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Tellspiele 2008 in Altdorf

Ein eigentlich stolzes Volk, das von einem unberechenbaren, willkürlichen Terrorregime unterdrückt wird. Ein Mann, der glaubt, der Starke sei am mächtigsten allein - aber hilft, wenn die Not ihn braucht. Und Frauen, die nicht länger ihren zaudernden Männern zusehen können und ultimativ Taten fordern. Das ist Schillers Wilhelm Tell, auf dem ein grosser Teil der schweizerischen Nationalmythen wurzeln.

Letzten Freitag bin ich doch noch dazu gekommen, die diesjährige Inszenierung dieses Stücks in Altdorf zu sehen. Der Tell wird in Altdorf regelmässig alle 4 Jahre aufgeführt. Im Gegensatz zu anderen Spielorten ist Altdorf bekannt dafür, neuartige und aktuelle Inszenierungen des Stoffs zu bieten und nicht in verknöchertem Traditionalismus zu verfangen - mutig und ungewöhnlich für einen Ort, an dem eine solche klassische Handlung spielt.

Trotz dieser Tradition hatte ich die letzten zwei Tellspiele nicht gesehen, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass man aus dem Stoff noch viel herausholen kann. Dieses Jahr bin ich vor allem deswegen hingegangen, weil ich im Vorfeld einen Artikel über die Proben geschrieben hatte, dabei ein spannendes Gespräch mit dem Regisseur Volker Hesse geführt hatte und letztlich wissen wollte, wie er seine Visionen umgesetzt hatte.

Ich war überwältigt. Fast hatte ich das Gefühl, das Stück überhaupt noch nie gesehen oder richtig gelesen zu haben.

Volker Hesse hat so ziemlich alles neu und ungewohnt dargestellt, was man neu und ungewohnt darstellen konnte - mit Ausnahme von Schillers Text, der 1:1 umgesetzt wurde. Ausserdem hat er - im Gegensatz zu einigen seiner Vorgänger - das Stück ernst genommen und nicht vor lauter Mythenzerstörungswut auch Schillers Werk mit zerstört.

Den Tell in Altdorf zu inszenieren ist nämlich keine leichte Aufgabe. Dadurch, dass sich ein ganzes Land seit bald 200 Jahren seine Identität und seinen Gründermythos ausgerechnet an dieses Stück klammert, besteht andauernd die Gefahr, entweder in kritiklosen Pathos zu verfallen oder im Gegenteil so wütend mit der Axt um sich zu schlagen, dass letztlich nicht mehr viel konstruktives übrigbleibt. Alleine die Tatsache, dass Volker Hesse es geschafft hat, diesen so dermassen totgeredeten Stoff lebendig und frisch auf die Bühne zu bringen, dass man selbst als wiederholte Tellspielbesucherin voller Spannung im Theater sitzt, verdient eine grosse Anerkennung.

Schon, wenn man das theater(uri) betritt, fällt einem die erste Veränderung sofort ins Auge. Das Stück spielt nicht im gewohnten Guckkasten-Theater, sondern auf einer Art "Holz-Laufsteg", der über die Sitze und die Bühne gebaut wurde. Bühnenbild gibt es ansonsten keines - und als Zuschauerin sitzt man direkt am Schauplatz. Ich sass sogar in der ersten Reihe, wortwörtlich direkt vor den Schauspielern, die manchmal auch in den Zuschauerraum kletterten oder plötzlich aus ungewohnten Richtungen auftauchten.

Das erste Mal Gänsehaut bekam ich gleich zu Beginn, als Töbi Tobler seinem Hackbrett und seiner Stimme Töne entlockt, die vertraut und fremd zugleich wirkten. Während der Prolog rezitiert wird, fängt es im Hintergrund dumpf an zu grollen und schliesslich zu donnern - und man wundert sich, woher die Geräusche kommen. Bis man die Darsteller bemerkt, die mit Holzstöcken auf die Bühnenkonstruktion schlagen und damit einen Effekt erzeugen, der klingt wie Donner.

Wirklich neu ist auch, dass Volker Hesse im Vergleich zu seinen Vorgängern konsequent die Geschichte des unterdrückten Volkes ins Zentrum stellt - während die Heldengeschichte um Wilhelm Tell eher in den Hintergrund rückt. Er zeigt nicht die Geschichte eines Volkes, das durch einen Helden befreit wurde - sondern lässt die Zuschauer die beklemmende Verzweiflung einer Terrorherrschaft spüren, aber auch die Gefahr überschäumender Wut und Rachegefühle.

Er greift dabei auf starke Bilder zurück, die man täglich im Fernsehen sieht. Menschen, die summend in einer Reihe über die Bühne schreiten und unmittelbar an die Demonstrationen der Mönche in Burma erinnern - oder, eines der stärksten Bilder überhaupt, ein verzweifelter Vater, der sein totes Kind über die Bühne trägt - eine Racheaktion der Häscher des Vogts. Das Mädchen spielt übrigens so überzeugend, dass einem am Anfang wirklich der Atem stockte, weil es aussah, als wäre es eine Kinderleiche oder eine sehr überzeugende Puppe. Es taucht später aber quicklebendig wieder in anderen Rollen auf.

Andere Bilder, die sehr nahegehen, erinnern an Palästina, an den Irak, Afghanistan oder an Tibet - Länder, die heute unter Terror oder Unterdrückung leiden. Trotzdem - und das ist ein weiteres grosses Plus der Inszenierung - spielt die Geschichte unverkennbar in den Bergen der Innerschweiz. Der Choreograph Graham Smith hat es geschafft, die raue Berglernatur aus den Darstellern herauszukitzeln. Die Innerschweizer sind typischerweise langsam in ihrer Wut und erscheinen genügsam - aber wehe, man reizt sie! Dann werden sie schnell zur Naturgewalt. Und dies gilt insbesondere für die Frauen, die in dieser Inszenierung wirklich die treibende Kraft hinter allen Taten sind oder gleich selbst Hand anlegen, Gessler's Häscher provozieren, lächerlich machen oder sogar zum Schwert greifen.

Im Gegensatz zur starken ersten Hälfte, mit dem Rütli-Schwur als grosses Highlight, scheint die zweite Hälfte weniger klar und weniger intensiv. Das bedeutet keineswegs, dass die zweite Hälfte nicht gut war - die erste Hälfte war einfach noch stärker und ging vor allem noch näher. Es ist letztlich aber auch einfacher, klare Verhältnisse von Tyrannen und Unterdrückten darzustellen, als die zwiespältige Situation nach einem Sieg über einen Tyrannen, in der niemand weiss, in welche Richtung sie sich weiterentwickelt. Die Freiheit gewonnen zu haben ist letztlich nur der Anfang - ob sich der Kampf tatsächlich gelohnt hat und sich daraus etwas Gutes entwickelt, weiss man erst danach.

Und das alles ist in Schillers Worten drin - wenn man sie heute liest.

Deshalb: ansehen, wenn man in der Nähe ist! Es wird noch bis Mitte Oktober jeweils Mittwochs, Freitags, Samstags und Sonntags gespielt. Die meisten Vorführungen sind allerdings bereits ausverkauft.
5.10.08 19:50


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Stephenie Meyer - Twilight

Nachdem ich etwa zwei Wochen lang mit einer Bekannten über Twilight gelästert hatte, habe ich mich schliesslich entschieden, es doch zu kaufen. Ich hatte keine einzige positive Erwartung an das Buch, dafür jede Menge schlechter Kritiken und Vorurteile dagegen gehört. Kaum ein Buch, das ich bisher gelesen habe, hatte also bessere Chancen, mich zu überzeugen - dennoch ist es absolut kläglich gescheitert.

Dies ist umso tragischer, weil die Geschichte an sich sehr viel Potential gehabt hätte, wenn das Lektorat besser gewesen wäre. Die Idee, Vampire für einmal nicht einfach als Monster, sondern als ehrlich um moralisches Handeln bemühte Kreaturen zu zeigen, war sehr spannend und mir, die normalerweise keine Vampirliteratur oder -filme konsumiert, neu. Auch die Frage, wie eine Liebesgeschichte zwischen einer sterblichen und einem unsterblichen Vampir ausgehen könnte, wenn er der dauernden Versuchung widerstehen muss, sie doch in einem unbeherrschten Moment auszusaugen, würde an sich reichlich Stoff für eine spannende Geschichte bieten. Stephenie Meyer hat aber wie keine andere Autorin, die ich bisher gelesen habe, das unrühmliche Talent, jegliche Spannung innerhalb kürzester Zeit zu zerstören und jedes noch so interessante Dilemma schnell und unüberlegt aufzulösen, bevor es seine ganze Wirkung entfalten konnte.

