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Wo kämen wir denn hin...

... wenn man auch noch darauf Rücksicht nehmen würde.

Es gibt Situationen, in denen sich alle beteiligten Parteien einig darüber wären, was ethisch gesehen das Richtige wäre. Zum Beispiel etwa, dass Menschen, die Vollzeit arbeiten auch von ihrem Verdienst müssten leben können. Oder dass es besser ist, weniger CO2 in die Umwelt abzugeben als mehr.
Trotz dieses breiten Konsens wird oft aber nichts dagegen unternommen - und wenn es Menschen gibt, die mutig einfordern, was alle als das moralisch Richtige ansehen, bekommen sie oft zu hören - "ja, aber wo kämen wir denn hin..."

Wo kämen wir denn hin ist die bequemste aller Ausreden. Und sie ist eine Kapitulation vor etwas, das sich gar nicht so richtig festmachen lässt. Davor, dass die Welt nun mal schlecht sei? Dass man nicht versuchen sollte, sie zu ändern? Ein Klammern an einen Status Quo, weil man nicht weiss, wie die Alternative aussehen würde? Weil einem die Alternative nicht gefallen würde?

"Wo kämen wir denn hin", heisst, von Menschen zu verlangen, dass sie auf etwas, auf das sie ein Anrecht hätten, verzichten - zum Gemeinwohl? Zum Wohl der Wirtschaft?
Dieses Opfer jedoch erntet keine Dankbarkeit, keine Anerkennung - es wird aufgezwungen, belächelt. Und insgeheim ist man vielleicht froh, es nicht selbst erbringen zu müssen.

Eine Geschichte, die mir in diesem Zusammenhang immer wieder in den Sinn kommt, war eine der ersten Bewerbungen meiner Mutter nach ihrer Familienpause.

Meine Mutter ist Grundschullehrerin und hat nur ein paar Jahre auf ihrem Beruf gearbeitet bevor sie geheiratet hat. Sie hat sich damals entschieden, auf ihre Arbeit zu verzichten und hat sich stattdessen um den Haushalt und die Erziehung von ihren 5 Kindern gekümmert. Daneben war sie immer ehrenamtlich sehr engagiert, im Turnverein und manchmal hat sie auch ein halbes Jahr lang ein paar Stunden Deutsch für Fremdsprachige unterrichtet, für die sie ein kleines Taschengeld verdient hat.

Nachdem dann auch meine jüngste Schwester zur Schule ging und nicht mehr so viel Betreuung brauchte, besuchte meine Mutter einen Wiedereinsteigerinnenkurs und fing an, sich für offene Stellen zu bewerben.

Als sie dann tatsächlich an einem Ort erfolgreich war und es um die Lohnverhandlungen ging, hiess es, sie als Junglehrerin müsse in der untersten Lohnklasse anfangen, schliesslich hätte sie nur ein paar Jahre unterrichtet und würde nicht über viel Berufserfahrung verfügen.

Meine Mutter fragte daraufhin nach, was denn mit den Jahren als Familienfrau sei. Immerhin hat sie sich da auch um Kinder gekümmert und Erfahrungen gesammelt - ob diese denn gar nicht mit einberechnet würden?

Die Antwort der Schulrätin: "Wo kämen wir denn hin, wenn jede Hausfrau das auch noch als Berufserfahrung angeben könnte."

Man mag jetzt mit rein "objektiven" Kriterien an die Frage gehen, sich überlegen, wie man die Familienerfahrung denn würde beziffern können und dass es bestimmt nicht gänzlich gleich und vergleichbar sei, ob sich jemand um eigene oder fremde Kinder kümmere.

Dennoch - meine Mutter verfügte mit ihren damals 45 Jahren bestimmt über mehr Erfahrung im Umgang mit Kindern als eine 25-jährige Junglehrerin. Die fachlich-didaktischen Kenntnisse, die diese junge Lehrerin ihr voraus hatte, hatte meine Mutter mit dem Wiedereinsteigerinnenkurs zumindest teilweise aufgeholt. Sie verdiente trotzdem gleich viel wie sie.

Es zeugte vom wenigen Respekt, der dem Opfer jener Frauen entgegengebracht wird, die sich für die Familie entschieden haben. Und es gibt kaum jemand, der sich für sie einsetzt. "Jede Hausfrau und Mutter" klingt abwertend, etwas, das jede werden kann, das keine besonderen Qualitäten erfordert und auch keine wertvollen Erfahrungen erzeugt, die im Berufsleben nützen könnten.

Ich will damit nicht dazu aufrufen, dass mehr Frauen Hausfrauen werden sollen oder gar, dass es die biologische Bestimmung von Frauen wäre, zu Hause zu bleiben. Im Gegenteil! Ich selbst möchte diese Aufgabe auf keinen Fall übernehmen und wäre dazu auch nicht fähig. Ich bin froh, dass es heute immer mehr Möglichkeiten gibt, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, dass das persönliche Opfer kleiner wird - oder dass zumindest mehr Auswahl besteht, welche Lösung für die eigene Familie die beste ist.
Aber mir ist Respekt sehr wichtig. Und ich finde, Respekt sollte sich nicht nur an einem willkürlich gewählten Tag im Jahr mit symbolischen Gesten äussern - sondern sich auch im ganz praktischen Alltag ausleben.

Die Schule, die meine Mutter damals eingestellt hat, hat gleich doppelt von ihrem Einsatz profitiert. Sie hatten eine billigere Arbeitskraft mit mehr Erfahrung und Gelassenheit in vielerlei Bereichen. Und sie will diesen Profit nicht mit ihr teilen, weil wir ja dann irgendwohin kämen, wo die Schule nicht sein will.

Was ist dieser Ort, an den wir hinkämen, wenn uns Respekt wichtiger wäre als scheinbar objektive Machbarkeit? Ich weiss es nicht - denn es hat, soweit ich weiss, noch nie jemand versucht, dahin zu gehen.
2.3.07 00:19


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