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Mein Laptop - ein Nachruf

Manchmal wundert man sich schon, wie alles irgendwie zusammenzupassen scheint…

Mein Laptop hat den Geist aufgegeben.

Gestern Abend, als ich ihn einschalten wollte, drehte die Festplatte nur noch im Leerlauf, der Bildschirm hatte ein paar feine blaue Streifen, dann blieb er ganz schwarz. Der Windowston, der anzeigen würde, dass er doch hochgefahren wäre, kam nicht mehr.

Mit anderen Worten: mein alter Laptop existiert nicht mehr. Alle Daten, die seit der letzten Sicherung vor zwei Monaten neu dazugekommen oder verändert worden sind, gibt es nicht mehr.
Alle. Weder die Texte, noch die Musik, noch die Bilder… alles weg, was nicht irgendwo noch rumschwirrt.

Meinen ersten Laptop habe ich vor fünf Jahren gekauft. Damals hat er noch fast einen ganzen Monatslohn gekostet, die Preise sind hier unheimlich gesunken. Da ich via Rechnung bezahlt hatte, musste ich eine Woche warten, damit sie meine Solvenz prüfen konnten. Alles sehr aufwendig.

Als ich ihn dann endlich in den Händen hatte, konnte ich es kaum glauben. Ich hatte vorher noch nie etwas so teures für mich gekauft, ich hatte hart dafür gearbeitet und es war nach der ersten eigenen Wohnung ein weiterer Schritt Richtung Selbstständigkeit.

Ich brauchte den Laptop fürs Studium, aber als ich ihn gekauft hatte, war ich noch keine Studentin. Ich hatte auch keine Internetverbindung. Damals war es noch nicht so leicht, eine eigene Verbindung zu haben und Wireless LAN gab es noch nicht, jedenfalls nicht für den Heimmarkt.

Es war auch mein allererster DVD-Player und diente deshalb zu Beginn für allem dazu, DVDs abzuspielen – neben dem Schreiben, was ich immer getan habe.

Mit diesem ersten Laptop bin ich nach Genf gezogen. Dort hatte ich immer noch keine Internetverbindung, denn um das Telefon einzurichten hätte ich ja einen Elektriker anrufen sollen, auf Französisch noch dazu, das war einfach zu viel. So habe ich tatsächlich ein dreiviertel Jahr lang monatlich die Telefongrundgebühr bezahlt, ohne dass ich hätte telefonieren oder ins Internet gehen können.

Nachdem ich das dann endlich, endlich mal erledigt hatte, ging ich zuerst mit dem normalen integrierten Modem ins Internet. Langsam und vor allem sehr schnell sehr teuer. Nach zwei Jahren in Genf habe ich ein ADSL-Abo gemacht und ein solches Modem gekauft.

Vor drei Jahren fing meine Schwester ihr Studium an und kaufte sich zu diesem Zweck einen Laptop. Eigentlich hatte sie ja ein iBook im Auge gehabt, aber sie dachte, sie könnte mit Windows besser umgehen und hat deshalb ein Acer Notbook gekauft. Nach nur zwei Monaten war ihr Ästhetiksinn dann aber doch grosser und sie entschied sich, ein iBook zu kaufen.

Ich habe mich bereiterklärt, ihr den Acer-Laptop mit einer kleinen Preisreduktion abzukaufen und habe dafür meinen alten Laptop meinem Bruder verkauft. Das war das Notebook das ich seither hatte.

Es fühlt sich seltsam an, dass dieser Laptop nun nicht mehr funktioniert. Fast, als hätte mich ein guter Freund verlassen. Das klingt seltsam, denn es ist und bleibt ein Laptop und ich sitze ja jetzt bereits vor dem Ersatz.

Dennoch – auf dem alten Laptop habe ich meine Lizarbeit geschrieben und damit meine Unikarriere abgeschlossen. Ich habe all meine Zeitungsartikel darauf verfasst. Er ist im Koffer verstaut mit mir etwa 65‘000 km gereist, von Genf nach Uri und wieder zurück. Schliesslich war es auch dieser alte Laptop, der die schlimmsten Phasen meiner Internetsucht aushalten musste, in denen er teilweise bis zu 20 Stunden am Tag ununterbrochen gelaufen war.