Der Inhalt des Buches lässt sich in drei Sätzen zusammenfassen: Bella ist unsterblich in den perfekt aussehenden Vampir Edward verliebt. Dieser ist von ihrem Geruch so betört, dass er sie am liebsten sofort aussaugen würde. Stattdessen verliebt er sich ebenfalls in sie und muss sie fortan dauernd heldenhaft retten. Ende.

Hier die Top 5 der grössten Schwächen des Buches:

1. Bella Swan, die Ich-Erzählerin

Der Name alleine spricht schon Bände. Wer nennt die Hauptfigur seiner Geschichte ernsthaft "schöner Schwan"? Aber auch ohne den idiotischen Namen hat Bella alle Erkennungszeichen einer geradezu typischen Mary Sue. Sie kommt von einem selbsternannten hippen Ort (Phoenix) in ein Kuhkaff (Forks), wo plötzlich alle Jungs auf sie abfahren. Sie kann alles - naja, bis auf ein paar Dinge, die ihr eh nicht wichtig sind (sie ist schusselig) - und kriegt natürlich den perfektesten aller perfekten Typen im Dorf ab (dazu später mehr.) Darunter würde sie ja auch nicht gehen.

Obwohl sie selbst von sich immer behauptet, sie hätte ein mangelndes Selbstbewusstsein und ebenso immer erzählt, sie wäre in der Schule ja immer soo unbeliebt gewesen, ist sie ganz schön von sich überzeugt. Auch von ihrer selbsternannten Schüchternheit und Bescheidenheit ist nichts sichtbar. Sie hält ihre herablassende Sicht auf alle, die sie umgeben (bis auf Edward, der sieht einfach zu gut aus), auch noch für Sarkasmus.
Insbesondere gegenüber ihren Eltern ist sie einfach unerträglich. Sie zieht ständig über sie her, findet sie peinlich, zeigt keinerlei Wertschätzung für das, was sie für sie getan haben und versucht stattdessen noch, sie zu bevormunden. Klar, ein Teil dieses Verhaltens ist typisch für Teenager – aber sie bezeichnet sich selbst und wird von anderen Figuren auch noch regelmässig als „verantwortungsvoll“ und „sehr erwachsen“ bezeichnet. Sie ist keines von beidem. Sie wird auch nie damit konfrontiert, dass sie sich in ihrem Selbstverständnis übernimmt. „Sie ist sehr erwachsen im Vergleich zu ihren Mitschülern“, wird von allen Seiten als Tatsache angesehen, obwohl ihr Verhalten dieser Beschreibung in keinster Weise gerecht wird. Insbesondere, nachdem sie sich Edward an den Hals geworfen hat und ihm die Entscheidungen überlässt.

Gerade bei ihrer Mutter fragt man sich ausserdem, wie die als kindisch, einfältig und hilflos dargestellte Mutter als Alleinerziehende überleben konnte, wo sich doch jetzt, als Bella 17 ist, kaum die Schuhe selbst binden kann. (Als gesunde Frau mittleren Alters!) Allgemein dienen die Nebenfiguren einzig dem Zweck, Bella gut dastehen zu lassen. Am krassesten ist es bei ihren gesichtslosen „Freundinnen“, die sie alle fast grenzenlos anzuhimmeln scheinen und die sie auch noch in einer typischen Szene am Telefon mit anderen Kerlen verkuppelt, die natürlich niemanden anderen als sie gewollt hätten. Man könnte gerade bei ihrer Wirkung auf die männlichen Wesen in ihrer Umgebung ohnehin glauben, sie wäre mit einem besonderen Duftstoff versehen, der alle verrückt spielen lässt.

Daneben zeichnet sich Bella durch eine geradezu pathologische Oberflächlichkeit aus - obwohl sie selbst immer als tiefsinnig bezeichnet. Das einzige, was ihr auffällt und vor allem, was als Grundlage für ihr Urteil über andere zählt, sind Äusserlichkeiten. Man erfährt immer zuerst, wie jemand aussieht, was er trägt, welches Auto er fährt und wie Bella sein oberflächliches Verhalten einschätzt - und aufgrund dieser Informationen entscheidet sie dann, ob jemand es verdient, mit ihr befreundet zu sein. Die Regel "je besser jemand aussieht, desto besser ist sie mit ihm befreundet", gilt dabei als goldene Regel.

Das alles macht sie schon nach wenigen Seiten so extrem nervig, dass ich anfing, Mordgedanken gegen die Figur zu hegen und instinktiv jede andere Figur sofort mit ganzem Herzen unterstützte, die ihr nach dem Leben trachtete. Leider haben die sich so dumm angestellt oder wurden von Edward in letzter Minute gestoppt, sodass Mary Sue überlebt.
Zusammengefasst ist Bella also nichts anderes als eine selbstverliebte (bzw. in Edward verliebte), oberflächliche Teenagerin, die sich während des ganzen Buches kein bisschen weiterentwickelt und sich deswegen kindisch, unreif und entsprechend nervig verhält.

2. Die Liebesgeschichte

Ausgerechnet der Kern der Story ist auch eine der grössten Schwächen. Ich konnte nicht erkennen, was die vielen Fans an dieser Liebesgeschichte so toll finden. Oder nein, anders: ich kann das Potential der Geschichte erkennen, das, was man sich gerne darunter vorstellen würde – aber ich kann es im Buch nicht lesen.

Bella steht auf Edward, weil er aussieht wie ein Unterwäschemodel – einen anderen Grund hat sie nicht, sich in ihn zu verlieben. Edward liebt Bella, weil sie so unwiderstehlich gut riecht, dass er sie am liebsten auf der Stelle zerfleischen würde. Mit anderen Worten – er geht eine Beziehung mit einem saftigen Steak ein. Ach ja, und er kann aus irgendeinem unerfindlichen Grund ihre Gedanken nicht lesen und ist deshalb fasziniert von ihr. Auf den naheliegenden Gedanken, dass er sie nicht lesen kann, weil es nichts zu lesen gibt, kommt er natürlich nicht.

Es hätte ja durchaus sein können, dass diese doch sehr oberflächlichen Gründe ausreichen würden, um eine interessante Liebesgeschichte daraus zu entwickeln. Wenn sich denn etwas entwickeln würde. Das Buch besteht aber leider zur Hälfte daraus, dass Bella Edward in allen möglichen Situationen anhimmelt, während er ihr sagt, er sei gefährlich und sie solle sich von ihm Fernhalten – die andere Hälfte besteht aus inflationären, aber gehaltlosen Liebeserklärungen. Statt, dass sie ihn nun aus der Ferne anhimmelt, darf Bella ihn nun aus der Nähe anhimmeln – und Edward darf weiter ihr Held spielen.

Das traurige ist, dass Meyer zwar immer wieder mögliche Dilemmas andeutet, die aus dieser ungewöhnlichen Liebesgeschichte entstehen könnten – aber sie nicht aufkommen und ausspielen lässt, als hätte sie Angst, die Beziehung zwischen Bella und Edward könnte zerbrechen, wenn sie auf die Probe gestellt würde. Genau diese fehlende Antwort aber führt auch dazu, dass man als Leserin die Liebe zwischen den beiden nicht wirklich fühlen kann. Sie wird nur dauernd deklariert. Die Frage etwa, ob Bella sich auf ihn einlassen sollte, obwohl er ihr gesteht, dass sie für ihn wie das leckerste Stück Fleisch riecht, das er je gegessen hat, wird allzu leicht heruntergespielt. Es mag mutig und entschlossen klingen, wenn sie seine Zweifel sofort herunterspielt und sagt, sie würde trotzdem bei ihm bleiben – aber wirklich mutig würde die Entscheidung erst wirken, wenn man ihr glauben könnte, dass sie tatsächlich begriffen hat, in welche Gefahr sie sich damit eigentlich begibt. An diesem Punkt krankt das Buch auch, dass man Edwards Perspektive nicht sehen kann.

3. Die Adjektive

Jemand hätte Stephenie Meyer dringend beibringen sollen, dass übermässiger Gebrauch von Adjektiven in Beschreibungen ein typischer Anfängerfehler ist. Nein, eigentlich hätte ihr das nicht irgendjemand sagen müssen, sondern ihr Lektorat. Das ist einer der Schwachpunkte des Buches, der sich leicht hätte korrigieren lassen.

Lebendige Schilderungen zu schreiben gehört zu den schwierigsten Herausforderungen beim Schreiben - denn ein einziges fehlendes, falsches oder überflüssiges Wort kann die ganze sorgsam aufgebaute Stimmung zerstören. Diese Wörter zu entdecken ist für die Autorin selbst extrem schwierig, denn sie hat das Bild, das sie schildern will, ja klar vor Augen. Deshalb hätte das Lektorat hier eigentlich eingreifen müssen.

