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Liebe rareb von vor 10 Jahren...

Ich habe mich in meinem Stammforum bei einer Blogtour eingeschrieben. Das Prinzip besteht darin, dass jemand eine Aufgabe stellt, über die alle der Reihe nach schreiben müssen. Der Vorgänger und der Nachfolger werden jeweils verlinkt, bis wir wieder beim Ersten angekommen sind.

Dann wollen wir mal. Vor mir war Grashopper dran. Und das ist Stinas Aufgabe:

Stellt euch vor, ihr könntet in der Zeit zehn Jahre zurück reisen und euer damaliges Ich treffen. Was würdet ihr ihm sagen wollen? Vor was wollt ihr es warnen? Welche Ratschläge gebt ihr ihm mit auf den Weg? [Jegliche zeitreisentheoretische Paradoxa sind zum Zwecke dieses Blogeintrages außer Kraft gesetzt, ihr müsst euch also keine Sorgen um Paralleluniversen, multiples Kaskadenversagen und kleine Mönche mit Besen machen. Haut rein.]

1996 war ich gerade 14 geworden. Seit einem Jahr besuchte ich das Gymnasium. Ich hatte mich in den Sommerferien entschieden, meine langen Haare abzuschneiden und sah aus, als wär ich viel älter als ich jetzt bin. (Ja, tatsächlich) Ich war Teil einer kleinen "Clique", die aus vier Leuten bestand - wir Aussenseiter hatten uns zu einer Gruppe zusammengeschlossen. Möglicherweise war der Sommer 1996 einer der tollsten und sorgenfreisten, den ich je erlebt hatte. Ich war in vielem sehr zuversichtlich damals. Und ich war hoffnungslos in ein Mitglied der Backstreet Boys verliebt. Man hat schliesslich seine Jugendsünden.
Was soll ich diesem Mädchen sagen?

Ich erlaube mir die Aufgabe etwas abzuändern, da ich mir etwas später, nämlich mit 15 1/2 Jahren selbst einen Brief an mein zukünftiges Ich geschrieben hatte. Es war damals als Brief gedacht, den ich zu verschiedenen Zeitpunkten meines Lebens würde lesen können um mich zu erinnern wie ich früher war.
Ein grosser Teil dieses Briefs ist zu persönlich um ihn in irgendeiner Form zu veröffentlichen - hier ist der Teil daraus, auf den ich im Rahmen dieser Aufgabe antworten möchte:

25.04.1998

Liebe rareb,

Ich weiss nicht, wie du bist, wenn du das wieder einmal liest und ich weiss nicht, was aus dir geworden ist. [...] Ich bin jetzt 15 1/2 Jahre alt und fühle mich total machtlos. Ich bin wehrlos allem unterworfen, was die Politik machen will. Ich kann nichts tun. Ich möchte frei sein, aber das geht nicht. Ich habe den Kopf voller Gedanken. Falls du das nicht sowieso getan hast, versuche doch mal mehr daraus zu machen. Ich bin sicher, in dir steckt was.
[...] Tu es mir zu liebe. Betrachte die Welt so kritisch, wie ich sie betrachte. Versuche etwas zu ändern und resigniere nicht. Vielleicht wirst du eines Tages doch etwas ändern können (wenn du's noch nicht geschafft hast.)
Und vergiss nicht, dass du mal ich warst. [Der nächste Teil ist sehr wirr geschrieben - aber ich fordere mich auf, die Jugendlichen in ihren Bestrebungen zu unterstützen, wenn ich nicht mehr jung bin] Ich wäre auch froh, gefördert zu werden. Bleib' so, wie ich bin/war!

rareb


12.09.2006

Liebe rareb,

Leider kann ich dir nicht erzählen, was alles in den knapp 8 1/2Jahren passiert sind, die zwischen dir und mir liegen. Ich fühle mich etwas ertappt bei deinen Worten - denn viel erreicht habe ich nicht und ich fürchte, viele deiner Ziele habe ich etwas aufgegeben. Du scheinst schon zu ahnen, dass dein Enthusiasmus nicht so unverändert anhalten würde. Ich weiss noch, warum du mir den Brief damals geschrieben hast: Nach dem Aufsatz bei Herrn M. im Deutschunterricht zum Thema "Ich mit 30 Jahren" hast du dir Gedanken darüber gemacht, dass viele Erwachsene im Leben die Ziele ihrer Jugend aufgeben, weil sie resignieren. Du wolltest nicht, dass ich es tue. Ich glaube, das sehe ich jetzt ein bisschen anders.

