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Die Emanzipation ist nicht am Ende!

Wie weiter mit der Emanzipationsbewegung? Die Frage beschäftigt mich schon eine ganze Weile - ebenso der Vorsatz, wieder einmal darüber zu bloggen. Gleichzeitig erscheinen mir die aktuelle Situation und die möglichen Tendenzen so undurchschaubar und widersprüchlich, dass ich es mal so, mal so sehe, ohne eine klare Meinung vertreten zu können. Dieser Blogeintrag ist also mehr der Versuch, ein bisschen Ordnung in mein Gedankendurcheinander zu diesem Thema zu bringen, als tatsächlich klare Fragen und klare Antworten zu finden. Ich gehe davon aus, dass er ebenso widersprüchlich und unstrukturiert wird, wie meine eigenen Gedanken gerade sind.

Alleine die Ausgangslage ist undurchsichtig. Folgendes steht fest:
- Die Emanzipationsbewegung hat in etwas über einem Jahrhundert sehr viel erreicht
- Die rechtliche Gleichstellung von Mann und Frau ist in der westlichen Welt weitgehend erreicht
Aber auch:
- Die meisten Ziele der radikalen Frauenbewegung aus den 60er und 70er Jahren sind immer noch unerreicht
- Insbesondere verdienen Frauen für gleiche oder vergleichbare Tätigkeit immer noch im Durchschnitt 20% weniger als Männer

Daneben gibt es sehr viele Zwischentöne, wissenschaftliche Feststellungen, emotionale Einschätzungen und rein persönliche Erfahrungen, die es jeden Tag anders erscheinen lassen.

Auf der negativen Seite gibt es unverkennbare Rückwärts-Tendenzen. Seit Genforschung und Gentechnik in der Biochemie Furore machen, sind biologische Argumente wieder auf dem Vormarsch. Menschen haben ein beinahe unüberwindbares Bedürfnis nach Sicherheit und einfachen, durchschaubaren Erklärungen und Strukturen. Kein Modell übt deshalb mehr Anziehungskraft auf uns aus, als dualistische Weltansichten. Wir glauben Menschen nur zu gerne, die uns vormachen, sie würden uns genau sagen können, was gut und was böse sei, wer „wir“ sind und wer „die anderen“, welches Verhalten männlich und welches weiblich sei und so weiter. Solche groben Einteilungen ignorieren zwangsläufig all die unzähligen Grautöne zwischen schwarz und weiss – von bunten Farben ganz zu schweigen.

Der neue Biologismus versucht uns nun vorzugaukeln, dass man anhand „wissenschaftlicher Methoden“ genau bestimmen könnte, wie Frauen und wie Männer ticken. Das Wort „wissenschaftlich“ verleiht Autorität, es hebt sich ab gegen die Ideologien früherer Zeiten und gibt jenen Auftrieb, die es schon immer gewusst haben, dass Männer und Frauen grundlegend verschieden sind. Man muss schon mindestens einen kritischen Geist oder eine statistische Grundausbildung haben, um den Fehler in dieser Argumentation zu erkennen. Wenn die Medien solche Studien nämlich als „Frauen sind anders“ und „Männer auch“ zusammenfassen, dann berufen sie sich auf statistische Auswertungen von Forschungsergebnissen. Normalerweise wird dabei vom Durchschnitt gesprochen – im Durchschnitt sind Frauen eher so, Männer eher so. Über ein einzelnes Individuum sagt das aber überhaupt nichts aus.

Ein sofort einleuchtendes Beispiel: Männer laufen die hundert Meter im Durchschnitt schneller als Frauen. Das heisst aber nicht, dass jeder Mann auf diesem Planeten schneller laufen würde als jede beliebige Frau. Der Durchschnitt kann man als eine Art Wettquote sehen: Wenn man aus der gesamten Weltbevölkerung zufällig einen Mann und eine Frau auswählen und sie zu einem 100m Rennen antreten lassen würde, lohnt es sich anhand der Statistik, sein Geld eher auf den Mann zu wetten, wenn man keine weiteren Informationen über die beiden Menschen hat. Es könnte aber sein, dass zufällig die Weltmeisterin über 100m ausgewählt wird und bei den Männern ein 90-jähriger Greis mit Gehstock antritt – wer hier noch auf den Mann wettet, muss dumm sein oder ein unerschütterliches Gottvertrauen haben.