Eine der Grundregeln der Schilderungen ist ausserdem, unabhängig von der richtigen oder falschen Wortwahl, dass sie von den Verben getragen werden müssen, während Adjektive und Adverben nur dazu da sind, an der richtigen Stelle zu verstärken oder etwas besonders hervorzuheben. Je präziser das Adjektiv dann ist, desto genauer wird auch das Bild. Ein allzu „blumiger“ Stil wirkt schnell bemüht.

Bei Stephenie Meyer bekommt man zwangsläufig spätestens nach der Hälfte des Buches eine akute Überdosis von "perfect", "beautiful" und ähnlichen Worthülsen. Diese Wörter sagen aber rein gar nichts über die damit ausgezeichneten Figuren aus, wenn nicht weitere, klarere Beschreibungen folgen. Im Übrigen fallen im Buch tatsächlich in der englischen Version mehrere nicht korrigierte Grammatikfehler auf (sogar mir als Nicht-Muttersprachlerin!) – das ist für das Lektorat extrem peinlich.

4. Edward

Der Punkt mag überraschen – Edward ist nämlich in der ganzen Story auf jeden Fall die Figur mit dem meisten Potential. Solange man ihn noch nicht richtig kennenlernt, wirkt er auch interessant und rätselhaft, dass man gerne mehr über ihn erfahren würde. Auch später, als er Bella über sein Vampirdasein erzählt, würde man gerne in seinen Kopf hineinsehen und erfahren, was wirklich in ihm vorgeht.

Je länger er aber auf der Bildfläche ist, desto mehr nutzt sich dieses Gefühl ab. Dafür, dass er schon über 80 Jahre alt ist, verhält er sich an vielen Stellen sehr unreif. Insbesondere seine herrische, besitzergreifende Art, mit der er Bella beschützen will und ihr auf Schritt und Tritt folgt, geht irgendwann nur noch auf die Nerven. Als er ihr auch noch gesteht, dass er sich nachts, während sie schlief, heimlich beobachtet hat, war ich einfach nur angewidert. Stalker und Voyeure sind mir unheimlich.

Er disqualifiziert sich bei mir natürlich auch damit, dass er sich überhaupt in eine so oberflächliche Tussi wie Bella verliebt. Wenn er ihr wieder mal sagt, wie geheimnisvoll er sie findet, weil er ihre Gedanken nicht lesen kann, würde man ihm am liebsten sagen „ich kann ihre Gedanken lesen und du verpasst gar nichts.“

Ich habe auch Mühe damit, dass er immer so als perfekt beschrieben wird. Er sieht perfekt aus und kann alles perfekt und ist sowieso in jeder Hinsicht einfach perfekt. Es mag sein, dass das einfach Bellas Sicht auf ihn ist und er in Wirklichkeit alles andere als so ist, aber die Figur leidet darunter, dass man keine neutralere Sicht auf sie hat.

5. Spannungskiller

Wie in der Einleitung schon erwähnt, habe ich noch nie eine Autorin gelesen, die ihren Spannungsbogen dermassen nicht im Griff hat. Es dauert über Dreiviertel des Buches, bis einmal wirklich etwas passiert. Bella wird von einem bösen Vampir verfolgt und es scheint für einen Augenblick, als würde ihre Entscheidung für Edward nun auf die Probe gestellt, als würde sie nun zu spüren bekommen, worauf sie sich eingelassen hatte.

Doch Meyer hat eine dermassen unnatürliche Angst davor, ihre geliebten Figuren in Gefahr zu bringen, dass sie vor dem Showdown extrem herumduckst, im interessantesten Moment ausblendet und danach wieder mit belanglosen Liebeserklärungen weiterfährt wie gehabt. Das Erlebnis scheint weder Edward noch Bella wirklich nahegegangen zu sein und ausser ein paar körperlichen Verletzungen hat sie nichts davongetragen. Der Grund, warum er sie überhaupt retten konnte, ist übrigens nur, dass der böse Vampir alle Anfängerfehler eines Möchtegern-Buchbösewichts macht und nicht nur beschliesst, sein Opfer langsam zu töten, sondern auch noch darauf besteht, ihr zuerst all seine Gründe für sein Handeln lang und breit zu erklären – damit Edward auch wirklich genug Zeit hat, ihr zu Hilfe zu eilen.

Ebenso tragisch ist, dass viele interessante Nebenhandlungen angedeutet würden, die aber zugunsten der langweiligen Liebesgeschichte gekappt werden und oberflächlich bleiben. Ich hätte zum Beispiel gerne genauer gewusst, warum sich ihre Eltern getrennt haben, warum es die Mutter nicht mehr in Forks ausgehalten hat, warum der Vater geblieben ist und wie es ihnen danach ergangen ist. Es wäre nicht nur eine interessante Nebenhandlung gewesen, sondern hätte auch der ganzen Familie Swan viel mehr Tiefe gegeben.

Das gleiche gilt für die Cullens, deren Geschichten angedeutet werden, aber schludrig und langweilig erzählt werden – als lästigen Füllstoff. Leider wird dabei auch noch viel mehr auf Carlisle eingegangen als auf Edward selbst, über den man so gerne mehr gewusst hätte.

Diese Mängel schmerzen umso mehr, als dass man unter diesem ganzen Müll eine wirklich spannende Geschichte vermutet. Ich habe den Verdacht, dass jene Leute, die so begeistert sind von diesem Buch, in Wirklichkeit auch diese Geschichte meinen. Sie können den ganzen Mist, der mich so stört, einfach besser ausblenden.

Ich jedenfalls war während ich las die ganze Zeit versucht, sie umzuschreiben. Man müsste nur das Erzähltempo des Buches ändern, ab und zu den Fokus ändern, die Gewichte anders verlagern und vor allen Dingen die Dilemmas konsequenter zu Ende ausspielen. Daneben müsste man Bella klarer charakterisieren und sie von der unheimlich nervigen Selbstdarstellung befreien. Auch hier hat das Lektorat einfach nur versagt. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass das vorliegende Buch das ist, was die Autorin wirklich im Kopf hatte – und ebenso wenig, dass es das war, was der Verlag publizieren wollte. Ich bin überzeugt, dass eine höchstens mittelmässige Autorin wie Meyer ein gutes Buch veröffentlichen könnte, wenn sie ein gutes, kritisches Lektorat gehabt hätte.

Da Twilight als „der nächste Harry Potter“ angekündigt wurde, kann ich mir dieses Verhalten nur damit erklären, dass man einfach so schnell wie möglich den nächsten Hype auf den Markt werfen wollte. Ich bin schockiert, dass es funktioniert hat.

Nach so viel ausführlicher Kritik möchte ich euch aber meine drei Highlights des Buches nicht vorenthalten:

1. Das Lästerpotential

Meine Bekannte hat das Buch vor gut zwei Monaten angefangen zu lesen, ich habe selbst zum Lesen gut einen Monat gebraucht (ungewöhnlich lange für meinen normalen Leserhythmus) – und ebenso lange haben wir über dieses Buch lästern können. Es ist so schlecht, dass es schon wieder Spass macht, es auseinanderzunehmen.

Ich habe ausserdem mehreren Arbeitskolleginnen davon erzählt, die mich dann regelmässig gefragt haben, wie das Buch denn nun weitergegangen sei und ob es immer noch so schrecklich sei. Eine davon hat es sich nun sogar bestellt. Stephenie Meyer verdient also auch noch nicht schlecht an mir.

2. Der unfreiwillige Humor

Die Mary-Sue-Eigenschaften von Bella und Edwards Perfektion sind an vielen Stellen so offensichtlich absurd, dass ich einfach nur noch darüber lachen konnte, dass jemand tatsächlich wagte, so etwas in einem Buch zu schreiben. Tragisch ist, dass Meyer dies todernst meint.

Eine solche Stelle will ich euch nicht vorenthalten. Was schätzt ihr, wie alt ist die Figur, die folgende Aussage macht?

"Well, he seems very nice, and oh my goodness, he's incredibly good-looking"

3. Der Prolog

Das ist nun ein ernstgemeinter positiver Punkt. Die erste Seite mit dem Prolog ist spannend geschrieben und lässt einen mehr davon wünschen. Mein Verdacht ist ja, dass man beim Verlag nur gerade diesen Prolog gelesen hat und das Buch deshalb publiziert hat. Leider geht es dann nicht in diesem Stil weiter. Aber der Prolog zeigt für mich eigentlich auch, dass Meyer als Autorin durchaus Potential hätte.

