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Gregory David Roberts: Shantaram

Für den Rückweg meiner Reise nach Erfurt war mir der mitgebrachte Lesestoff ausgegangen und ich musste vor Ort ein neues Buch kaufen, das garantiert bis nach Hause reichen würde. Das war mit ein Grund, warum ich Shantaram von Gregory David Roberts in die Hand genommen hatte. (Das Buch hat in der englischen Version 933 Seiten.)

Ich hatte in einer Kultursendung einen Bericht darüber gesehen, das als "das Leseevent des Jahres" angekündigt worden war - zusammen mit der wechselvollen Geschichte des Autors. Und eigentlich hatte mich dieser Beitrag eher davon überzeugt, dass es kein Buch wäre, das ich lesen wollte.

Genauso, wie auch der Titel mich eigentlich eher skeptisch bleiben liess - die Faszination von Indien, die viele Hippies, Aussteiger und auch einen meiner Geographieprofessoren fesselte, war mir nie ganz eingeleuchtet. "Shantaram" klang nach einem Buch über Gurus und Esoterik, weit weg von jemandem wie mir, die so stark in ihrer eigenen Heimat und deren eigener Spiritualität verwurzelt ist, dass mich dieser Aspekt der Fremde nie angezogen hat.

Und wie so oft in letzter Zeit habe ich das Buch gegen meine ursprüngliche Absicht doch gelesen - erst noch mit viel Spass. In der Buchhandlung hatte ich die ersten Seiten mehr aus Neugier gelesen, in der Überzeugung, genau das vorzufinden, was mir meine Vorurteile sagten; nur um festzustellen, dass es ganz anders war. Diese ersten Seiten hatten mich sofort gefesselt.

Als wir mit der Klasse auf Maturareise nach Barcelona geflogen waren, war das erste, was mir an dieser Stadt aufgefallen war, ihre Gerüche. Barcelona roch an jeder Ecke anders; manchmal reichten zwei, drei Schritte um von unerträglichem Gestank in einen betörenden Blumenduft zu geraten – nur, um ein paar Schritte weiter plötzlich Fisch oder frisch gebackenes Brot zu riechen. Nichts hat mich an dieser Stadt mehr fasziniert und nichts ist mir stärker in Erinnerung geblieben als ihre vielen Gerüche.

Auf seinen ersten Seiten beschreibt Gregory David Roberts nun, wie Bombay gerochen hat, als er zum ersten Mal dort ankam. Er war ein entflohener australischer Häftling (er war wegen Raubüberfällen zu 20 Jahren Haft verurteilt worden und war einem Hochsicherheitsgefängnis entkommen), der mit einem gefälschten neuseeländischen Pass nach Indien gelangt war. Und das war erst der Anfang seiner vielen Abenteuer. Aber die Tatsache, dass das erste, was er von dieser neuen Stadt beschrieb, ihre Gerüche waren, machte ihn mir sympathisch und ich gab dem Buch eine Chance.

„Shantaram“ erzählt die atemlose Geschichte dieses Australiers in den folgenden Jahren in Bombay. Der Autor betont in Interviews immer wieder, es handle sich dabei um Fiktion und die Geschichte sei nicht autobiographisch zu verstehen. Trotzdem hat er für den Roman zumindest wichtige Stationen in seinem eigenen Leben darin verarbeitet. (Er ist in Australien aus dem Gefängnis ausgebrochen und nach Indien geflohen, hat dort im Slum gelebt, für die Mafia gearbeitet, war dort im Gefängnis und in Afghanistan im Krieg.) Auch wenn die Personen und Ereignisse, die er beschreibt, so nicht passiert sind, fühlt sich der Roman doch sehr echt und glaubwürdig an – man merkt auf jeder Seite, dass der Autor genau weiss, wovon es spricht und die Dinge, die er beschreibt, auch wirklich in ähnlicher Form gesehen und erlebt hat. Es scheint also doch eine sehr autobiographisch geprägter Roman zu sein. Zumal er aus der Perspektive eines Ich-Erzählers geschrieben ist, der aus der Zukunft auf sein Leben zurückschaut und seine Erlebnisse während des Erzählens immer wieder kommentiert oder reflektiert.