Und wenn ich das Argument noch oft höre, Männer wären so und Frauen anders, weil das schon in der Steinzeit so gewesen sei, raste ich irgendwann aus. Niemand von uns ist je in der Steinzeit gewesen und weiss, wie das Leben damals wirklich so war. Wir interpretieren die Vergangenheit immer aus dem aktuellen Kontext heraus. Es gibt aus der Steinzeit noch nicht einmal schriftliche Zeugnisse. Würden wir in einer matriarchalen Gesellschaft leben, würden wir die Indizien aus der Steinzeit genauso umdeuten können, dass sie diesem Erklärungsmuster entsprechen. (Wie auch schon geschehen.) Das Steinzeit-Argument ist billig. Nicht nur, weil es den Menschen vorgaukeln will, etwas Unklares wäre klar und Rollenbilder, die erst im 19. Jahrhundert entstanden sind, gäbe es schon so lange, dass sie quasi gottgegeben seien. Es ist vor allem deswegen billig, weil es impliziert, dass der Mensch in der Steinzeit entstanden sei uns sich seither nicht weiterentwickelt hätte. Obwohl die gleiche biologische Forschung auch immer mehr feststellt, dass genetische Voraussetzungen sich ändern können und nichts, das lebt, auf Dauer fix ist.

Der Fehler des neuen Biologismus ist also nicht, dass er aufzeigt, dass Frauen im Durchschnitt anders sind als Männer. Sie liefern auch durchaus interessante Erklärungsmuster über den Einfluss von Stoffwechsel, Hormonen und anderen biologischen Faktoren (biologisch, nicht genetisch!). Der Fehler liegt darin, aufgrund dieser Forschungsergebnisse gesellschaftlich verbindliche Verhaltensweisen ableiten zu wollen. Um das Beispiel von vorhin aufzugreifen: das Argument versucht, jeder einzelnen Frau auf dem Planeten zu verbieten, 100m Lauf zu betreiben, bloss, weil alle Frauen zusammen im Durchschnitt langsamer laufen als Männer. Diese Bestrebung ist nicht neu; sie wurde im 19. Jahrhundert nicht nur auf das Verhältnis der Geschlechter, sondern auch auf alle Minderheiten und alles, was nicht der Norm (weiss, männlich) entsprach, angewendet. Solange das dualistische Weltbild für Menschen so verführerisch ist und solange differenzierte wissenschaftliche Erkenntnisse zu extrem vereinfachenden und diskriminierenden Folgerungen für die Gesellschaft führen können, besteht die Gefahr eines Rückschritts. Es ist eine grosse Leistung unserer postmodernen Gesellschaft, idealerweise allen Menschen die Chance zur Entfaltung bieten zu wollen. Und eine Norm, für die ich persönlich auch zu kämpfen bereit bin, würde sie ernsthaft bedroht werden.

Das Bedürfnis nach Sicherheit und klaren Strukturen führt aber nicht nur dazu, dass Geschlechterstereotype so hartnäckig und erfolgreich sind und Forschung, die sie zementiert, stärker wahrgenommen wird als solche, die sie widerlegt. Das Bedürfnis führt auch dazu, dass sich einzelne Leute lautstark, vehement und öffentlich dafür einsetzen, zu den alten starren Rollenbildern zurückzukehren. Weil man da wenigstens wusste, woran man war, weil sie einem wenigstens Halt boten in der verwirrenden Vielfalt an Möglichkeiten. Die Kirche war noch im Dorf und die Frau in der Küche.

In der heutigen Welt stehen wir alle vor einer beinahe unendlichen Auswahl an Zielen und Möglichkeiten und wir sind so frei wie kaum eine Generation vor uns, den Weg zu wählen, der uns persönlich am meisten entspricht; zumindest in der Theorie. In der Praxis können sich die Möglichkeiten zusammenschrumpfen oder inexistent sein, sie können aber auch so weitläufig sein, dass wir entscheidungsunfähig werden. Jede Entscheidung verhindert eine ganze Reihe weiterer Entscheidungen – und der Anspruch, sie selbst entfalten zu wollen, setzt einen auch unter Druck, dabei nicht zu scheitern. Wie verführerisch scheint da doch die vermeintlich „leichte Wahl“, vor die man früher gestellt wurde? Dass diese leichte Wahl für die meisten Frauen den sehr bitteren Beigeschmack von Unterdrückung und Selbstverleugnung hatte, wird vergessen. Obwohl die jungen Frauen, die sich diese Zeit zurückwünschen, spucken und würgen würden, wenn sie es mal wirklich schmecken würden.