Ich werde mir jetzt die Folgebände nicht antun. Vielleicht später, wenn ich wieder einmal Lust zu lästern habe.
10.10.08 16:05


Das Mary-Sue-Problem

Neulich habe ich, während ich jemandem das Twilight-Problem erklären wollte, zufällig die englische Wikipedia-Seite über Mary Sues angeklickt. Dort werden - neben Erklärungen, was man sich darunter vorzustellen hat - auch Kritiken an diesem Konzept kurz dargestellt. Diese schieben es der Mary-Sue-Idee zu, dass es angeblich zu wenig starke Heldinnen in Romanen und Fanfictions gebe, mit denen man sich identifizieren könne. Einige Autorinnen würden sogar nicht einmal mehr wagen, weibliche Figuren zu verwenden, weil dabei sofort jemand "Mary Sue" schreien würde. Kurz - das Mary-Sue-Konzept sei antifeministisch.

Ich bezeichne mich selbst als durchaus feministisch eingestellt und als emanzipierte Person - habe aber trotzdem, oder gerade deswegen, eine riesige Abneigung gegen Mary-Sue-Figuren entwickelt. Die Kritik traf mich, weil sie mir irgendwie am Ziel vorbeigeschossen vorkam, aber ich zuerst nicht festmachen konnte, was das Problem ist.

Wenn ich Mary-Sues kritisiere und verabscheue, dann auf keinen Fall, weil ich tolle weibliche Heldinnen verhindern möchte. Ich habe in meiner Jugendzeit sogar eine zeitlang praktisch nur Bücher mit weiblichen Hauptfiguren gelesen, weil ich mich mit ihnen besser identifizieren konnte als mit männlichen. Warum also stören mich Mary Sues so? Warum sind Mary Sues nicht einfach starke Heldinnen, mit denen man sich identifizieren kann?

Als Mary Sues werden ja in der Regel Figuren bezeichnet, die als über-perfekt dargestellt werden, die alles haben, alles können und von allen geliebt werden, auf eine so penetrante Weise, dass sie einem total unsympathisch werden und sie jede Spannung kaputtmachen. Mary Sues gelten auch oft als offene oder versteckte idealisierte Versionen der Autorinnen selbst. Jemand hat es in einer Mary-Sue-Analyse auch einmal als eine Art Selbstbefriedigung bezeichnet, in dem die eigenen Träume in der sicheren fiktiven Welt ausgelebt werden. Etwas, das im Privaten gut und recht ist, aber in der Öffentlichkeit nichts zu suchen hat. Ich habe als Teenager auch die eine oder andere Mary Sue verbrochen und würde nie behaupten, 100% davor gefeiht zu sein.

Um zu definieren, was eine Mary Sue ist, gibt es im Internet sehr viele sogenannte "Litmus-Tests", anhand derer man einschätzen kann, ob die eigene Figur eine Mary Sue ist oder nicht. "Gemessen" werden dabei spezielle Fähigkeiten, der Perfektionismus-Level, die Vergangenheit, Beziehungen zu Figuren aus dem "Canon" des Fandoms und so weiter. Das Problem ist aber, dass dabei auch Mary Sues durch das Raster fallen können oder gute ausgearbeitet Figuren zu viele Punkte bekommen können.

Vielleicht hilft aber auch, von einer anderen Seite an die Sache heranzugehen. Während ich mir nämlich Gedanken über Stephenie Meyer und die unerträgliche Bella gemacht habe, ist mir einiges klar geworden: das Problem sind nicht die Mary-Sue-Figuren an sich, das Problem sind die Autorinnen, oder vielmehr, deren Haltung gegenüber ihren Figuren.

Mary-Sue-Autorinnen (im Folgenden Suethors genannt) verhalten sich ähnlich wie die böse Stiefmutter bei Aschenputtel. Sie wollen mit allen Mitteln erreichen, dass ihre hässliche Tochter (die Mary-Sue) den Prinzen bekommt. So sehr, dass sie die Tochter sogar als Aschenputtel zu verkleiden versuchen, wenn sie denken, damit merkt er den Unterschied nicht. (Deswegen sind Litmus-Tests auch reichlich ungenau).

Suethors haben keine Distanz zu ihren Figuren, sondern vergöttern ihre geistigen Kinder dermassen, dass sie nicht nur blind dafür sind, wie sie auf andere wirken, sondern sie auch noch verhätscheln und verwöhnen, bis der letzte eigene, interessante Charakterzug verschwunden ist. Weil dies so ist, nehmen die verwöhnten Mary Sues immer mehr Raum in der Geschichte ein und verhindern jegliche Spannung und jegliche Entwicklung. Schliesslich sollte das wichtigste an einer Geschichte immer noch die Geschichte selbst sein oder allenfalls die Botschaft, die man damit vermitteln will - und nicht eine einzelne Figur, die alles auf sich zieht und sich uneingeschränkt ins Zentrum stellt.

Mit anderen Worten: Wenn die Geschichte es verlangt, muss die Autorin bereit sein, ihre Figuren vor schwierig Entscheidungen zu stellen, sie verlieren oder leiden zu lassen, sie auf eine Durststrecke zu führen oder ihnen Zeit geben, um etwas selbst zu finden. Mary Sues bekommen alles in den Rachen gestopft - und kaum jemand findet Figuren sympathisch, denen alles ohne Anstrengung zufällt. Ganz abgesehen davon, dass das unrealistisch und langweilig ist.

Gerade aus diesem Grund, aus dieser mangelnden Distanz zwischen der Figur und der Autorin, ist es auch für Suethors sehr schwierig, Kritik an einer Mary Sue anzunehmen. Eine Suethor nimmt die Kritik an ihrer Figur auf, wie eine Mutter, deren Kind angegriffen wird. Es spricht nichts dagegen, seine Figuren in einer Geschichte zu lieben - aber genau wie bei echten Kindern muss man auch Romanfiguren ihre eigenen Fehler machen lassen, damit sie sich entwickeln können.

Mary Sues haben also rein gar nichts mit starken weiblichen Figuren zu tun, oder Heldinnen, mit denen man sich identifizieren kann. Starke weibliche Figuren können Rückschläge ertragen, können für ihre Entscheidungen kämpfen und haben es nicht nötig, von der Autorin verhätschelt zu werden.

Bei Harry Potter zum Beispiel könnten böswillige Kritiker nach einem Litmus-Test leicht Hermione als Mary Sue bezeichnen. Sie weiss immer alles besser, hat damit häufig recht, ist mit dem Titel-Helden eng befreundet, hat immer die besten Noten und scheint der Autorin im Charakter auch nicht ganz unähnlich zu sein, wenn man Interviewaussagen glauben darf. Dennoch ist der Vorwurf absolut unberechtigt.

Hermione ist in den Harry-Potter-Romanen eine Figur wie jede andere auch - es ist begründet, warum sie die besten Noten hat (sie arbeitet hart dafür und ist zu Beginn unter ihren Mitschülern nicht gerade beliebt. Den Respekt, den sie später erhält, hat sie sich langsam verdient.) Sie trifft schon mal falsche Entscheidungen, im Ernstfall versagen ihr gerne die Nerven, sie kann plötzlich zickig reagieren oder Schwäche zeigen. Ausserdem kommt sie alleine wegen ihrer Herkunft unter die Räder und weiss sich nicht immer gleich zu verteidigen.

Kurz: Sie ist eine starke Identifikationsfigur, eine Heldin mit Ecken und Kanten, die mal nervt, mal sympathisch ist und die der Geschichte dient wie alle anderen Figuren auch. Man hat nicht den Eindruck, als würde J.K. Rowling es besonders gut mit ihr meinen oder ihr einen besonderen Status geben.

Das ist bei Stephenie Meyer und Bella ganz anders. Meyer hätte gerne, dass Bella reif, schüchtern, bescheiden und ein wenig tolpatschig, aber liebenswert ist. Doch leider dreht sich das ganze Buch nur um sie und um den Prinzen, den sie dereinst bekommen soll. (Obwohl auch Edward alles andere als ein Traumprinz ist, wenn man sich ihn mal genauer ansieht.) Dabei ist sie die ganze Zeit bemüht, Bella im besten Licht darzustellen (und erreicht damit bei der aufmerksamen Leserin genau das Gegenteil) und ihr alles vor die Füsse zu werfen, ohne dass sie sich auch nur ein bisschen anstrengen müsste.

Dementsprechend aufmerksamkeitshungrig verhält sie sich auch. Das Kind wird von der Mutter ins Zentrum ihrer Welt gestellt und lässt nicht zu, dass jemand anderes ihr ein Stück ihres grellen Scheinwerferlichts streitig macht. Deshalb werden alle Figuren, die auch nur annähernd eine Konkurrenz für Bella hätten sein können, sofort heruntergespielt und degradiert. Die Figur muss nicht einmal ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und schwierige Entscheidungen treffen, die allwissende sorgende Mutter, die diese Welt nur für sie erschaffen hat, stellt sicher, dass alles gut und möglichst schmerzfrei läuft.

Bella als Figur dient nicht der Geschichte, die Geschichte dient dazu, die Figur gut dastehen zu lassen. Und das widert mich an. Das macht sie nicht zur Heldin, mit der ich mich identifizieren möchte, sondern zu einem hilflosen, unselbständigen Geschöpf, das nichts erträgt und nichts leistet.