Ich hatte deine Ziele nicht aufgegeben. Eine zeitlang war ich aktiv - kurz nach diesem Brief hast du zum ersten Mal an der Jugendsession teilgenommen, dann kam der Schülerrat und schliesslich die nationale Schülerorganisation. Satt die Welt zu verändern habe ich versucht, wenigstens dort etwas zu bewirken, wo ich war. Ich habe mich über drei Jahre lang eingesetzt und das, was letztlich dabei herauskam, waren minime Änderungen, Tropfen auf den heissen Stein quasi. Ich musste lernen, dass es Geduld braucht und man in kleinen Schritten denken muss. Statt alle Ungerechtigkeiten in der Welt zu besiegen musste ich mich damit abfinden, dass ich vielleicht ein paar weiteren Schülergenerationen zu Klassen- statt Fachzimmern verholfen hatte oder durch Workshops anderen Gleichalterigen Ideen geben konnte, die sie an ihrer Schule umsetzen konnten.

Und weisst du, dieser Einsatz hat sich gelohnt. Vielleicht nicht für die Schule, vielleicht nicht für die Politik - aber für mich selber. Ich habe nirgends so viel gelernt wie in den zwei Jahren im Vorstand der USO - lass dich von den Eltern bloss nicht davon abbringen, das zu tun, obwohl sie nicht begeistert sein werden.
Ich habe mich nach diesem Engagement trotzdem von der aktiven Politik abgewandt. Das mag dich vielleicht enttäuschen - denn du wolltest ja nicht, dass ich es aufgebe. Aber meine Interessen haben sich verschoben - du hast damals schon daran gedacht, ich bin den Weg gegangen und habe Politikwissenschaften studiert. Ich bin zum Schluss gekommen, dass mir die Position als Beobachterin und Kommentatorin besser gefällt als die der Politiker. Ich bin für die Intrigenspiele nur beschränkt gemacht. Ich habe nie ein genug dickes Fell dazu gehabt.

Ich werde das Studium wohl nicht dazu nutzen um zu versuchen, die Welt zu verändern. Mir gefällt es besser, wenn ich zuschauen, analysieren und kommentieren kann. Mein zukünftiger Weg ist gerade sehr unschlüssig - denn die Freiheit, nach der du dich so sehnst, bringt auch viel Druck und Selbstverantwortung mit sich. Du hast das damals ganz schön unterschätzt. Ich ertappe mich oft dabei, wie ich mich fast danach zurücksehne, wieder ein Kind und relativ unbeschwert zu sein. Du erinnerst mich gerade daran, wie sehr ich mich jeweils darüber aufgeregt habe. Du hast recht, ich sollte den Schritt ins Erwachsenenleben endlich machen. Ich bin nicht mehr so wehrlos, wie du es warst - und ich sollte dies ausnutzen.

Ich habe in den Jahren zwischen uns ein Talent entdeckt, von der du erst ahnst, dass du es haben könntest: Schreiben. Du wirst erst einmal zu Herrn F. in den Deutschunterricht wechseln müssen um zu erkennen, wieviel Potential du dahingehend hast. Glaub ruhig daran - er wird nicht der einzige bleiben, der dich darin fördert. Ich weiss nicht, wie weit mich das bringen wird - aber ich habe erkannt, dass ich ohne Schreiben nicht leben kann. Wenn ich es beruflich nicht nutzen kann, so wenigstens als Hobby. Es ist nicht einfach, einen solchen Brief zu beantworten, wenn man sich gerade in der grössen Umbruchphase seines Lebens befindet.

Es freut mich, dass du an uns glaubst - ich habe es in der Zwischenzeit nicht immer getan. Ich befinde mich noch auf dem Weg, auf den du dich damals begeben hast.
Vielleicht muntert es dich auf, dass ich - obwohl ich deinen Traum aufgegeben habe - immer noch von fast jeder Person, die ich neu kennenlerne nach ein paar Minuten Gespräch zu einer potentiellen Bundesrätin gemacht werde. Wir scheinen da etwas zu haben, das uns in die Richtung zieht. Wer weiss, was ich uns in 8 Jahren dazu sagen habe...

rareb



Mit der Blogtour geht's weiter bei Puck - Das Leben ist keine Serie
12.9.06 17:35
 


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