Sieht man diese Seite der Medaille an, kann man nachvollziehen, dass es mancher Altfeministin graust, wenn sie die heutigen jungen Frauen sehen und sich in ihren Idealen verraten fühlen können. Aber es gibt noch eine andere Seite, die positive Tendenz.

Wir, die im letzten Jahrzehnt von der Uni kamen und noch stärker jene, die nach uns kommen, sind die erste Generation von Frauen, die in einem neuen Selbstverständnis aufgewachsen sind. Es gibt bereits jetzt mehr Mädchen als Knaben an den Gymnasien, an den Unis könnte es bei den Studentinnen auch bald soweit sein. Wir wurden in unserer Ausbildung gefördert und ich für meinen Teil hatte nie das Gefühl, in meinen Fähigkeiten in irgendeinem Fach (ausser Sport) den Jungs unserer Klasse unterlegen zu sein. Eher im Gegenteil. Vielleicht kommt von daher auch die irrige Überzeugung vieler Frauen meines Alters, die Gleichberechtigung sei längst erreicht. In der Schule ist es der Fall. Da ist es schon fast ins Gegenteil gekippt. Wenn es an Schulen an Gleichberechtigung mangelt, dann, weil die Knaben benachteiligt werden.

Aus den USA wird bereits berichtet, dass Frauen häufig im Durchschnitt schon höhere Einstiegslöhne bekommen als ihre männlichen Kollegen. Junge Frauen sind oft gut gebildet, sehr motiviert, ehrgeizig und fleissig. Das können die Unternehmen langsam nicht mehr ignorieren, wenn sie ihren Erfolg nicht riskieren wollen.

In der Politik ist es längst normal, dass Frauen aktiv mitmischen. Deutschland hat eine Bundeskanzlerin und selbst in der Schweiz, die das Frauenstimmrecht erst 1971 (aber als einziges Land per Volksabstimmung der Männer) eingeführt hat, sind mittlerweile 3 von 7 Bundesräten weiblich; und diese 3 Bundesrätinnen gehören auch zu den beliebtesten und kompetentesten Politikerinnen im Land überhaupt. Da ist nichts von einem Minderwertigkeitskomplex und ein männlicher Politiker, der sich öffentlich abschätzig über Frauen äussert, ist schneller weg vom Fenster als er „Entschuldigung“ sagen kann.

Neulich kam auf Pro 7 einer der Aufklärungsfilme von Oswald Kolle aus den 70er-Jahren. Ich war entsetzt über die Verhältnisse, die bis damals noch geherrscht zu haben scheinen – ich spreche dabei nicht von dem, was damals in den Ehebetten passierte oder nicht passierte, sondern davon, wie Männer und Frauen damals noch miteinander umgegangen sind. Oswald Kolle musste in dem Film den Männern erklären, dass Frauen eigenständige Wesen mit eigenen Bedürfnissen seien, dass man als Ehepaar miteinander sprechen solle und dass er auch gewinnen würde, wenn er seine Frau respektieren würde. Die Männer wurden in diesem Film als ignorante Paschas dargestellt, die ihre Frauen wie ihren Besitz behandelten und erst nach grossem Widerstand überhaupt begreifen konnten, dass sie nicht einfach eine Schaufensterpuppe geheiratet hatten, die höchstens noch putzen und kochen kann. Es ist beinahe unvorstellbar, dass sich so viel in so kurzer Zeit hat verändern können, dass einem dieser Film aus heutiger Perspektive fern und surreal vorkommt. Und es lässt mich hoffen, dass es auch in Zukunft möglich sein könnte, ebensoviel in anderen Bereichen zu bewegen.

Insbesondere in der Arbeitswelt stossen Frauen immer noch früher oder später an gläserne Decken. Das Problem, wie Frauen und Männer in unserer Gesellschaft Kinder haben können, ohne, dass beide darunter leiden, ist bei weitem noch nicht gelöst. Die alte Frauenbewegung musste für uns das Recht erkämpfen, dass Frauen Karriere machen können - das hat dazu geführt, dass Frauen mit der Doppelbelastung von Beruf und Familie umzugehen haben, während sich für Männer noch wenig geändert hat.