Dieser exzessive Gebrauch war es auch gewesen, der dazu geführt hatte, dass er nach drei Jahren den Geist aufgegeben hat. Letzten Herbst ist der Akku durchgebrannt. Damals, als ich mitten in der Endphase meiner Abschlussarbeit war und das erste Mal Angst hatte, meine ganze Arbeit zu verlieren, weil ich sie nirgends sonst gespeichert hatte. Es war auch dann, als ich panisch die externe Festplatte gekauft hatte, auf der ich jetzt meine Daten wenigstens bis letzten Juli gespeichert hatte.

Im letzten Herbst ging es dann weiter. Der Laptop wurde druckempfindlich, wenn ich zu grob damit umging und hörte manchmal einfach unvermittelt auf zu arbeiten. Im Juni dieses Jahres schliesslich brannte auch noch das Netzgerät durch und ich bin kurz vor Ladenschluss noch panisch in die Stadt gefahren um einen Ersatz zu kaufen. Ein paar Tage später fing die Festplatte an, manchmal laut zu drehen. Das war Anfang Juli, damals, als ich mein letztes Backup gemacht hatte.

Nun war seine Zeit definitiv gekommen. Ein paar Wochen nach meinem Handy und in einer Phase, in der ich es mir finanziell eigentlich nicht wirklich leisten könnte, grosse Sprünge zu machen.
Trotzdem musste ein Ersatz her – denn ich bin für meine Arbeit als freie Journalistin darauf angewiesen, einen eigenen Laptop zu haben. In meiner Wohnung habe ich ausserdem kein Telefon und keinen DVD- oder Videoplayer, nur einen kleinen Fernseher und das Handy für Aussenkontakte, und eine Internetverbindung, die mir nichts bringen würde, hätte ich kein Gerät, mit dem ich sie gebrauchen könnte.

Der Moment, den mein alter Laptop für den Absturz gewählt hat, war ja gut, eine Woche, nachdem mich beschlossen hatte, meinem Leben eine neue Ausrichtung zu geben. Dennoch, ich kann meine Texte nicht mehr von Hand schreiben. Ein Laptop ist für mich kein Luxusprodukt, sondern eine Notwendigkeit.

Mein neuer Laptop ist nicht mehr von Acer, sondern von HP. Er sieht sehr funktional aus, mit anderen Worten, nicht gerade ein Wunderwerk der Designkunst – aber sehr kompakt und praktisch fürs herumreisen.

15‘‘ Bildschirm, grösser wäre bei meinem Reiseaufkommen einfach unpraktisch und, leider, mit Windows Vista. XP gab es nicht mehr und wäre wohl auch nicht sinnvoll gewesen. Jetzt kämpfe ich hier noch gegen das neue Betriebssystem und darum, all meine Anwendungen wieder installieren zu können, mit denen ich vorher regelmässig gearbeitet hatte.

Welche Daten ich auf meinem Backup habe, werde ich noch herausfinden – die Festplatte ist in meiner Wohnung und ich bin gerade bei meinen Eltern. Neuerungen, Veränderungen sind ja angeblich etwas Gutes, aber manchmal trauert man den alten, ausgetretenen Pfaden doch nach. Der neue Laptop fühlt sich noch nicht an wie mein Laptop. Auf meinem alten wusste ich bei den meisten Dingen, genau, wo ich sie suchen musste – ich kannte mich aus, ich kannte die Handgriffe… jetzt muss ich mich an etwas Neues gewöhnen. Mal sehen, wie lange es dauert, bis auch dieser Laptop wieder mein „alter Laptop“ wird.
1.9.07 20:28


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Herbst

Früher habe ich oft gesagt, dass ich keine Lieblingsjahreszeit hätte, dass ich jede Jahreszeit mag, wenn sie neu ist und sie mir auf den Geist geht, wenn sie dem Ende zugeht; dass ich die ersten richtig warmen Sonnenstrahlen im März liebe, wenn die Vögel plötzlich am Morgen wieder singen; wenn man im Juni merkt, dass die Nächte lauer werden und man wieder gefahrlos im kurzen Rock aus dem Haus kann; die ersten Schneeflocken Ende November…

Aber es stimmt nicht. Ich habe eine Lieblingsjahreszeit. Als ich heute um acht aus dem Kino kam und es schon wieder fast dunkel war, weil es in Strömen regnete, wusste ich es. Dass der Sommer, der keiner war, vorbei ist. Dass der Herbst da war. Ich hätte laut lachen können, als ich alleine den stillgelegten Tramgeleisen die Marktgasse hinuntergeschlendert bin. Die Lichter der Altstadt, alle Menschen unter den Lauben, nur ich mit dem roten Regenschirm Mitten auf der Strasse.

