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Das Recht auf Interpretation

Dieser Text wurde ursprünglich in meinem LJ publiziert.

Im Vergleich zu Filmen werden die Geschichten in Büchern immer von zwei Parteien erschaffen: Dem Autor oder der Autorin und den Leuten, die das Buch lesen. Der Autor erzählt sie, indem er sie in Worte fasst - und die Leser erwecken sie zum Leben, wenn sie die Wörter lesen und zusammensetzen. Beide betreiben einen Aufwand, auch wenn das Schreiben in den meisten Fällen mehr kostet als das Lesen - und das Ergebnis dieses Zusammenspiels aus den Wörtern der Autorin und den Gedanken und Bildern des Lesers ist einzigartig.

Das heisst - auch wenn ich das gleiche Buch wie jemand anderes lese, werden wir hinterher nicht exakt die gleiche Geschichte und die gleichen Bilder im Kopf haben. Das ist ein Grund, warum lesen für mich so faszinierend ist; und warum ich gerne über Bücher diskutiere.

Es bedeutet aber auch, dass der Autor die alleinige Kontrolle über seine Geschichte verliert, sobald er sie der Öffentlichkeit zugänglich macht. Die Geschichte "gehört" ihm nicht mehr alleine, sondern sie wird Allgemeingut in all den Köpfen, die sie gelesen haben und darüber nachdenken. Natürlich hat der Autor die Urheberrechte und ist damit vor Plagiaten und unrechtmässigen Verwendungen etc. geschützt. Aber der Autor hat kein Recht auf die Interpretation der Geschichte. Darüber, was die Geschichte aussagt und wie sie zu verstehen ist, hat er nicht mehr zu sagen als jeder Leser auch - denn der Autor hat die Wörter nur geschrieben, der Leser hat sie zusammengefügt, er hat die Betonungen gesetzt und den einzelnen Sätzen mehr oder weniger Aufmerksamkeit geschenkt.

Natürlich ist das kein Freibrief für die Leser, alles, was sie in eine Geschichte hineinlesen wollen, einfach zu lesen. Die Faustregel lautet: Es muss im Text sein. Mit anderen Worten: Man muss anhand von Textstellen begründen können, warum man auf diese Interpretation kommt. Ob man die Begründung für plausibel hält oder nicht, ist dann eine Frage der Diskussion.

Der Autor hat in dieser Diskussion nicht mehr zu sagen als jeder gewöhnliche Leser. Sprich - er hat seine Interpretation der Geschichte anhand von Textstellen zu belegen. "Aber in meinem Kopf habe mich mir das anders vorgestellt", gilt nicht. Denn der Kopf, der sich die Geschichte beim Lesen vorstellt, ist der des Lesers, nicht der des Autors.

Ich vertrete diese Überzeugung nicht, weil ich den Autoren etwas wegnehmen möchte oder es liebe, ihnen in ihre eigenen Geschichten zu funken - sondern, weil ich aus eigener Erfahrung weiss, dass in Geschichten immer mehr drin ist, als man beim Schreiben selbst sieht. Ich habe oft in Diskussionen mit Beta-Leserinnen oder Mit-Autorinnen viel über meine eigenen Texte erfahren, was mir selbst nie aufgefallen wäre - und nicht selten bin ich nach solchen Gesprächen plötzlich zum Schluss gekommen, dass die Geschichte etwas ganz anderes sagt oder erzählt, als ich mir als Autorin dabei gedacht habe.

Deswegen habe ich auch wenig Verständnis für Autoren, die hinterher Interviews darüber geben, wie einzelne Passagen ihres Werks zu verstehen seien, was die Leser alles falsch verstanden hätten oder gar ganze Bücher schreiben, in denen sie ihre eigenen Schriften auslegen wie hohe Priester die Bibel. Die Meinung des Autors ist eine Meinung, nicht die Meinung über eine Geschichte. Oder um es in Fandomsprache auszudrücken: Der Text ist Canon, nicht nur für Fanfiction-Autoren, sondern auch für die Original-Autorinnen. Interview-Aussagen sind nicht mehr als die Meinung einer einzelnen Person.

Das heisst nicht, dass ich komplett dagegen bin, dass sich Autoren über ihre eigenen Texte äussern. Ich finde es höchst spannend zu hören, wie eine Geschichte entstanden ist, was die Autorin recherchiert hat und wie sie sich eine Szene vorgestellt hat, als sie sie geschrieben hat; aber nur, solange sie nicht mit einem Absolutheitsanspruch davon spricht, als wäre sie die einzige, die ihr eigenes Buch zu lesen versteht. Da fühle ich mich herabgesetzt und bevormundet. Ich kann vielleicht nicht schreiben, was sie geschrieben hat, aber lesen kann ich.
Ich diskutiere liebend gerne mit Autoren über ihre Geschichten, wenn sie meinen Standpunkt genauso ernst nehmen, wie ich ihren. Dann anerkenne ich sogar, dass sie als Erschaffer der Romanfiguren und der Welt, die sie schreiben, mehr darüber wissen als ich.

Schreiben ist ein kreativer, also ein schöpferischer Akt - und das Wunder von schöpferischen Tätigkeiten ist ja gerade, dass das, was geschaffen wird, ausserhalb des Autors eine Art Eigenleben zu führen beginnt. Und ich wünsche mir, dass Autorinnen und Autoren dies anerkennen und so weit Abstand davon nehmen können, dass sie sich nicht wie überängstliche Glucken verhalten.
3.1.09 17:28
 


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