Hier zeigt sich bereits die erste Richtung, in die unsere heutige Emanzipationsbewegung gehen muss: Die Männer müssen sich von ihren alten Rollen emanzipieren

Das positive an der Sache ist, dass bereits alle Anzeichen in diese Richtung laufen. Der neue Kampf ist idealerweise kein Geschlechterkampf mehr. Frauen meiner Generation sehen in den Männern kein Feindbild, als Gegner taugen sie uns nichts mehr. Zu verunsichert sind die Söhne der ehemaligen Paschas. Ich kann mir manchmal ein ironisches Lachen nicht verkneifen, wenn ich diese armen Männer jammern höre, denen es neuerdings ja so schlimm gehe. Bloss, weil sie einen kleinen Geschmack dessen bekommen, wie es Frauen während Jahrhunderten ergangen ist. Dennoch, wünschenswert ist dieser Zustand nicht; und zum Lachen auch nicht.
Vielmehr müssen die Männer früher oder später Kampfgefährten für eine Veränderung ihres eigenen Rollenbilds werden; denn gesellschaftliche Entwicklungen lassen sich schwer bremsen. Hier ist vielleicht einer der grössten Unterschiede meiner Generation zu unseren Vorgängerinnen. Sie mussten gegen die selbstgefälligen Männer kämpfen, sie haben sehr viel Energie damit verbraucht, sich an ihnen aufzureiben und sich mit ihnen anzulegen, dass man bei vielen von ihnen den Eindruck hat, sie würden Männer regelrecht hassen. Wenn man sieht, wie selbstherrlich die Männer zu früheren Zeiten in ihrer Herrschaft verhalten haben, ist das auch nicht verwunderlich. Aber die Lage hat sich geändert. Die wenigsten Männer können sich ein solches Verhalten heute noch ungestraft erlauben. (Von der fatalen Wirkung von Hip-Hop-Videos mal abgesehen, darüber kann ich mich ein anderes Mal aufregen.) Wenn die alten Feministinnen uns vorwerfen, wir wären zu wenig radikal und zu brav, dann verkennen sie nichts anderes als ihren eigenen Erfolg. Wir können uns dank ihrer Vorarbeit erlauben, weniger radikal zu sein.

Einer der Gründe, warum Knaben in der Schule immer schlechtere Leistungen zeigen und von den Mädchen links überholt werden, ist die Tatsache, dass sich die Knaben immer noch in der vermeintlichen Sicherheit der alten Männerrollen wähnen und das Gefühl haben, sie würden ohne grosse Anstrengung dahin kommen, wo ihre Väter seit Generationen hinkamen. Sie lassen sich von veralteten Männlichkeitsnormen blenden, die ihnen den tollen Stecher und überheblichen Macho vorspielen, die mit ein bisschen körperlicher Aggression und Drohgebärden alles erreichen können. Aber dieser Weg ist versperrt. Die Wirtschaft hat sich weiterentwickelt. Sie braucht immer weniger Körperkraft und immer mehr Kreativität und vernetztes Denken. Ohne ausreichende Qualifikation kommen sie nirgends hin. Während die Frauen begriffen haben, was es geschlagen hat und die neuen Chancen, die sich ihnen endlich bieten, dankbar ausschöpfen, dümpeln die Jungs in falscher Sicherheit und gnadenloser Selbstüberschätzung vor sich hin.

Die Männer beginnen erst langsam zu begreifen, was hier abläuft und fangen an, die „Verweiblichung“ der Erziehung zu bejammern. Der Sohn einer alleinerziehenden Mutter hat im extremsten Fall erst im Beruf überhaupt einmal mit einem erwachsenen Mann zu tun. Oft genug sind das übrigens genau jene Männer, die sonst vehement dafür eintreten, dass Haus, Herd, Kind und Kegel auch weiterhin „Frauengedöns“ sei, das sie nichts angehe. Frauen haben, bewusst oder unbewusst, begriffen, dass Erziehung Macht bedeutet und schleichend, ohne dass es jemand gemerkt hätte, ihre eigenen Werte zur gesellschaftlichen Norm gemacht. Verhaltensweisen, die früher als „normale männliche Aggressivität“ geduldet, ja erwartet und gefördert wurden, gelten heute als „Problemverhalten“. Ich habe sogar irgendwo gelesen, dass sich viele junge zukünftige Eltern in den westlichen Ländern nicht mehr einen Sohn als „Stammhalter“ wünschen, sondern ein Mädchen – weil sie glauben, mit Mädchen werden sie weniger Schwierigkeiten in der Erziehung haben. Wer nun aber lamentiert, die „weibliche Erziehung“ wäre zu harmoniesüchtig und würde das für den Markt wichtige Wettbewerbsdenken unterbinden, der kennt die Frauen schlecht.