Bella ist dahingehend vielleicht sogar ein gutes Beispiel, dass eine Mary Sue nicht von Anfang an mit superspeziellen perfekten Superkräften ausgestattet sein muss - es reicht vollkommen aus, dass sie die gesamte Aufmerksamkeit der Autorin monopolisiert und von dieser bedingungslos geschützt und verwöhnt wird. Sie muss damit nicht als "umwerfend schön" beschrieben werden, wenn sie für die Suethor in unendlichem Mutterstolz die schönste und beste Figur überhaupt ist.

Ich weiss nicht, wie es in den Bänden 2 - 4 ist, habe aber in verschiedenen Rezensionen gelesen, dass diese noch schlimmer sind und dass Mary Sue besonders in Band 4, vollkommen ausser Kontrolle gerät. Das kann passieren, wenn man eine Suethor einfach machen lässt. Ich werde es mir nicht mehr antun. Es wundert mich bloss, warum sich trotzdem noch so viele Leute mit dieser Figur identifizieren können. Nehmen sie der hässlichen Stiefschwester die Verkleidung als Aschenputtel ab? Ich hätte die Geschichte lieber mit dem richtigen, also dem bescheidenen, vom Schicksal arg gebeutelten, aber dennoch ungebrochenen und erfinderischen Aschenputtel gelesen. Starke weibliche Hauptfiguren brauchen keine wachsame Mutter mit Argusaugen im Hintergrund.
14.10.08 00:54


Die Emanzipation ist nicht am Ende!

Wie weiter mit der Emanzipationsbewegung? Die Frage beschäftigt mich schon eine ganze Weile - ebenso der Vorsatz, wieder einmal darüber zu bloggen. Gleichzeitig erscheinen mir die aktuelle Situation und die möglichen Tendenzen so undurchschaubar und widersprüchlich, dass ich es mal so, mal so sehe, ohne eine klare Meinung vertreten zu können. Dieser Blogeintrag ist also mehr der Versuch, ein bisschen Ordnung in mein Gedankendurcheinander zu diesem Thema zu bringen, als tatsächlich klare Fragen und klare Antworten zu finden. Ich gehe davon aus, dass er ebenso widersprüchlich und unstrukturiert wird, wie meine eigenen Gedanken gerade sind.

Alleine die Ausgangslage ist undurchsichtig. Folgendes steht fest:
- Die Emanzipationsbewegung hat in etwas über einem Jahrhundert sehr viel erreicht
- Die rechtliche Gleichstellung von Mann und Frau ist in der westlichen Welt weitgehend erreicht
Aber auch:
- Die meisten Ziele der radikalen Frauenbewegung aus den 60er und 70er Jahren sind immer noch unerreicht
- Insbesondere verdienen Frauen für gleiche oder vergleichbare Tätigkeit immer noch im Durchschnitt 20% weniger als Männer

Daneben gibt es sehr viele Zwischentöne, wissenschaftliche Feststellungen, emotionale Einschätzungen und rein persönliche Erfahrungen, die es jeden Tag anders erscheinen lassen.

Auf der negativen Seite gibt es unverkennbare Rückwärts-Tendenzen. Seit Genforschung und Gentechnik in der Biochemie Furore machen, sind biologische Argumente wieder auf dem Vormarsch. Menschen haben ein beinahe unüberwindbares Bedürfnis nach Sicherheit und einfachen, durchschaubaren Erklärungen und Strukturen. Kein Modell übt deshalb mehr Anziehungskraft auf uns aus, als dualistische Weltansichten. Wir glauben Menschen nur zu gerne, die uns vormachen, sie würden uns genau sagen können, was gut und was böse sei, wer „wir“ sind und wer „die anderen“, welches Verhalten männlich und welches weiblich sei und so weiter. Solche groben Einteilungen ignorieren zwangsläufig all die unzähligen Grautöne zwischen schwarz und weiss – von bunten Farben ganz zu schweigen.

Der neue Biologismus versucht uns nun vorzugaukeln, dass man anhand „wissenschaftlicher Methoden“ genau bestimmen könnte, wie Frauen und wie Männer ticken. Das Wort „wissenschaftlich“ verleiht Autorität, es hebt sich ab gegen die Ideologien früherer Zeiten und gibt jenen Auftrieb, die es schon immer gewusst haben, dass Männer und Frauen grundlegend verschieden sind. Man muss schon mindestens einen kritischen Geist oder eine statistische Grundausbildung haben, um den Fehler in dieser Argumentation zu erkennen. Wenn die Medien solche Studien nämlich als „Frauen sind anders“ und „Männer auch“ zusammenfassen, dann berufen sie sich auf statistische Auswertungen von Forschungsergebnissen. Normalerweise wird dabei vom Durchschnitt gesprochen – im Durchschnitt sind Frauen eher so, Männer eher so. Über ein einzelnes Individuum sagt das aber überhaupt nichts aus.

Ein sofort einleuchtendes Beispiel: Männer laufen die hundert Meter im Durchschnitt schneller als Frauen. Das heisst aber nicht, dass jeder Mann auf diesem Planeten schneller laufen würde als jede beliebige Frau. Der Durchschnitt kann man als eine Art Wettquote sehen: Wenn man aus der gesamten Weltbevölkerung zufällig einen Mann und eine Frau auswählen und sie zu einem 100m Rennen antreten lassen würde, lohnt es sich anhand der Statistik, sein Geld eher auf den Mann zu wetten, wenn man keine weiteren Informationen über die beiden Menschen hat. Es könnte aber sein, dass zufällig die Weltmeisterin über 100m ausgewählt wird und bei den Männern ein 90-jähriger Greis mit Gehstock antritt – wer hier noch auf den Mann wettet, muss dumm sein oder ein unerschütterliches Gottvertrauen haben.

Und wenn ich das Argument noch oft höre, Männer wären so und Frauen anders, weil das schon in der Steinzeit so gewesen sei, raste ich irgendwann aus. Niemand von uns ist je in der Steinzeit gewesen und weiss, wie das Leben damals wirklich so war. Wir interpretieren die Vergangenheit immer aus dem aktuellen Kontext heraus. Es gibt aus der Steinzeit noch nicht einmal schriftliche Zeugnisse. Würden wir in einer matriarchalen Gesellschaft leben, würden wir die Indizien aus der Steinzeit genauso umdeuten können, dass sie diesem Erklärungsmuster entsprechen. (Wie auch schon geschehen.) Das Steinzeit-Argument ist billig. Nicht nur, weil es den Menschen vorgaukeln will, etwas Unklares wäre klar und Rollenbilder, die erst im 19. Jahrhundert entstanden sind, gäbe es schon so lange, dass sie quasi gottgegeben seien. Es ist vor allem deswegen billig, weil es impliziert, dass der Mensch in der Steinzeit entstanden sei uns sich seither nicht weiterentwickelt hätte. Obwohl die gleiche biologische Forschung auch immer mehr feststellt, dass genetische Voraussetzungen sich ändern können und nichts, das lebt, auf Dauer fix ist.

Der Fehler des neuen Biologismus ist also nicht, dass er aufzeigt, dass Frauen im Durchschnitt anders sind als Männer. Sie liefern auch durchaus interessante Erklärungsmuster über den Einfluss von Stoffwechsel, Hormonen und anderen biologischen Faktoren (biologisch, nicht genetisch!). Der Fehler liegt darin, aufgrund dieser Forschungsergebnisse gesellschaftlich verbindliche Verhaltensweisen ableiten zu wollen. Um das Beispiel von vorhin aufzugreifen: das Argument versucht, jeder einzelnen Frau auf dem Planeten zu verbieten, 100m Lauf zu betreiben, bloss, weil alle Frauen zusammen im Durchschnitt langsamer laufen als Männer. Diese Bestrebung ist nicht neu; sie wurde im 19. Jahrhundert nicht nur auf das Verhältnis der Geschlechter, sondern auch auf alle Minderheiten und alles, was nicht der Norm (weiss, männlich) entsprach, angewendet. Solange das dualistische Weltbild für Menschen so verführerisch ist und solange differenzierte wissenschaftliche Erkenntnisse zu extrem vereinfachenden und diskriminierenden Folgerungen für die Gesellschaft führen können, besteht die Gefahr eines Rückschritts. Es ist eine grosse Leistung unserer postmodernen Gesellschaft, idealerweise allen Menschen die Chance zur Entfaltung bieten zu wollen. Und eine Norm, für die ich persönlich auch zu kämpfen bereit bin, würde sie ernsthaft bedroht werden.

