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Das Mary-Sue-Problem

Neulich habe ich, während ich jemandem das Twilight-Problem erklären wollte, zufällig die englische Wikipedia-Seite über Mary Sues angeklickt. Dort werden - neben Erklärungen, was man sich darunter vorzustellen hat - auch Kritiken an diesem Konzept kurz dargestellt. Diese schieben es der Mary-Sue-Idee zu, dass es angeblich zu wenig starke Heldinnen in Romanen und Fanfictions gebe, mit denen man sich identifizieren könne. Einige Autorinnen würden sogar nicht einmal mehr wagen, weibliche Figuren zu verwenden, weil dabei sofort jemand "Mary Sue" schreien würde. Kurz - das Mary-Sue-Konzept sei antifeministisch.

Ich bezeichne mich selbst als durchaus feministisch eingestellt und als emanzipierte Person - habe aber trotzdem, oder gerade deswegen, eine riesige Abneigung gegen Mary-Sue-Figuren entwickelt. Die Kritik traf mich, weil sie mir irgendwie am Ziel vorbeigeschossen vorkam, aber ich zuerst nicht festmachen konnte, was das Problem ist.

Wenn ich Mary-Sues kritisiere und verabscheue, dann auf keinen Fall, weil ich tolle weibliche Heldinnen verhindern möchte. Ich habe in meiner Jugendzeit sogar eine zeitlang praktisch nur Bücher mit weiblichen Hauptfiguren gelesen, weil ich mich mit ihnen besser identifizieren konnte als mit männlichen. Warum also stören mich Mary Sues so? Warum sind Mary Sues nicht einfach starke Heldinnen, mit denen man sich identifizieren kann?

Als Mary Sues werden ja in der Regel Figuren bezeichnet, die als über-perfekt dargestellt werden, die alles haben, alles können und von allen geliebt werden, auf eine so penetrante Weise, dass sie einem total unsympathisch werden und sie jede Spannung kaputtmachen. Mary Sues gelten auch oft als offene oder versteckte idealisierte Versionen der Autorinnen selbst. Jemand hat es in einer Mary-Sue-Analyse auch einmal als eine Art Selbstbefriedigung bezeichnet, in dem die eigenen Träume in der sicheren fiktiven Welt ausgelebt werden. Etwas, das im Privaten gut und recht ist, aber in der Öffentlichkeit nichts zu suchen hat. Ich habe als Teenager auch die eine oder andere Mary Sue verbrochen und würde nie behaupten, 100% davor gefeiht zu sein.

Um zu definieren, was eine Mary Sue ist, gibt es im Internet sehr viele sogenannte "Litmus-Tests", anhand derer man einschätzen kann, ob die eigene Figur eine Mary Sue ist oder nicht. "Gemessen" werden dabei spezielle Fähigkeiten, der Perfektionismus-Level, die Vergangenheit, Beziehungen zu Figuren aus dem "Canon" des Fandoms und so weiter. Das Problem ist aber, dass dabei auch Mary Sues durch das Raster fallen können oder gute ausgearbeitet Figuren zu viele Punkte bekommen können.

Vielleicht hilft aber auch, von einer anderen Seite an die Sache heranzugehen. Während ich mir nämlich Gedanken über Stephenie Meyer und die unerträgliche Bella gemacht habe, ist mir einiges klar geworden: das Problem sind nicht die Mary-Sue-Figuren an sich, das Problem sind die Autorinnen, oder vielmehr, deren Haltung gegenüber ihren Figuren.

Mary-Sue-Autorinnen (im Folgenden Suethors genannt) verhalten sich ähnlich wie die böse Stiefmutter bei Aschenputtel. Sie wollen mit allen Mitteln erreichen, dass ihre hässliche Tochter (die Mary-Sue) den Prinzen bekommt. So sehr, dass sie die Tochter sogar als Aschenputtel zu verkleiden versuchen, wenn sie denken, damit merkt er den Unterschied nicht. (Deswegen sind Litmus-Tests auch reichlich ungenau).

Suethors haben keine Distanz zu ihren Figuren, sondern vergöttern ihre geistigen Kinder dermassen, dass sie nicht nur blind dafür sind, wie sie auf andere wirken, sondern sie auch noch verhätscheln und verwöhnen, bis der letzte eigene, interessante Charakterzug verschwunden ist. Weil dies so ist, nehmen die verwöhnten Mary Sues immer mehr Raum in der Geschichte ein und verhindern jegliche Spannung und jegliche Entwicklung. Schliesslich sollte das wichtigste an einer Geschichte immer noch die Geschichte selbst sein oder allenfalls die Botschaft, die man damit vermitteln will - und nicht eine einzelne Figur, die alles auf sich zieht und sich uneingeschränkt ins Zentrum stellt.

Mit anderen Worten: Wenn die Geschichte es verlangt, muss die Autorin bereit sein, ihre Figuren vor schwierig Entscheidungen zu stellen, sie verlieren oder leiden zu lassen, sie auf eine Durststrecke zu führen oder ihnen Zeit geben, um etwas selbst zu finden. Mary Sues bekommen alles in den Rachen gestopft - und kaum jemand findet Figuren sympathisch, denen alles ohne Anstrengung zufällt. Ganz abgesehen davon, dass das unrealistisch und langweilig ist.