Diese Entwicklung in der Schule ist natürlich nicht wünschenswert. Es kann nicht das Ziel der Emanzipationsbewegung sein, dass nun einfach die Knaben benachteiligt werden, quasi als Rache dafür, dass früher den Mädchen nichts zugetraut wurde. Aber es ist auch nicht der Kampf der Frauen, es ist jener der Männer. Und das einzige Credo, das hier hilft, lautet: Mehr Männer in die Erziehung!

Die Lage der Knaben kann sich nur verbessern, wenn sie gute und präsente Männer als Vorbilder haben. Ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Männern und Frauen in der Erziehung kommt aber letztlich allen in der Gesellschaft zu Gute. Den Männern, die ihrem Nachwuchs nicht mehr bloss wie ein geldbringende Ausserirdische erscheinen, sondern eine tiefere Beziehung zu ihren Kindern aufbauen können und den Frauen, die weniger unter der unfairen Doppelbelastung von Familie und Beruf zu leiden haben. Das heisst nicht, dass die Rollenverhältnisse umgekehrt werden sollen, Frauen die Ernährerinnen werden und Männer die Kinder aufziehen – sondern dass beide Geschlechter beides gemeinsam tun müssen. Wobei natürlich jede Familie ihren eigenen Ausgleich finden muss und der Staat ein Interesse daran hat, sie dabei zu unterstützen. Die Emanzipation der Frau ist erst mit der Emanzipation des Mannes abgeschlossen – und die Männer fangen erst jetzt so langsam an zu begreifen, dass sie selbst tatsächlich etwas Entscheidendes verlieren, wenn sie Kinder und Erziehung einfach den Frauen überlassen.

Eines der stärksten Argumente in diese Richtung ist struktureller Natur: die postmoderne, postindustrielle Gesellschaft, in der wir uns befinden und die immer mehr Flexibilität und individuelle Kreativität verlangt, kann es sich nicht erlauben, weiter auf starren Rollenbildern aufzubauen. Diese Bilder entsprechen nicht mehr der gesellschaftlichen Realität und deren Anforderungen. Sie bieten nur noch beschränkt Platz für Paare, die sich für die kleinbürgerliche Rollenteilung des vorletzten und letzten Jahrhunderts entscheiden und es werden zunehmend weniger. Die rechtlichen Normen haben sich dieser Realität bereits angepasst. Selbst für Frauen, die es ausdrücklich wünschen, weiterhin in der alten Rolle zu bleiben, was sie meinetwegen durchaus tun dürfen, ist es ein grosses Risiko, ganz aus dem Arbeitsprozess herauszufallen. Im Falle einer Scheidung ist für „nur Hausfrauen“ rechtlich immer weniger garantiert. Und jene Männer, die lautstark jammern, sie würden bei Scheidungen zu kurz kommen, weil sie nur bezahlen müssten und ihre Kinder kaum noch zu sehen bekommen, sollten endlich mit dem Selbstmitleid aufhören und anfangen, sich selbst in der Erziehung so unentbehrlich zu machen, dass die Frauen das eigene Geld selbst verdienen können und sich schon vor der Scheidung für die Erziehung einsetzen. (Einzelschicksale gibt es da natürlich in vielen Schattierungen. Aber würden sich die Männer als Gruppe von ihrem veralteten Rollenbild ebenso emanzipieren, wie dies die Frauen als Gruppe getan haben und tun, gäbe es hier weniger Probleme, davon bin ich überzeugt.)

Auch in der Arbeitswelt gibt es noch einiges für die Frauenbewegung zu tun. Die entscheidende Frage hier wird sein: Braucht die Wirtschaft mehr weibliche Regeln oder müssen die Frauen besser lernen, mit männlichen Regeln umzugehen?

Die Frage ist nicht so rhetorisch, wie sie vielleicht auf den ersten Blick erscheint. Im ersten Moment würde man denken, dass natürlich die Wirtschaft mehr weibliche Regeln brauchen würde, mit denen sich Frauen wohler fühlen würden. Das aber würde bedeuten, dass es tatsächlich „weibliche Regeln“ gibt – und das birgt die Gefahr, dass es von der Gegenbewegung als Argument dafür verwendet wird, Frauen wären ungeeignet für die Wirtschaft und müssten sich wieder ihrem angestammten Bereich widmen. Wenn die Gesellschaft sicher schon an einem Punkt wäre, an dem es allgemein akzeptiert und in den Köpfen verankert wäre, dass Frauen nicht weniger wert sind als Männer, und sich ihre Vorzüge und Nachteile mit denen der Männer aufwiegen (im Durchschnitt!), dann müsste man diesen Weg wagen.