Der Australier „Lin“ verliebt sich sofort in die Stadt Bombay, Indien und seine Bewohner. Er fühlt sich dort bald immer heimischer, erlebt viele Abenteuer, verliebt sich und landet irgendwann bei der Mafia. Aber nicht, bevor er nicht in einen Slum gezogen ist und dort mehr durch Zufall eine Art kostenlose Arztpraxis eröffnet (obwohl er nicht ausgebildeter Arzt ist). Er landet im Gefängnis, wird befreit, fängt an zu Schmuggeln und Pässe zu fälschen und kämpft in Afghanistan mit den Mudjahedin gegen die Sowjets. Aber eigentlich kann man das Buch gar nicht zusammenfassen, man muss es schon selber lesen.

Der Autor schreibt so bildlich und charakterisiert seine Figuren so greifbar, dass man das Buch kaum weglegen kann. Sobald man anfängt zu lesen, wird man in diese (für mich fremde) Welt gesogen und vergisst die Welt, in der man sich eigentlich befindet. Von der Zugreise von Erfurt zurück in die Schweiz habe ich kaum etwas mitbekommen – ich war in dieser Zeit in Indien. Aus diesem Grund lohnt es sich auf jeden Fall, das Buch zu lesen. Man spürt, dass der Autor das Land liebt, über das er schreibt und sehr viel Wärme gegenüber seinen Figuren empfindet. Es lässt einen das eigene Leben im guten und im schlechten Sinn ereignislos und langweilig erscheinen und gibt einem die Möglichkeit, sehr viel mitzuerleben.

Ich legte das Buch am Ende etwas traurig weg, nicht nur, weil es ein relativ offenes Ende hat, sondern auch, weil ich ihm gerne noch länger zugehört hätte, wie er aus seinem Leben, ob fiktiv oder real, erzählt.

Ich betone das, weil das Buch im Grunde sehr viele Elemente enthält, die mich bei anderen Autoren massiv gestört haben und mich auch bei ihm mehr hätten stören müssen. Das Buch hat einige sehr kitschige Schilderungen oder Gedankengänge, über die ich doch kurz die Augen gerollt habe – aber drangeblieben sind. Sie werden nie so störend, dass es unerträglich geworden wäre. Die Tatsache, dass der Autor das Land und die Leute, über die er schreibt, so liebt, lässt ihn manchmal über das Mass schwärmen.

Obwohl das Buch aus der Ich-Perspektive erzählt wird, fühlte ich mich irgendwie seltsam unberührt. Er beschrieb Schmerzen, Folter und Krieg, aber auch grosse Gefühle von Liebe und starker Freundschaft – aber nicht so, wie er sie unmittelbar erlebt hatte, sondern bloss, wie er sich viel später daran erinnerte. Er hätte die Geschichte auch in diesem Ton an einem Lagerfeuer oder in einer Bar über einem guten Drink so erzählen können.

Schliesslich legt der Autor auch seine eigene Weltanschauung und seine Lebensphilosophie in diesem Buch ausführlich dar – vor allem aus dem Mund des Mafia-Bosses, für den er arbeitet. Persönlich fand ich sie über weite Strecken interessant und bedenkenswert – wer solche Passagen aber in einem Buch störend findet, sollte es lieber nicht in die Hand nehmen. Zum Englischlernen eignet es sich ebenfalls nicht – denn der Autor gibt die Dialoge so wieder, wie die Personen sie sprechen würden – das heisst, mit vielen Grammatikfehlern bei den Figuren, die nicht besonders gut Englisch können. Die deutsche Übersetzung kenne ich nicht (es gibt eine), aber mich hätten dort die „Kitsch“-Passagen wohl stärker genervt als auf Englisch.

Alles in allem ist es also ein sehr lesenswertes Buch – eines, das mich auch sehr lange und ausführlich zum Nachdenken angeregt hat (die Ergebnisse werden vielleicht irgendwann hier auftauchen). Man könnte es auch als eine „Indienreise für Ängstliche“ bezeichnen – denn der Autor nimmt einen an sehr viele spannende Orte mit, an die man als Angsthase nie kommen würde.

Jetzt hoffe ich, dass er tatsächlich eine Fortsetzung schreibt, wie er in Interviews bereits angedeutet hat.
26.12.08 00:59
 


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