Das Bedürfnis nach Sicherheit und klaren Strukturen führt aber nicht nur dazu, dass Geschlechterstereotype so hartnäckig und erfolgreich sind und Forschung, die sie zementiert, stärker wahrgenommen wird als solche, die sie widerlegt. Das Bedürfnis führt auch dazu, dass sich einzelne Leute lautstark, vehement und öffentlich dafür einsetzen, zu den alten starren Rollenbildern zurückzukehren. Weil man da wenigstens wusste, woran man war, weil sie einem wenigstens Halt boten in der verwirrenden Vielfalt an Möglichkeiten. Die Kirche war noch im Dorf und die Frau in der Küche.

In der heutigen Welt stehen wir alle vor einer beinahe unendlichen Auswahl an Zielen und Möglichkeiten und wir sind so frei wie kaum eine Generation vor uns, den Weg zu wählen, der uns persönlich am meisten entspricht; zumindest in der Theorie. In der Praxis können sich die Möglichkeiten zusammenschrumpfen oder inexistent sein, sie können aber auch so weitläufig sein, dass wir entscheidungsunfähig werden. Jede Entscheidung verhindert eine ganze Reihe weiterer Entscheidungen – und der Anspruch, sie selbst entfalten zu wollen, setzt einen auch unter Druck, dabei nicht zu scheitern. Wie verführerisch scheint da doch die vermeintlich „leichte Wahl“, vor die man früher gestellt wurde? Dass diese leichte Wahl für die meisten Frauen den sehr bitteren Beigeschmack von Unterdrückung und Selbstverleugnung hatte, wird vergessen. Obwohl die jungen Frauen, die sich diese Zeit zurückwünschen, spucken und würgen würden, wenn sie es mal wirklich schmecken würden.

Sieht man diese Seite der Medaille an, kann man nachvollziehen, dass es mancher Altfeministin graust, wenn sie die heutigen jungen Frauen sehen und sich in ihren Idealen verraten fühlen können. Aber es gibt noch eine andere Seite, die positive Tendenz.

Wir, die im letzten Jahrzehnt von der Uni kamen und noch stärker jene, die nach uns kommen, sind die erste Generation von Frauen, die in einem neuen Selbstverständnis aufgewachsen sind. Es gibt bereits jetzt mehr Mädchen als Knaben an den Gymnasien, an den Unis könnte es bei den Studentinnen auch bald soweit sein. Wir wurden in unserer Ausbildung gefördert und ich für meinen Teil hatte nie das Gefühl, in meinen Fähigkeiten in irgendeinem Fach (ausser Sport) den Jungs unserer Klasse unterlegen zu sein. Eher im Gegenteil. Vielleicht kommt von daher auch die irrige Überzeugung vieler Frauen meines Alters, die Gleichberechtigung sei längst erreicht. In der Schule ist es der Fall. Da ist es schon fast ins Gegenteil gekippt. Wenn es an Schulen an Gleichberechtigung mangelt, dann, weil die Knaben benachteiligt werden.

Aus den USA wird bereits berichtet, dass Frauen häufig im Durchschnitt schon höhere Einstiegslöhne bekommen als ihre männlichen Kollegen. Junge Frauen sind oft gut gebildet, sehr motiviert, ehrgeizig und fleissig. Das können die Unternehmen langsam nicht mehr ignorieren, wenn sie ihren Erfolg nicht riskieren wollen.

In der Politik ist es längst normal, dass Frauen aktiv mitmischen. Deutschland hat eine Bundeskanzlerin und selbst in der Schweiz, die das Frauenstimmrecht erst 1971 (aber als einziges Land per Volksabstimmung der Männer) eingeführt hat, sind mittlerweile 3 von 7 Bundesräten weiblich; und diese 3 Bundesrätinnen gehören auch zu den beliebtesten und kompetentesten Politikerinnen im Land überhaupt. Da ist nichts von einem Minderwertigkeitskomplex und ein männlicher Politiker, der sich öffentlich abschätzig über Frauen äussert, ist schneller weg vom Fenster als er „Entschuldigung“ sagen kann.

Neulich kam auf Pro 7 einer der Aufklärungsfilme von Oswald Kolle aus den 70er-Jahren. Ich war entsetzt über die Verhältnisse, die bis damals noch geherrscht zu haben scheinen – ich spreche dabei nicht von dem, was damals in den Ehebetten passierte oder nicht passierte, sondern davon, wie Männer und Frauen damals noch miteinander umgegangen sind. Oswald Kolle musste in dem Film den Männern erklären, dass Frauen eigenständige Wesen mit eigenen Bedürfnissen seien, dass man als Ehepaar miteinander sprechen solle und dass er auch gewinnen würde, wenn er seine Frau respektieren würde. Die Männer wurden in diesem Film als ignorante Paschas dargestellt, die ihre Frauen wie ihren Besitz behandelten und erst nach grossem Widerstand überhaupt begreifen konnten, dass sie nicht einfach eine Schaufensterpuppe geheiratet hatten, die höchstens noch putzen und kochen kann. Es ist beinahe unvorstellbar, dass sich so viel in so kurzer Zeit hat verändern können, dass einem dieser Film aus heutiger Perspektive fern und surreal vorkommt. Und es lässt mich hoffen, dass es auch in Zukunft möglich sein könnte, ebensoviel in anderen Bereichen zu bewegen.

Insbesondere in der Arbeitswelt stossen Frauen immer noch früher oder später an gläserne Decken. Das Problem, wie Frauen und Männer in unserer Gesellschaft Kinder haben können, ohne, dass beide darunter leiden, ist bei weitem noch nicht gelöst. Die alte Frauenbewegung musste für uns das Recht erkämpfen, dass Frauen Karriere machen können - das hat dazu geführt, dass Frauen mit der Doppelbelastung von Beruf und Familie umzugehen haben, während sich für Männer noch wenig geändert hat.

Hier zeigt sich bereits die erste Richtung, in die unsere heutige Emanzipationsbewegung gehen muss: Die Männer müssen sich von ihren alten Rollen emanzipieren

Das positive an der Sache ist, dass bereits alle Anzeichen in diese Richtung laufen. Der neue Kampf ist idealerweise kein Geschlechterkampf mehr. Frauen meiner Generation sehen in den Männern kein Feindbild, als Gegner taugen sie uns nichts mehr. Zu verunsichert sind die Söhne der ehemaligen Paschas. Ich kann mir manchmal ein ironisches Lachen nicht verkneifen, wenn ich diese armen Männer jammern höre, denen es neuerdings ja so schlimm gehe. Bloss, weil sie einen kleinen Geschmack dessen bekommen, wie es Frauen während Jahrhunderten ergangen ist. Dennoch, wünschenswert ist dieser Zustand nicht; und zum Lachen auch nicht.
Vielmehr müssen die Männer früher oder später Kampfgefährten für eine Veränderung ihres eigenen Rollenbilds werden; denn gesellschaftliche Entwicklungen lassen sich schwer bremsen. Hier ist vielleicht einer der grössten Unterschiede meiner Generation zu unseren Vorgängerinnen. Sie mussten gegen die selbstgefälligen Männer kämpfen, sie haben sehr viel Energie damit verbraucht, sich an ihnen aufzureiben und sich mit ihnen anzulegen, dass man bei vielen von ihnen den Eindruck hat, sie würden Männer regelrecht hassen. Wenn man sieht, wie selbstherrlich die Männer zu früheren Zeiten in ihrer Herrschaft verhalten haben, ist das auch nicht verwunderlich. Aber die Lage hat sich geändert. Die wenigsten Männer können sich ein solches Verhalten heute noch ungestraft erlauben. (Von der fatalen Wirkung von Hip-Hop-Videos mal abgesehen, darüber kann ich mich ein anderes Mal aufregen.) Wenn die alten Feministinnen uns vorwerfen, wir wären zu wenig radikal und zu brav, dann verkennen sie nichts anderes als ihren eigenen Erfolg. Wir können uns dank ihrer Vorarbeit erlauben, weniger radikal zu sein.

Einer der Gründe, warum Knaben in der Schule immer schlechtere Leistungen zeigen und von den Mädchen links überholt werden, ist die Tatsache, dass sich die Knaben immer noch in der vermeintlichen Sicherheit der alten Männerrollen wähnen und das Gefühl haben, sie würden ohne grosse Anstrengung dahin kommen, wo ihre Väter seit Generationen hinkamen. Sie lassen sich von veralteten Männlichkeitsnormen blenden, die ihnen den tollen Stecher und überheblichen Macho vorspielen, die mit ein bisschen körperlicher Aggression und Drohgebärden alles erreichen können. Aber dieser Weg ist versperrt. Die Wirtschaft hat sich weiterentwickelt. Sie braucht immer weniger Körperkraft und immer mehr Kreativität und vernetztes Denken. Ohne ausreichende Qualifikation kommen sie nirgends hin. Während die Frauen begriffen haben, was es geschlagen hat und die neuen Chancen, die sich ihnen endlich bieten, dankbar ausschöpfen, dümpeln die Jungs in falscher Sicherheit und gnadenloser Selbstüberschätzung vor sich hin.