Der Herbst, den ich kenne, entspricht nicht dem neblig trüb-grauen Klischee. Ich erinnere mich noch gut, wie wir im zweiten Gymi im Deutschunterricht das Thema Herbst behandelten und wir alle eine Zeichnung machen sollten, wie der Herbst für uns aussieht. Alle Bilder waren grau, neblig, trüb, dunkel – nur meines nicht. Herbst, das ist für mich stahlblauer Himmel, so klar und strahlend, wie es ihn in keiner anderen Jahreszeit gibt. Das sind knallig rot-gelb-grüne Wälder, Bäume voller Früchte und die goldgelben Wiesen in den Bergen, während weiter oben schon der erste Schnee gefallen ist.
Keine Jahreszeit ist so kontrastreich, keine Jahreszeit bietet von Natur aus so viele Farben wie der Herbst. Herbsttage in den Bergen sind klarsichtig, ungetrübt, als hätte jemand Farbtöpfe ausgekippt.

So lange, bis in der Stadt die Marroni-Verkäufer ihre Stände wieder aufbauen und man den Winter schon von weitem riecht. Dann, wenn die Heizungen wieder gebraucht werden, wenn es trotz warmer Tage abends wieder kalt wird, wenn die Heizungen wieder angehen und es langsam Richtung Winter driftet.

Manchmal mag ich sogar den dichten Bodennebel, in dem man kaum vor die Nase sieht, wenn alles wie in Watte gehüllt liegt, still, geheimnisvoll… Der Nebel wird erst anstrengend, wenn er über Wochen liegt, ohne auch nur einen kleinen Blick auf die Sonne freizulegen. Aber genau dann wird die Stadt wärmer als sonst. Dann wirken die Lichter und die Türen noch einladender.
Am liebsten aber mag ich am Herbst, dass ich ihn fühlen kann, wenn er kommt. Herbst ist wie durchatmen nach der drückenden Hitze des Sommers. Vielleicht, weil die Schule und die Uni immer im Herbst begonnen hat, bedeutet für mich Herbst nicht Abend oder Abschluss, wie man es vielleicht allgemein deutet, sondern Aufbruch.

Im letzten Herbst habe ich meine Lizarbeit in Genf geschrieben. Damals sah es nicht sehr gut aus – ich war mehrmals nahe daran, die Sache hinzuschmeissen. Nun, da ich es hinter mir habe und alles gut rausgekommen ist, sind die Erinnerungen daran auch nicht mehr so schlimm.

Ich habe den grössten Teil der Arbeit morgens von 5 bis 9 geschrieben, weil es die Zeit war, in der ich am wenigsten gestört war. Es war hart, immer so mitten in der Nacht aufzustehen – aber es hatte auch etwas sehr schönes.

Ich stand auf und das erste, was ich tat, war den Wasserkocher einzuschalten und mir Kaffeewasser zu machen. Gleichzeitig wurde der Laptop aufgestartet. Dann habe ich den Rolladen vor meinem Fenster etwas geöffnet, gerade so, dass ich von meinem Platz aus hinaussehen konnte.

Damals hatte ich ein Zimmer im obersten Stock eines privaten Wohnheims, mitten in der Genfer Altstadt, direkt gegenüber der Kathedrale. Um diese Zeit war die Kathedrale noch mit Scheinwerfern beleuchtet, sonst war alles dunkel und still, die Stadt schlief noch.

