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Hannah Arendt schreibt, dass die Geschichte immer unvorhersehbar ist. Eigentlich eine Binsenwahrheit - doch die Wissenschaft hat lange genug geglaubt oder gehofft, man würde sie einmal berechenbar machen können, wie die Naturgesetze der Physik. (Damals war ja auch die Quantenphysik noch nicht aktuell, die damit auch dort wieder aufgehört hat)

Was also können wir tun um diese Unvorhersehbarkeit wenigstens etwas in den Griff zu kommen? Arendt nennt da zwei Prinzipien, die mir gerade heute wieder sehr wichtig scheinen: Das Versprechen und das Verzeihen.

Wenn wir etwas versprechen machen wir einen Teil der Zukunft vorhersehbar. (Die Versprechen müssen natürlich gehalten werden - sonst funktioniert das Prinzip nicht). Besonders spannend finde ich aber das Verzeihen. Es geht darum, zu anderkennen, dass jemand zwar etwas schlimmes getan hat, aber wir nun bereit sind, diesen Teil der Geschichte für beendet zu erklären und uns anderem zuzuwenden.

Ja, wenn man es sich richtig überlegt, funktioniert menschliches Zusammenleben gar nicht ohne gelegentliches Verzeihen. Man verstrickt sich immer weiter in Schuld, Rachegefühle und Racheakte und kommt nicht zur Ruhe. Bis jemand mal "stop" sagt und den Neuanfang wagt.

Häufig erscheint es paradoxerweise auch einfacher, anderen Leuten ihre Fehler zu verzeihen als sich selbst seine eigenen. Warum? Ich finde, dass man gerade bei sich selbst auch mal vergangene Fehler ruhen lassen sollte. Sonst blockiert man sich. Es braucht viel Mut zu sagen: "Ich habe einen Fehler gemacht. Ich bereue ihn, aber ich kann ihn nicht mehr rückgängig machen. Ich habe mein Verhalten geändert, ich mache den selben Fehler nicht mehr - ich verzeihe ihn mir." Obwohl man es eigentlich "besser hätte wissen sollen".



Verzeihen kann auch dazu missbraucht werden, sich über den fehlerhaften Menschen zu stellen, von ihm Dankbarkeit zu verlangen. Das erscheint mir nicht als wirkliches verzeihen, sondern sogar fast noch schlimmer, weil heuchlerischer als die harte Haltung.



Verzeihen heisst nicht vergessen. Es heisst, weiterzuleben, die Sache hinter sich lassen - vorauszuschauen. Sich erinnern zu können, ohne weiter Groll zu hegen. Auch die Vergangenheit ist unberechenbar. Je weiter sie zurückliegt, desto leichter lassen sich Dinge verfälschen, verändern, anders hervorheben.

Nicht umsonst schreibt Klemperer in seinem Buch: Wenn sie entscheiden würden, täglich zu erklären, es habe nie einen Krieg zwischen 1914 und 1918 geben - nach spätestens einem Jahr würden es alle glauben.
5.4.05 14:18


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Kampf



Louisa wachte auf und spürte, dass sie sich nicht mehr bewegen konnte. Ihrem Körper fehlte nichts, das sie daran gehindert hätte. Aber sie blieb trotzdem bewegungslos, erstarrt im Bett liegen. Der alleinige Gedanke daran, einen Finger zu bewegen, kostete sie mehr Kraft, als sie aufbringen konnte.

Hilflos starrte sie auf die Decke. Sie war weiss. Sie hatte die Decke noch nie beachtet. Sie bemerkte, dass das Weiss nicht lückenlos war. Die Maler hatten an einigen Stellen gepfuscht und das grau der Betondecke drückte durch. Winzige, dunklere Streifen verzierten jene Stellen, an denen der Pinsel dicker auftrug.

Louisa versuchte, ihr Bein anzuwinkeln, sich zu drehen, vielleicht aufzustehen. Aber es gelang ihr nicht. Eine Stimme erhob sich in ihr. „Bleib im Bett. Mach ein Ende! Die Welt hasst dich, was willst du raus?“ Sie möchte, dass die Stimme verstummt. Doch sie hat nicht die Kraft, sie zum Schweigen zu bringen. Gnadenlos spricht sie weiter: „Schau dich doch an. Du bist fett, du bist hässlich. Wenn du raus gehst, bist du lächerlich und peinlich.“

Die Brust beginnt zu schmerzen, als würde jemand auf ihr Herz drücken. Ein Kloss bildet sich im Hals, sie möchte sich drehen, sie möchte atmen. Aber sie kann nicht. Sie ist zu schwach gegen die Kraft anzukommen, die sich gegen sie stemmt. Könnte sie eine Hand heben, sie würde sich Ohrfeigen. Hätte sie doch ein Messer hier, damit sie die Pulsadern durchschneiden könnte. Sich befreien, von der Stimme, von dem stinkenden, unförmigen Fleischklops, in dem sie gefangen sitzt; Hinter Mauern, die dicker sind als ein Maurer sie bauen könnte. Sie sind unsichtbar für die anderen.