Die Männer beginnen erst langsam zu begreifen, was hier abläuft und fangen an, die „Verweiblichung“ der Erziehung zu bejammern. Der Sohn einer alleinerziehenden Mutter hat im extremsten Fall erst im Beruf überhaupt einmal mit einem erwachsenen Mann zu tun. Oft genug sind das übrigens genau jene Männer, die sonst vehement dafür eintreten, dass Haus, Herd, Kind und Kegel auch weiterhin „Frauengedöns“ sei, das sie nichts angehe. Frauen haben, bewusst oder unbewusst, begriffen, dass Erziehung Macht bedeutet und schleichend, ohne dass es jemand gemerkt hätte, ihre eigenen Werte zur gesellschaftlichen Norm gemacht. Verhaltensweisen, die früher als „normale männliche Aggressivität“ geduldet, ja erwartet und gefördert wurden, gelten heute als „Problemverhalten“. Ich habe sogar irgendwo gelesen, dass sich viele junge zukünftige Eltern in den westlichen Ländern nicht mehr einen Sohn als „Stammhalter“ wünschen, sondern ein Mädchen – weil sie glauben, mit Mädchen werden sie weniger Schwierigkeiten in der Erziehung haben. Wer nun aber lamentiert, die „weibliche Erziehung“ wäre zu harmoniesüchtig und würde das für den Markt wichtige Wettbewerbsdenken unterbinden, der kennt die Frauen schlecht.

Diese Entwicklung in der Schule ist natürlich nicht wünschenswert. Es kann nicht das Ziel der Emanzipationsbewegung sein, dass nun einfach die Knaben benachteiligt werden, quasi als Rache dafür, dass früher den Mädchen nichts zugetraut wurde. Aber es ist auch nicht der Kampf der Frauen, es ist jener der Männer. Und das einzige Credo, das hier hilft, lautet: Mehr Männer in die Erziehung!

Die Lage der Knaben kann sich nur verbessern, wenn sie gute und präsente Männer als Vorbilder haben. Ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Männern und Frauen in der Erziehung kommt aber letztlich allen in der Gesellschaft zu Gute. Den Männern, die ihrem Nachwuchs nicht mehr bloss wie ein geldbringende Ausserirdische erscheinen, sondern eine tiefere Beziehung zu ihren Kindern aufbauen können und den Frauen, die weniger unter der unfairen Doppelbelastung von Familie und Beruf zu leiden haben. Das heisst nicht, dass die Rollenverhältnisse umgekehrt werden sollen, Frauen die Ernährerinnen werden und Männer die Kinder aufziehen – sondern dass beide Geschlechter beides gemeinsam tun müssen. Wobei natürlich jede Familie ihren eigenen Ausgleich finden muss und der Staat ein Interesse daran hat, sie dabei zu unterstützen. Die Emanzipation der Frau ist erst mit der Emanzipation des Mannes abgeschlossen – und die Männer fangen erst jetzt so langsam an zu begreifen, dass sie selbst tatsächlich etwas Entscheidendes verlieren, wenn sie Kinder und Erziehung einfach den Frauen überlassen.

Eines der stärksten Argumente in diese Richtung ist struktureller Natur: die postmoderne, postindustrielle Gesellschaft, in der wir uns befinden und die immer mehr Flexibilität und individuelle Kreativität verlangt, kann es sich nicht erlauben, weiter auf starren Rollenbildern aufzubauen. Diese Bilder entsprechen nicht mehr der gesellschaftlichen Realität und deren Anforderungen. Sie bieten nur noch beschränkt Platz für Paare, die sich für die kleinbürgerliche Rollenteilung des vorletzten und letzten Jahrhunderts entscheiden und es werden zunehmend weniger. Die rechtlichen Normen haben sich dieser Realität bereits angepasst. Selbst für Frauen, die es ausdrücklich wünschen, weiterhin in der alten Rolle zu bleiben, was sie meinetwegen durchaus tun dürfen, ist es ein grosses Risiko, ganz aus dem Arbeitsprozess herauszufallen. Im Falle einer Scheidung ist für „nur Hausfrauen“ rechtlich immer weniger garantiert. Und jene Männer, die lautstark jammern, sie würden bei Scheidungen zu kurz kommen, weil sie nur bezahlen müssten und ihre Kinder kaum noch zu sehen bekommen, sollten endlich mit dem Selbstmitleid aufhören und anfangen, sich selbst in der Erziehung so unentbehrlich zu machen, dass die Frauen das eigene Geld selbst verdienen können und sich schon vor der Scheidung für die Erziehung einsetzen. (Einzelschicksale gibt es da natürlich in vielen Schattierungen. Aber würden sich die Männer als Gruppe von ihrem veralteten Rollenbild ebenso emanzipieren, wie dies die Frauen als Gruppe getan haben und tun, gäbe es hier weniger Probleme, davon bin ich überzeugt.)

Auch in der Arbeitswelt gibt es noch einiges für die Frauenbewegung zu tun. Die entscheidende Frage hier wird sein: Braucht die Wirtschaft mehr weibliche Regeln oder müssen die Frauen besser lernen, mit männlichen Regeln umzugehen?

Die Frage ist nicht so rhetorisch, wie sie vielleicht auf den ersten Blick erscheint. Im ersten Moment würde man denken, dass natürlich die Wirtschaft mehr weibliche Regeln brauchen würde, mit denen sich Frauen wohler fühlen würden. Das aber würde bedeuten, dass es tatsächlich „weibliche Regeln“ gibt – und das birgt die Gefahr, dass es von der Gegenbewegung als Argument dafür verwendet wird, Frauen wären ungeeignet für die Wirtschaft und müssten sich wieder ihrem angestammten Bereich widmen. Wenn die Gesellschaft sicher schon an einem Punkt wäre, an dem es allgemein akzeptiert und in den Köpfen verankert wäre, dass Frauen nicht weniger wert sind als Männer, und sich ihre Vorzüge und Nachteile mit denen der Männer aufwiegen (im Durchschnitt!), dann müsste man diesen Weg wagen.

Das würde bedeuten, Frauen müssten hinstehen und selbstbewusst sagen können: „wir sind anders, aber wir sind genauso gut.“ Es würde bedeuten, in gewissen Situationen noch selbstbewusster hinzustehen und zu zeigen, dass die eigenen Strategien besser funktionieren als die männlichen. Dass dies so ist, zeigen verschiedene Studien und praktische Erfahrungen. Ende 2007 wurden Studien publiziert, die zeigten, dass Firmen wirtschaftlich langfristig erfolgreicher waren, je mehr Frauen sie im Verwaltungsrat hatten. Kleinstkredite, die zur Entwicklunghilfe in afrikanischen und asiatischen Dörfern vergeben werden, gehen vorwiegend an Frauen, weil diese verantwortungsvoller und umsichtiger damit umgehen. Die Argumente, mit denen eine männlich dominierte Wirtschaft gerechtfertigt wird, werden immer dünner. Gleichzeitig kommen auch immer subtilere dazu, die es zu entlarven gilt.

Das wäre eigentlich Grund genug, Bestrebungen zu verstärken, die den traditionell männlichen Ego-Spielchen in Führungspositionen die Spitze brechen wollen. Zumal diese nicht nur wenig produktiv und nachhaltig, sondern auch noch riskant sind. Aber solange solche Männert dort sitzen und die Macht haben, ihresgleichen weiter zu befördern, ist es schwierig, das System zu durchbrechen.

Mir ist oft aufgefallen, dass starke Frauen, die sich in Führungspositionen hochgekämpft haben, dem Irrtum verfallen, die Starke sei am mächtigsten allein. (Wie Tell bei Schiller auch glaubt) Diese Frauen sind vom jahrelangen Kampf gestählt und von der am eigenen Leib erfahrenen Benachteiligung mindestens ein wenig verbittert, dass sie das Gefühl haben, sie müssten sich alles höchstpersönlich selbst erkämpfen. Das Thema „Gleichberechtigung“ wirkt bei ihnen oft dermassen automatisch als Trigger von heftigen Diskussionen, dass dies von den Männern in den Führungsetagen genüsslich ausgenutzt wird. Diese Frauen fühlen sich so schnell angegriffen und sind so misstrauisch gegenüber ihren männlichen Kollegen (durchaus aus Erfahrung), dass sie schlechte Karten haben, ihre Ideen durchzusetzen. Die Männer halten zusammen und lassen „die Frau“ auflaufen. Ihr eigener Feminismus, der diesen Frauen eigentlich in Form eines neuen Selbstbewusstseins die Tür nach oben öffnen sollte, kann ihnen da im Weg stehen.