Das würde bedeuten, Frauen müssten hinstehen und selbstbewusst sagen können: „wir sind anders, aber wir sind genauso gut.“ Es würde bedeuten, in gewissen Situationen noch selbstbewusster hinzustehen und zu zeigen, dass die eigenen Strategien besser funktionieren als die männlichen. Dass dies so ist, zeigen verschiedene Studien und praktische Erfahrungen. Ende 2007 wurden Studien publiziert, die zeigten, dass Firmen wirtschaftlich langfristig erfolgreicher waren, je mehr Frauen sie im Verwaltungsrat hatten. Kleinstkredite, die zur Entwicklunghilfe in afrikanischen und asiatischen Dörfern vergeben werden, gehen vorwiegend an Frauen, weil diese verantwortungsvoller und umsichtiger damit umgehen. Die Argumente, mit denen eine männlich dominierte Wirtschaft gerechtfertigt wird, werden immer dünner. Gleichzeitig kommen auch immer subtilere dazu, die es zu entlarven gilt.

Das wäre eigentlich Grund genug, Bestrebungen zu verstärken, die den traditionell männlichen Ego-Spielchen in Führungspositionen die Spitze brechen wollen. Zumal diese nicht nur wenig produktiv und nachhaltig, sondern auch noch riskant sind. Aber solange solche Männert dort sitzen und die Macht haben, ihresgleichen weiter zu befördern, ist es schwierig, das System zu durchbrechen.

Mir ist oft aufgefallen, dass starke Frauen, die sich in Führungspositionen hochgekämpft haben, dem Irrtum verfallen, die Starke sei am mächtigsten allein. (Wie Tell bei Schiller auch glaubt) Diese Frauen sind vom jahrelangen Kampf gestählt und von der am eigenen Leib erfahrenen Benachteiligung mindestens ein wenig verbittert, dass sie das Gefühl haben, sie müssten sich alles höchstpersönlich selbst erkämpfen. Das Thema „Gleichberechtigung“ wirkt bei ihnen oft dermassen automatisch als Trigger von heftigen Diskussionen, dass dies von den Männern in den Führungsetagen genüsslich ausgenutzt wird. Diese Frauen fühlen sich so schnell angegriffen und sind so misstrauisch gegenüber ihren männlichen Kollegen (durchaus aus Erfahrung), dass sie schlechte Karten haben, ihre Ideen durchzusetzen. Die Männer halten zusammen und lassen „die Frau“ auflaufen. Ihr eigener Feminismus, der diesen Frauen eigentlich in Form eines neuen Selbstbewusstseins die Tür nach oben öffnen sollte, kann ihnen da im Weg stehen.

Was Frauen nötig haben, ist eine Form von Gelassenheit. Das bis ins Innere verankerte Gefühl, ein Recht und einen Anspruch zu haben, da zu sein wo sie sind. Eine Gelassenheit, die Männern jahrhundertelang anerzogen wurde und von der ich hoffe, dass sie bei Frauen in meiner Generation stärker vorhanden ist. Die Tatsache, dass wir uns nicht mehr an die Zeiten erinnern, als Frauen direkt und offen diskriminiert wurden; die Tatsache, dass vielen von uns noch nie der Gedanke gekommen ist, wir würden etwas nicht wagen dürfen, „weil wir Frauen sind“ oder die Tatsache, dass wir bis jetzt weniger kämpfen mussten als unsere Vorgängerinnen, das alles erlaubt es uns, gelassener an die ganzen Machtspielchen unter den Männern heranzugehen. Das Argument „eine Frau kann das nicht“, kann uns viel weniger verunsichern. Wir haben schliesslich in der Schule gelernt, dass Frauen vieles mindestens ebenso gut können als Männer.