„Das ist nicht wahr!“ schreit eine verzweifelte, optimistische Stimme in ihr. Doch sie verhallt. Gehört, aber nicht erhört. Der Weg zum Fenster wäre nicht weit. 6 Stockwerke würden reichen. Wenn sie bloss diesen fetten Arsch hochkriegen würde. Die Erlösung ist so nah!

Plötzlich löst sich alles. Sie dreht und wendet sich. Schlägt in die Bettdecke, auf die Matratze. Spannt sich an und beisst die Zähne aufeinander. Der Kampf ist eskaliert, er hat den Körper genommen und sie ist hilflos. Könnte sie doch...

22.4.05 01:23


Das Leben erleben



Ich sitze in der Küche, die Rollläden an den Fenstern sind heruntergelassen, weil es Sommer ist und es sonst zu heiss würde. Mein Bruder sitzt am Tisch, ich starre die Lampe über dem Tisch an und es überkommt mich – das Gefühl, die Welt zu spüren. Ich realisiere, dass mein Bruder ein Mensch ist, ein Mensch ausserhalb von mir, dass er und ich einen Körper haben, den Körper, der sich im Raum bewegt, in der Küche, im Haus. Es ist, als wäre ich aus einem Traum erwacht, als hätte ich vorher gar nicht gelebt. Doch diese neue Wirklichkeit unterscheidet sich nicht vom Traum. Die Küche sieht gleich aus, mein Bruder hat sich nicht verändert.

Damals war ich vier Jahre alt. Ich erinnere mich immer wieder an die Situation, die Küchenlampe, der halbdunkle Raum, mein Bruder – alles taucht wieder auf, wenn ich es spüre. Das Gefühl kehrt zurück. Manchmal, unverhofft, überfällt es mich wieder. Ich kann nicht mehr denken, nicht mehr handeln. Erstarrt verharre ich und versuche zu verstehen, was mit mir passiert ist. Versuche die Welt, die sich mir eröffnet, zu fassen. Doch denken kann ich so nicht. Sobald ich denke, dem Alltag nachgehe, etwas tue, in irgendeiner Form handle, verschwindet das Gefühl wieder. Dieses Gefühl lässt mich glauben, dass die Welt wirklich ist, nicht nur ein Traum oder ein Produkt meiner Vorstellung. Der Alltag schein sich zwar nur in meinem Kopf abzuspielen. Obwohl ich mich auch dann im Raum bewege, mit anderen Menschen in Berührung komme, mich körperlich betätige oder vielleicht sogar über die Welt nachdenke, bleibt alles seltsam eindimensional, auf mich zentriert. Dieses bestimmte Gefühl aber macht die Welt erlebbar, mehrdimensional, als öffnete sich mir ein Raum, den ich vorher nie bemerkt hätte. Betreten kann ich ihn nicht. Ich bin niedergeschlagen, versuche den Moment zu behalten, ihn in den Alltag zu retten, aber ich schaff es nicht. Die Erstarrung gehört dazu – vielleicht umschreibt „staunen“ das selbe. In der Situation wird Mathematik und Physik unwichtig, die Welt unberechenbar. Selbst wenn ich auch dann nicht vergesse, dass es Schwerkraft gibt, nützt es mir nichts, sie zu kennen. Sie ist da, ich merke, dass sie mich hält, auch wenn ich nichts anderes tun kann, als mich darüber zu wundern, dass sie es tut.

Ich erlebe, dass es eine andere Art von Leben gibt, als die, mit der ich im Alltag konfrontiert bin. Trotzdem bin ich machtlos, mein Leben auf diese Art zu gestalten, da ich in den Momenten, in denen ich mich ihrer bewusst werde, nicht handeln kann. Ich kann nicht in dieser Erstarrung leben, ich muss mit dem Leben weitermachen, das ich begonnen habe. Wie leicht wäre es doch, nichts mehr zu tun, sich dem Gefühl ganz hinzugeben, mit dem Leben eins zu sein. Doch dadurch würde ich nicht das Leben spüren, sondern es beenden.

(2001)

22.4.05 01:23





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