Gerade aus diesem Grund, aus dieser mangelnden Distanz zwischen der Figur und der Autorin, ist es auch für Suethors sehr schwierig, Kritik an einer Mary Sue anzunehmen. Eine Suethor nimmt die Kritik an ihrer Figur auf, wie eine Mutter, deren Kind angegriffen wird. Es spricht nichts dagegen, seine Figuren in einer Geschichte zu lieben - aber genau wie bei echten Kindern muss man auch Romanfiguren ihre eigenen Fehler machen lassen, damit sie sich entwickeln können.

Mary Sues haben also rein gar nichts mit starken weiblichen Figuren zu tun, oder Heldinnen, mit denen man sich identifizieren kann. Starke weibliche Figuren können Rückschläge ertragen, können für ihre Entscheidungen kämpfen und haben es nicht nötig, von der Autorin verhätschelt zu werden.

Bei Harry Potter zum Beispiel könnten böswillige Kritiker nach einem Litmus-Test leicht Hermione als Mary Sue bezeichnen. Sie weiss immer alles besser, hat damit häufig recht, ist mit dem Titel-Helden eng befreundet, hat immer die besten Noten und scheint der Autorin im Charakter auch nicht ganz unähnlich zu sein, wenn man Interviewaussagen glauben darf. Dennoch ist der Vorwurf absolut unberechtigt.

Hermione ist in den Harry-Potter-Romanen eine Figur wie jede andere auch - es ist begründet, warum sie die besten Noten hat (sie arbeitet hart dafür und ist zu Beginn unter ihren Mitschülern nicht gerade beliebt. Den Respekt, den sie später erhält, hat sie sich langsam verdient.) Sie trifft schon mal falsche Entscheidungen, im Ernstfall versagen ihr gerne die Nerven, sie kann plötzlich zickig reagieren oder Schwäche zeigen. Ausserdem kommt sie alleine wegen ihrer Herkunft unter die Räder und weiss sich nicht immer gleich zu verteidigen.

Kurz: Sie ist eine starke Identifikationsfigur, eine Heldin mit Ecken und Kanten, die mal nervt, mal sympathisch ist und die der Geschichte dient wie alle anderen Figuren auch. Man hat nicht den Eindruck, als würde J.K. Rowling es besonders gut mit ihr meinen oder ihr einen besonderen Status geben.

Das ist bei Stephenie Meyer und Bella ganz anders. Meyer hätte gerne, dass Bella reif, schüchtern, bescheiden und ein wenig tolpatschig, aber liebenswert ist. Doch leider dreht sich das ganze Buch nur um sie und um den Prinzen, den sie dereinst bekommen soll. (Obwohl auch Edward alles andere als ein Traumprinz ist, wenn man sich ihn mal genauer ansieht.) Dabei ist sie die ganze Zeit bemüht, Bella im besten Licht darzustellen (und erreicht damit bei der aufmerksamen Leserin genau das Gegenteil) und ihr alles vor die Füsse zu werfen, ohne dass sie sich auch nur ein bisschen anstrengen müsste.

Dementsprechend aufmerksamkeitshungrig verhält sie sich auch. Das Kind wird von der Mutter ins Zentrum ihrer Welt gestellt und lässt nicht zu, dass jemand anderes ihr ein Stück ihres grellen Scheinwerferlichts streitig macht. Deshalb werden alle Figuren, die auch nur annähernd eine Konkurrenz für Bella hätten sein können, sofort heruntergespielt und degradiert. Die Figur muss nicht einmal ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und schwierige Entscheidungen treffen, die allwissende sorgende Mutter, die diese Welt nur für sie erschaffen hat, stellt sicher, dass alles gut und möglichst schmerzfrei läuft.

Bella als Figur dient nicht der Geschichte, die Geschichte dient dazu, die Figur gut dastehen zu lassen. Und das widert mich an. Das macht sie nicht zur Heldin, mit der ich mich identifizieren möchte, sondern zu einem hilflosen, unselbständigen Geschöpf, das nichts erträgt und nichts leistet.

Bella ist dahingehend vielleicht sogar ein gutes Beispiel, dass eine Mary Sue nicht von Anfang an mit superspeziellen perfekten Superkräften ausgestattet sein muss - es reicht vollkommen aus, dass sie die gesamte Aufmerksamkeit der Autorin monopolisiert und von dieser bedingungslos geschützt und verwöhnt wird. Sie muss damit nicht als "umwerfend schön" beschrieben werden, wenn sie für die Suethor in unendlichem Mutterstolz die schönste und beste Figur überhaupt ist.

Ich weiss nicht, wie es in den Bänden 2 - 4 ist, habe aber in verschiedenen Rezensionen gelesen, dass diese noch schlimmer sind und dass Mary Sue besonders in Band 4, vollkommen ausser Kontrolle gerät. Das kann passieren, wenn man eine Suethor einfach machen lässt. Ich werde es mir nicht mehr antun. Es wundert mich bloss, warum sich trotzdem noch so viele Leute mit dieser Figur identifizieren können. Nehmen sie der hässlichen Stiefschwester die Verkleidung als Aschenputtel ab? Ich hätte die Geschichte lieber mit dem richtigen, also dem bescheidenen, vom Schicksal arg gebeutelten, aber dennoch ungebrochenen und erfinderischen Aschenputtel gelesen. Starke weibliche Hauptfiguren brauchen keine wachsame Mutter mit Argusaugen im Hintergrund.
14.10.08 00:54
 


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