Nur ganz grosse Ausnahmekrieger gewinnen ihre Schlachten ganz alleine. Bei den anderen kommt es darauf an, eine gute Armee richtig zu kommandieren. Will heissen – wer vorankommen will, braucht Allianzen, denen sie vertrauen kann. Es bestehen mehr Möglichkeiten, wenn man sich dabei nicht ausschliesslich auf Frauenbande beschränken muss. Frauen müssen aufhören, zu glauben, sie wären nur stark, wenn sie alles ohne Hilfe und mit eigenem Fleiss erreichen.

Mir ist oft aufgefallen, dass Frauen in der Wirtschaft zu wenig Gespür für die Machtverhältnisse innerhalb einer Firma haben oder wenn sie es haben, beschliessen, sie nicht zu beachten oder gar alleine dagegen anzutreten. Das ist nur selten erfolgversprechend. Gleichzeitig wäre es falsch zu denken, Frauen hätten dieses Gespür an und für sich nicht, stammen die meisten grossen Intrigen der Literaturgeschichte doch von Frauen. Das Problem ist eher, dass die meisten Frauen immer noch zu glauben scheinen, sie müssten mit guter Leistung allein auf sich aufmerksam machen und dann würden „die da oben“ sie dann schon berücksichtigen. So läuft das nur selten.

Es schadet nichts, wenn man eine Veränderung einführen möchte, vorher den Puls zu fühlen und herauszufinden, wer die wichtigen Leute sind, die man überzeugen muss, um erfolgreich zu sein. Es ist auch kein Zeichen von Schwäche, wenn eine Frau sich in solchen Fällen auch auf Männer abstützt oder wenn sie eine strategische Niederlage hinnimmt, um Zeit zu gewinnen und die Karten neu zu mischen. Die ganze Frauen-Power-Bewegung musste Frauen lehren, dass sie selbst stark und nicht von Männern abhängig sind. Das war wichtig und richtig zu dieser Zeit. Heute ist es wichtig, dass Frauen sehen, dass sie nicht alles alleine machen müssen – und ihre Klugheit auch dafür einsetzen können, ihre Ziele mit Hilfe von anderen zu erreichen. Entscheidend ist, die Fäden dabei nicht aus der Hand zu geben, selbst wenn es zeitweise von aussen so aussehen mag. Das bedeutet aber auch, dass man zuweilen die Machtspielchen der Männer mitspielen muss und sie auch als solche sehen sollte.

Die Emanzipationsbewegung ist an einer Weggabelung. Sie hat mindestens ebenso viel vor sich, wie sie schon erreicht hat.

Es besteht die Gefahr, dass sich die Entwicklung nun, nachdem die ersten Erfolge verbucht wurden, verlangsamt oder es Rückschlage gibt. Es besteht aber auch die Möglichkeit, dass in den letzten Jahrzehnten eine Lawine in Bewegung geraten ist, die nicht mehr zu stoppen ist und deren Fortschritt sich beschleunigt, je länger sie unterwegs ist. Ersteres ist zu befürchten, aber zweiteres ist möglich, wenn man sieht, welche Männer bald abtreten werden und welche Frauen nachkommen. Es ist wichtig, dass wir jungen Frauen optimistisch sind und daran glauben können, dass dies möglich sind. Wir sind durch unsere Vorkämpferinnen und durch die Ausbildung mit den besten Voraussetzungen ausgestattet worden. Aber ohne Einsatz und Kampfwille geht es nicht weiter.

Ich zähle darauf, dass unsere grossen Vorkämpferinnen uns darin unterstützen und uns nicht unnötig Steine in den Weg legen, indem sie von uns verlangen, alles genauso zu machen wie sie damals. Die Zeiten haben sich geändert. Das ist gut so. Das ist wichtig. Und es ist für uns wichtig, dass wir das, was für unsere Vorkämpferinnen nur ein Traum war, als selbstverständliche voraussetzen dürfen; selbst dann, wenn der Traum noch nicht erfüllt ist.

Es ist möglich, dass ich an dieser Stelle in der Zukunft irgendwann frustriert sein werde, weil meine Hoffnungen zu hoch waren, weil mich die Erfahrung etwas anderes lehrt, als das, was ich jetzt wünsche. Aber meine eigene Vergangenheit lehrt mich auch, dass noch weniger zu erreichen ist, wenn man die Frustration schon vorausnimmt und gar nichts versucht. Ich empfinde vieles, was ich vor 10 Jahren getan und gedacht habe, als furchtbar naiv – aber wäre ich nicht so naiv gewesen, hätte ich es möglicherweise nie versucht. Und dann wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin.
26.10.08 18:50
 


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