Ich mochte es, mitzuerleben, wie es langsam Tag wurde – mein Fenster zeigte Richtung Osten, ich konnte an schönen Tagen das Morgenrot hinter der Kathedrale sehen, während ich an meiner Arbeit schrieb, während alle anderen im Haus noch schliefen, bis um 6 die Putzfrau kam und anfing, in den Gängen zu arbeiten.
Meistens arbeitete ich bis sieben oder halb acht, je nach Schreibfluss, bevor ich mich in meinen schwarzen Trenchcoat gepackt hatte und raus in den kühlen Morgen ging. Ich hatte mit der Zeit eine sich nur leicht verändernde Route für meinen Morgenspaziergang durch die Genfer Altstadt. Es war schön, mitanzusehen, wie die Lichter langsam erlöschten, während es heller wurde, wie die Strassen belebter wurden, wie die kleinen Altstadtläden mit ihren Waren versorgt wurden, bevor sie öffneten. Dann ging es durch den Parc des Bastions, der Allee entlang, neben Joggern und den ersten Leuten, die zur Arbeit gingen, hoch über die alte Stadtmauer zurück in die Altstadt und rein in die Wärme zum Frühstück.

Während ich noch Vorlesungen hatte und bevor ich mir dieses Frühaufsteherprogramm ausgedacht hatte, war ich oft zu spät beim Frühstück und es gab bereits kein Brot mehr. Nun war ich immer eine der ersten, hatte die ganze Auswahl und genügend Zeit, meinen vierten Kaffee am Tag in Ruhe zu geniessen. Eine Tasse nahm ich dann mit aufs Zimmer um noch ein wenig zu arbeiten, bis der Tag richtig da war und ich mich hinlegte oder zum Weiterarbeiten in ein Café ging.

Schlaf bekam ich damals nicht genug – ich wusste, dass diese Efforts nur vorübergehend sein würden um die Arbeit noch zu schaffen. Es war hart, es war sehr hart, gegen die Unsicherheit und die wachsende Verzweiflung anzukämpfen – dennoch hatten diese Momente immer etwas spezielles, etwas magisches. Als wäre ich noch halb im Traum durch eine Welt gewandelt, von der ich nicht sicher war, ob ich ihr wirklich angehörte.
3.9.07 21:38


Famlienirrtümer, Teil 2

Das faszinierende an Sozialforschung ist, dass man immer wieder mit seinen eigenen, scheinbar gefestigten "Wahrheiten" konfrontiert wird - oder auch solchen, die in der Gesellschaft als offensichtlich hin und her gereicht werden.

Eine solche "Wahrheit" ist das Gerede, dass heutzutage ja die "Lebensabschnittspartnerschaft" immer häufiger würde und das früher ja ganz anders gewesen wäre. Verbunden damit ist dann auch die Feststellung, dass "Patchworkfamilien" - man sieht es schon an der Bezeichnung - etwas furchtbar neues wären. Das gleiche gilt für die angeblich "verbreitete Kinderlosigkeit".

Das stimmt so nicht.

Das, was wir als "normal" und "traditionell", entspricht einer historisch sehr kurzen Periode von 30 Jahren grossen wirtschaftlichen Aufschwungs der Nachkriegsjahre - auf Französisch auch die "30 glorieuses" genannt. Eine Zeit, in der in Europa und in den USA praktisch Vollbeschäftigung herrschte, in der es zum ersten Mal so etwas wie Wohlstand für die breite Bevölkerung gab. Sie ist aber - wie schon gesagt - historisch gesehen, die Ausnahme, nicht die Regel.

Lebensabschnittspartnerschaften und Patchworkfamilien waren vorher jahrzehnte-, ja jahrhundertelang die Regel. Der einzige Unterschied der modernen Formen dieser Familienart im Gegensatz zu früher ist die Tatsache, dass oft beide Elternteile, bzw. beide Partner überleben.

Die Lebenserwartung war in der Vorindustriellen und auch im frühen Industriezeitalter so tief, dass es sehr häufig vorkam, dass ein Ehepartner starb, bevor es Kinder gab oder noch häufiger, während die Kinder klein waren. Viele Mütter starben am Kindsbett, dass sie einen Witwer mit einem oder mehreren kleinen Kindern hinterliessen. Dieser Witwer blieb meistens nicht lange alleine - er heiratete wieder, die Stiefmutter ist in Märchen nicht umsonst eine häufig auftauchende Figur - und hatte mit dieser Frau neue Kinder... und so weiter. Patchworkfamilien eben.

Durch Kriege, Arbeitsunfälle und Krankheiten konnte auch das Gegenteil passieren - dass der Vater starb und die Mütter bald neu geheiratet hatten.

