rarebs kleine Welt
  Startseite
    Euro 08
    Küche
    Politik
    Italiano
    Green Hell Blog Tour
    diverses
    Rezensionen
    Gedanken
    Hogwarts
  Über...
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
  Abonnieren

Webnews



http://myblog.de/rareb

Gratis bloggen bei
myblog.de





Richard David Precht – Wer bin ich und wen ja, wie viele?

Das Buch hat mich ursprünglich gar nicht gereizt. Ich fand den Titel zwar irgendwie witzig, aber fast zu gequält lustig – und es kam mir vor, als würde heutzutage jeder, der sich ein wenig dazu berufen fühlt, ein Buch über Philosophie schreiben. Das Titelbild trug auch nicht gerade viel dazu bei, dahinter ein ernsthaftes Buch zu erwarten. Ich hielt es für ein Buch voller Plattitüden und Poesiealbums-Weisheiten, von dem ich nicht viel erwartete.

Der Grund, warum ich das Buch dann doch gekauft und auch gerne gelesen habe, war ein Essay, das der Autor vor etwa einem Monat im Spiegel veröffentlicht hat. Darin kritisierte er die vermeintliche intellektuelle Elite Deutschlands, die sich immer mehr von der Gesellschaft abschottet und immer unverständlicher schreibt und spricht und damit immer mehr an Bedeutung verliert. So hatte ich das Essay zumindest interpretiert und fand den Autor sogleich sympathisch und es schien auch, als hätte er sich doch einige Gedanken gemacht, die es wert waren, zu lesen. Mit anderen Worten: Ich beschloss, ihm eine Chance zu geben.

Die Einleitung des Buches ist sehr bildlich und erzählt die Anekdote, wie der Autor selbst seine Liebe für die Philosophie entdeckt hat und auch, wie er diese während des Philosophiestudiums fast verloren hätte. Nicht zuletzt, weil es zwar sehr viele Einführungen in die Philosophie gibt, in der gebetmühlenartig ein Kanon von „wichtigen Denkern“ aufgelistet wird – aber keine, die eine Übersicht über verschiedene Antworten auf zentrale Lebensfragen, also zentrale Fragen der Philosophie, bietet. Ausserdem war er schockiert über das Gärtchendenken in der Philosophie, in der man zwar die zweihunderttausendste Dissertation über die Bedeutung der Ameisen im Bezug auf die Moraltheorie in Kants Kritik der reinen Vernunft im Vergleich zur Antike verfasst, aber den Blick über den Tellerrand hinaus scheut wie der Teufel das Weihwasser. Dies, obwohl moderne Wissenschaften wie die Hirnforschung oder die Psychologie längst interessante Beitrage zur Diskussion liefern, alte Fragen neu stellen und, je weiter sie forschen, desto mehr neue, unerwartete Fragen auffinden.

Precht hat sich also zum Ziel gesetzt, auf eine einfach verständliche Art und Weise verschiedene Antworten auf Fragen wie „wer bin ich?“ oder „was darf ich?“ oder „wie frei bin ich?“ vorzustellen. Er benutzt dabei einen unterhaltsamen, einfachen sprachlichen Stil, dem man auch oder gerade ohne philosophische Vorbildung folgen kann. Besondere Höhepunkte des Buches waren immer jene Passagen, in denen er die Macken, Absonderlichkeiten und den Grössenwahn der grossen Philosophen darstellte und uns klarmachte, dass auch die ganz grossen Namen nicht nur kluge Dinge von sich gegeben haben, dass gerade sie oft spektakulär danebenlagen und letztlich Menschen waren wie wir anderen auch – mit Ausnahme vielleicht, dass sie noch ein bisschen verrückter waren als der Durchschnitt.

Inhaltlich ist das Buch in drei Blöcke geteilt – was kann ich wissen? Was soll ich tun? Und was kann ich hoffen?

Im ersten Block präsentierte er verschiedene Theorien über das ich und darüber, wie wir wissen können, was wir zu wissen glauben. Vom berühmten „ich denke, also bin ich“ über die Evolutionstheorie bis zu teilweise beängstigenden, teilweise faszinierenden Ergebnissen aus der Hirnforschung und dem Fassungsvermögen eines menschlichen Säugetiergehirns. Diesen Block fand ich extrem spannend und anregend zu lesen. Er schaffte es geschickt, zwischen Überzeugung und Zweifel hin und herzuwechseln und hat auch mich mit jedem Kapitel neu zum Nachdenken gebracht. Es sind Fragen, die ich mir schon oft und immer wieder gestellt habe – und er präsentiert Antworten, die einen manchmal gleichzeitig beruhigen und beängstigen.

Die anderen beiden Blöcke fand ich hingegen viel weniger spannend und anregend. Im zweiten Block stellt er verschiedene Moral- und Gesellschaftstheorien vor und versucht gleichzeitig, Antworten für die umstrittensten moralischen Fragen unserer Zeit zu geben. Das bedeutete auch, dass klar wurde, auf welcher Seite der Diskussion sich der Autor selbst positioniert – obwohl er versuchte, auch die Gegenseite darzustellen. Obwohl ich in den allermeisten Punkten einig mit ihm war, fand ich doch, dass das Buch gewonnen hätte, wenn er nicht versucht hätte, sich zu Themen wie Abtreibung oder Sterbehilfe zu äussern.

Ich muss hier aber auch zugeben, dass gerade der zweite Teil ein Themengebiet betraf, das ich vom Studium her relativ gut kenne und das ich auch in meiner Lizenziatsarbeit gestreift habe. Hier gehörte ich möglicherweise nicht mehr zum Zielpublikum des Buches.
Der letzte Teil, in dem er über Gottesbeweise und ähnliche Fragen sprach, war mir dann irgendwie zu fern.

Gefreut habe mich hingegen, dass er im letzten Kapitel speziell auf Produkte der sogenannten Trivial- oder Unterhaltungsindustrie verwies und beispielsweise über „The Matrix“, „Hitchhiker’s Guide to the Galaxy“ und „Monty Python’s Meaning of Life“ schrieb. Denn nur, weil ein Werk unterhaltsam ist und nicht alles todernst nimmt, heisst nicht, dass es nicht wichtige Fragen stellen kann. Ich würde sogar behaupten, dass „The Matrix“ letztlich mehr Leute dazu gebracht hat, sich Fragen über das eigene Ich und die Realität, in der wir leben, zu stellen, als die meisten philosophischen Traktate, die in den letzten Jahren in wissenschaftlichen Journals publiziert wurden. Was am Ende für die Menschheit wichtiger war, wird sich freilich erst in der Zukunft zeigen. Aber über den unerträglich arroganten Elitismus weiter Teile von Kultur und Wissenschaft will ich ein andermal bloggen.

Ich würde „wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ jedem empfehlen, der sich gerne mit solchen Fragen beschäftigt, aber keine Lust hat, die Antworten und Theorien der Philosophen zuerst vom Deutschen ins Deutsche zu übersetzen, damit man es überhaupt versteht. Wer sich aber intensiver mit dem Thema auseinandergesetzt hat oder auseinandersetzen möchte, liest besser weiterführende Werke. Das war aber auch nicht der Anspruch das Buches.
18.12.08 20:48
 


Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung