik zu Ende geht.

Plötzlich scheint alles in Bewegung, was noch vor ein paar Jahrzehnten festgefahren war. Es passt zur Hoffnung, die ich vor zwei Wochen hier über die Emanzipationsbewegung geschrieben habe.

Es ist möglich, dass einer mit einer dunkleren Hautfarbe amerikanischer Präsident werden kann.
Gleichzeitig gibt es in Deutschland eine Bundeskanzlerin und in der Schweiz 3 Bundesrätinnnen.

Dinge, die vor zehn Jahren noch absolut unmöglich erschienen, sind plötzlich möglich. Warum soll da nicht noch mehr möglich sein?

Vor allem aber hat sich eine neue - meine - Generation zu Wort gemeldet. Das ist etwas, was in den Berichterstattungen noch viel zu wenig gewürdigt wurde. Obama hat die Wahl nicht zuletzt deswegen gewonnen, weil viele Mitglieder der als unpolitisch und apathisch verschrienen jüngeren Generation sich mit vollem Elan dafür eingesetzt haben und vor allem auch wählen gegangen sind.

Es ist ein grosser Sieg für die Demokratie, einer, der auch gewürdigt werden sollte, dass die heutige junge Generation auf ihre Mittel vertraut und damit auch Erfolg haben kann - und nicht mehr auf Strasse und Pflastersteine zurückgreifen muss, weil ihnen alle anderen Wege versperrt waren. Dass die Jugend weniger radikal ist, ist nichts, das zu bedauern wäre, sondern etwas, das zeigt, dass das System zu greifen beginnt.

Als Politologin fand ich bemerkenswert und erfreulich, dass für einmal die Botschaft der Hoffnung über jene der Angst gesiegt hat. Das 20. Jahrhundert war geprägt von realer und fiktiver Angst - und gerade die USA hat seine eigene Identität sehr stark darüber definiert, wer "der andere", wer "der Feind" war. Je stärker die USA selbst wurden, desto grösser musste auch "der Feind" sein. Es schien fast, als würde dieses Land durch nichts anderes zusammengehalten, als die Angst vor einem bösen äusseren Feind, für den zu bekämpfen man zusammenhalten musste.

Jetzt gewinnt Obama, den seine Gegner aus dem vorigen Jahrhundert vergeblich als einer "der anderen" verunglimpfen wurde - mit einer Botschaft von Zuversicht, Hoffnung und Zusammenhalt über alle Grenzen hinaus. Es ist aufbauend, zu sehen, dass es möglich ist, mit einer solchen Botschaft eine Wahl zu gewinnen. Ohne gegen Sündenböcke zu wettern, ohne Feinde zu verunglimpfen.

Egal, wie es jetzt weitergeht. Egal, welche Rückschläge noch kommen werden. Amerika hat seinen Traum wieder. Und das ist gut so. Denn wie man in der Schweiz nach der Nichtwiederwahl von Christoph Blocher letzten Winter gesehen hat - solche Signale können Dynamiken auslösen, die niemand für möglich gehalten hätte.
5.11.08 21:32


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