Was Frauen nötig haben, ist eine Form von Gelassenheit. Das bis ins Innere verankerte Gefühl, ein Recht und einen Anspruch zu haben, da zu sein wo sie sind. Eine Gelassenheit, die Männern jahrhundertelang anerzogen wurde und von der ich hoffe, dass sie bei Frauen in meiner Generation stärker vorhanden ist. Die Tatsache, dass wir uns nicht mehr an die Zeiten erinnern, als Frauen direkt und offen diskriminiert wurden; die Tatsache, dass vielen von uns noch nie der Gedanke gekommen ist, wir würden etwas nicht wagen dürfen, „weil wir Frauen sind“ oder die Tatsache, dass wir bis jetzt weniger kämpfen mussten als unsere Vorgängerinnen, das alles erlaubt es uns, gelassener an die ganzen Machtspielchen unter den Männern heranzugehen. Das Argument „eine Frau kann das nicht“, kann uns viel weniger verunsichern. Wir haben schliesslich in der Schule gelernt, dass Frauen vieles mindestens ebenso gut können als Männer.

Nur ganz grosse Ausnahmekrieger gewinnen ihre Schlachten ganz alleine. Bei den anderen kommt es darauf an, eine gute Armee richtig zu kommandieren. Will heissen – wer vorankommen will, braucht Allianzen, denen sie vertrauen kann. Es bestehen mehr Möglichkeiten, wenn man sich dabei nicht ausschliesslich auf Frauenbande beschränken muss. Frauen müssen aufhören, zu glauben, sie wären nur stark, wenn sie alles ohne Hilfe und mit eigenem Fleiss erreichen.

Mir ist oft aufgefallen, dass Frauen in der Wirtschaft zu wenig Gespür für die Machtverhältnisse innerhalb einer Firma haben oder wenn sie es haben, beschliessen, sie nicht zu beachten oder gar alleine dagegen anzutreten. Das ist nur selten erfolgversprechend. Gleichzeitig wäre es falsch zu denken, Frauen hätten dieses Gespür an und für sich nicht, stammen die meisten grossen Intrigen der Literaturgeschichte doch von Frauen. Das Problem ist eher, dass die meisten Frauen immer noch zu glauben scheinen, sie müssten mit guter Leistung allein auf sich aufmerksam machen und dann würden „die da oben“ sie dann schon berücksichtigen. So läuft das nur selten.

Es schadet nichts, wenn man eine Veränderung einführen möchte, vorher den Puls zu fühlen und herauszufinden, wer die wichtigen Leute sind, die man überzeugen muss, um erfolgreich zu sein. Es ist auch kein Zeichen von Schwäche, wenn eine Frau sich in solchen Fällen auch auf Männer abstützt oder wenn sie eine strategische Niederlage hinnimmt, um Zeit zu gewinnen und die Karten neu zu mischen. Die ganze Frauen-Power-Bewegung musste Frauen lehren, dass sie selbst stark und nicht von Männern abhängig sind. Das war wichtig und richtig zu dieser Zeit. Heute ist es wichtig, dass Frauen sehen, dass sie nicht alles alleine machen müssen – und ihre Klugheit auch dafür einsetzen können, ihre Ziele mit Hilfe von anderen zu erreichen. Entscheidend ist, die Fäden dabei nicht aus der Hand zu geben, selbst wenn es zeitweise von aussen so aussehen mag. Das bedeutet aber auch, dass man zuweilen die Machtspielchen der Männer mitspielen muss und sie auch als solche sehen sollte.

Die Emanzipationsbewegung ist an einer Weggabelung. Sie hat mindestens ebenso viel vor sich, wie sie schon erreicht hat.

Es besteht die Gefahr, dass sich die Entwicklung nun, nachdem die ersten Erfolge verbucht wurden, verlangsamt oder es Rückschlage gibt. Es besteht aber auch die Möglichkeit, dass in den letzten Jahrzehnten eine Lawine in Bewegung geraten ist, die nicht mehr zu stoppen ist und deren Fortschritt sich beschleunigt, je länger sie unterwegs ist. Ersteres ist zu befürchten, aber zweiteres ist möglich, wenn man sieht, welche Männer bald abtreten werden und welche Frauen nachkommen. Es ist wichtig, dass wir jungen Frauen optimistisch sind und daran glauben können, dass dies möglich sind. Wir sind durch unsere Vorkämpferinnen und durch die Ausbildung mit den besten Voraussetzungen ausgestattet worden. Aber ohne Einsatz und Kampfwille geht es nicht weiter.

Ich zähle darauf, dass unsere grossen Vorkämpferinnen uns darin unterstützen und uns nicht unnötig Steine in den Weg legen, indem sie von uns verlangen, alles genauso zu machen wie sie damals. Die Zeiten haben sich geändert. Das ist gut so. Das ist wichtig. Und es ist für uns wichtig, dass wir das, was für unsere Vorkämpferinnen nur ein Traum war, als selbstverständliche voraussetzen dürfen; selbst dann, wenn der Traum noch nicht erfüllt ist.

Es ist möglich, dass ich an dieser Stelle in der Zukunft irgendwann frustriert sein werde, weil meine Hoffnungen zu hoch waren, weil mich die Erfahrung etwas anderes lehrt, als das, was ich jetzt wünsche. Aber meine eigene Vergangenheit lehrt mich auch, dass noch weniger zu erreichen ist, wenn man die Frustration schon vorausnimmt und gar nichts versucht. Ich empfinde vieles, was ich vor 10 Jahren getan und gedacht habe, als furchtbar naiv – aber wäre ich nicht so naiv gewesen, hätte ich es möglicherweise nie versucht. Und dann wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin.
26.10.08 18:50


Michael Mittermeier - Safari, Swiss Edition

Dass die Deutschen die Schweiz für sich entdecken, ist schon länger bekannt. Dass jeder deutsche Komiker, der einen halben Schweizer Witz (ja, in der Schweiz sind alle so laangsam *schenkelklopf), seine CD als Swiss-Edition verkaufen will, ist wohl eine Folge davon.

Dementsprechend habe ich auch die auch die neue CD von Michael Mittermeier nicht weiter beachtet. Noch einer, der seinen Absatz auf dem kleinen Schweizer Markt verbessern will...

Meine Güte, wie habe ich mich geirrt!

Am Wochenende habe ich auf iTunes mehr aus Neugier in die CD reingehört, nachdem ich auf der Suche nach etwas anderem im Schweizer iTunes-Portal darüber gestolpert war, weil sie zu den Top-Downloads gehört. Alleine die 30 Sekunden-Ausschnitte, die man dort hören konnte, haben mich derart überzeugt, dass ich die ganze CD haben musste.

Wer Mittermeier für einen oberflächlichen Komiker hält, der zum Niedergang der deutschsprachigen Fernsehkultur beigetragen hat, weiss noch nicht, was es geschlagen hat. In der Swiss Edition von Safari jedenfalls zeigt er, dass er nicht nur ein extrem aufmerksamer Zeitgenosse ist, der genau beobachtet und ein feines Gespür für die Ereignisse hat - er schafft es auch noch, diese pointiert und direkt auf die Bühne zu bringen.

Nein, Mittermeier macht kein intellektuelles Kabarett, für das man einen Uniabschluss braucht, um ihn zu verstehen. Es ist aber eine Unsitte einer selbsternannten intellektuellen Pseudo-Elite, über allem die Nase zu rümpfen, was auch die Leute auf der Strasse verstehen können.

In der Swiss Edition macht Mittermeier viele Kommentare zur politischen Lage in der Schweiz, zu Ereignissen, die hier in den letzten Monaten für Wellen gesorgt haben, die man eigentlich von unseren Schweizer Witzbolden hätte erwarten können.

Er zeigt damit nicht nur ein für einen Aussenstehenden ungewöhnliches Interesse für unser kleines Land, sondern scheint auch das Wesen der Politik und der Leute hier um einiges besser wahrzunehmen als wir selbst. Mittermeier hält den Schweizern dauernd den Spiegel vor.

Eines der Highlights auf der CD ist folgender Kommentar:

Mittermeier kommentiert die Nicht-Wiederwahl von Alt-Bundesrat Christoph Blocher. Was ihm am meisten gefallen habe, sei Blochers Ausspruch gewesen, als er seine Niederlage eingestehen musste. Blocher sagte: "Jetzt kann ich endlich wieder die Wahrheit sagen." Und Mittermeier kommentiert: "Leute, der Kerl hat euch vier Jahre lang angelogen!"

Bestimmt nicht die Wirkung, die Blocher mit dem Ausspruch hatte erzeugen wollen.

Deshalb: Wer gerne etwas über das Wesen der Schweizer erfahren will, oder zumindest die Politik hier, dass man auch versteht, was gesagt wird - der hört sich Mittermeier an!
29.10.08 23:52





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