In Bauernfamilien, im Grossgrundbesitz und im Feudaladel war es ausserdem Gang und Gäbe, dass mehrere Familien unter einem Dach lebten - entweder als Clans, im Falle der Bauern, oder bei vermögenderen Menschen neben den Hausherren auch das Gesinde mit ihren eigenen offiziellen und inoffizellen Familien.
Dass es dabei mit der Treue nicht immer so genaugenommen wurde, ist klar. Diese Art von Patchworkfamilie hatte auch verschiedene lebende Elternkonstellationen - nur, dass sie im Vergleich zu heute je nach sozialem Stand und Geschlecht sehr ungleiche Recht hatten.

Ob Patchworkfamilien nun gut oder schlecht sind, will ich hier nicht beurteilen - aber diese Geschichten zeigen klar, dass die Situation heute nicht so viel anders und so unglaublich neu ist, wie man uns immer weissmachen will. Es ist vielmehr eine Errungenschaft, dass die Sterblichkeit heute so tief ist, dass viele Leute alt werden können . Dass unter diesen Umständen das Gelübde, "wir bleiben bis ans Lebensende zusammen" eine ganz andere Bedeutung bekommt, wenn es im Durchschnitt gut und gerne 50 oder mehr Lebensjahre bedeutet, etwas anderes ist als wenn es etwa 20, 30 Jahre betrifft.

Auch die Anzahl Kinderloser hat im historischen Vergleich nicht zugenommen - vielmehr bilden die "30 glorieuses" auch hier eine Ausnahme der Regel. Dass es früher eine höhere Geburtenrate (Kinder/Frau) gab, liegt nicht daran, dass mehr Familien Kinder hatten - sondern dass jene, die Kinder hatten (wohl auch mangels Verhütungsmöglichkeiten), mehr Kinder hatten als heute.
6.9.07 19:14


Spätsommerausflug

Sich aufzuraffen, einen Ausflug ohne genaues Ziel und ganz alleine zu unternehmen ist nicht ganz einfach; besonders, wenn man auch noch mehrere Reiseideen hatte, ohne sich schon für eine entschieden zu haben und einiges an Schlaf nachzuholen hatte.

Aber da man in dieser Situation auch ohne jeglichen Zwang ist, konnte ich es mir erlauben, erst um halb zwei aufzustehen und den Zug um 14.09 zu nehmen. Ja, wenn ich mal aus dem Bett bin, dann bin ich schnell bereit.

Die Reise ging zuerst von Bern nach Interlaken Ost und bis Meiringen. Als der Zug dort einfuhr, wusste ich noch nicht, ob ich aussteigen oder nach Luzern weiterfahren sollte. Ich habe mich ganz spontan entschieden, auszusteigen, als ich den Supermarkt gleich neben dem Bahnhof sah, in dem ich noch etwas dringendes kaufen wollte, bevor sie samstags zumachen.

Ich habe die Zeit im Zug und selbst die Stunde in Meiringen vor allem zum Lesen benutzt und zum gemütlichen Kaffee und Zurücklehnen in der Sonne.

Eigentlich wollte ich den nächsten Zug Richtung Luzern nehmen - aber als ich sah, wieviele Leute am Bahnhof warteten, habe ich beschlossen, stattdessen den Regionalzug zurück nach Interlaken Ost zu nehmen.

Wieder gänzlich spontan - ein unglaublicher Vorteil, wenn man alleine unterwegs ist - entschied ich mich in Brienz auszusteigen. Der Bahnhof ist dort direkt am Brienzersee und ich sah im Vorbeifahren ein paar schöne Plätzchen, die Sonne stand noch hoch am Himmel und so befand ich, dass es schade wäre, schon zurückzufahren, wenn es hier so schön wäre. Folgende Notizen habe ich am See gemacht:

Es ist ein sonniger Spätsommertag, oder sollte man schon Frühherbst sagen? In den Bergen ist es abgesehen von gelegentlichen Wolken strahlend, im Mittelland hartnäckiger Dunst, der den Blick von weitem wie eine Milchglasscheibe trübt.

Am Ufer des Brienzersees sehen die Berge aus wie auf einem verschwommenen Aquarellblid. Die ersten feinen, wässrigen Pinselstriche werden Schicht um Schicht überdeckt als wären sie durchsichtig. Erst die Hänge, die näher sind, werden detailreicher und die Farben satter, dass man sie auch erkennen kann.

Manchmal kommt mir die Welt vor wie unglaublich präzise Reliefs oder Modelleisenbahnumgebungen. Die Bäume sind so weit weg, dass sie nicht wie Bäume wirken, sondern wie die zusammengeknüllten und aufgeklebten Papierkügelchen in den Nachbauten. Dann glaubt man, nur die Hand ausstrecken zu müssen um die kleinen Autos in der Ferne zu bewegen, wie Spielzeug.


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Von Brienz ging der Weg dann doch wieder zurück nach Meiringen und über den Brünig nach Luzern, wie ich es ursprünglich geplant hatte - ganz einfach, weil das der erste Zug war, der gekommen war und in diese Richtung weniger Leute standen. Es war eine gute Entscheidung. Ich kenne die Brünigstrecke nicht schlecht von zahlreichen Autofahrten auf dem Rücksitz meiner Eltern - aber mit dem Zug war ich da noch nie unterwegs. Es war sozusagen ein Novum.

Von Luzern nach Bern war es dann wieder Routine, die Strecke, die ich seit fünf Jahren fast jedes zweite Wochenende zurücklege, an der ich jedes Haus, jeden Baum und jedes kleine Lichtlein in der einbrechenden Nacht kenne. Dennoch, es war kein schlechter Abschluss einer Fahrt ins Blaue, ohne Ziel, mit viel Zeit zum Nachdenken und Lesen.
8.9.07 22:10


Zwischen den Zeilen steht nichts

„Zwischen den Zeilen steht nichts“, diese Aussage pflegte mein Deutschlehrer immer wieder zu wiederholen. Ich stimme ihm zu. Man braucht nur ein Buch aufzumachen und hinzusehen um zu merken, dass er recht hat. Zwischen den Zeilen steht nichts.

Natürlich, mag man erwidern, „zwischen den Zeilen lesen“ sei nicht wörtlich zu verstehen, es sei eine Metapher und bedeute, dass man den tieferen Sinn einer Geschichte aufnehmen soll.
Und genau hier setzt die Aussage meines Deutschlehrers ein. Wenn man sich darauf einlässt, dass zwischen den Zeilen nichts steht, muss man sich ein anderes Motto zu Nutzen machen: „Look closer.“ (Die Tagline des Films „American Beauty“)

Nicht zwischen den Zeilen zu lesen heisst nicht, so zu tun, als hätten Sätze und Geschichten nur den unmittelbar erkennbaren Sinn. Es bedeutet, sich die Wörter, die Sätze, den Aufbau, ihre Geschichten, ihr Klang, ihre Bedeutungen… genauer anzusehen. Zwischen den Zeilen ist nur ein Hohlraum; das was sich nicht unmittelbar aus einem Text erschliesst, das, was er unterschwellig mitträgt, ist ebenfalls im Text selbst. Es ist in den Wörtern, es ist in der Syntax versteckt.

Wenn man sich auf diese Arbeit einlässt, wird man zum Detektiven, dann fängt man an zu suchen, zu entschlüsseln, was vorher verschlüsselt wurde. Diese Verschlüsselung wird von den wenigsten Autoren bewusst gemacht – es ist die Magie von Wörtern und deren Zusammenspiel, das man nur beschränkt lernen kann.

Die Detektivarbeit bedeutet nicht, herauszufinden, „was uns der Autor sagen wollte“ – es bedeutet, herauszufinden, was die Wörter, Sätze und Abschnitte bedeuten und in uns auslösen. Warum sie auf diese Art angeordnet wurden und auf keine andere. Warum man das, was da steht, nur so und nicht anders schreiben konnte - weil es nur so das aussagt, was die Wörter aussagen sollen. Wenn ein Text das schafft, dann macht er etwas richtig. Zu behaupten, diese Aussage wäre zwischen den Zeilen, bedeutet die Macht der Sprache, die Macht der Worte, die Macht der Sätze unterschätzen.

Es ist gefährlich, die Macht der Wörter zu unterschätzen. Nicht umsonst gehören zur Magie nicht nur Handbewegungen und Gedanken, sondern auch Wörter, Sprache, Sätze, die richtig ausgesprochen werden müssen, wenn sie heilen und nicht zerstören sollen. Die Magie ist nicht zwischen den Zeilen, die Magie ist in den Zeilen.
9.9.07 01:13


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