rarebs kleine Welt
  Startseite
    Euro 08
    Küche
    Politik
    Italiano
    Green Hell Blog Tour
    diverses
    Rezensionen
    Gedanken
    Hogwarts
  Über...
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
  Abonnieren

Webnews



http://myblog.de/rareb

Gratis bloggen bei
myblog.de





Gedanken

Das Recht auf Interpretation

Dieser Text wurde ursprünglich in meinem LJ publiziert.

Im Vergleich zu Filmen werden die Geschichten in Büchern immer von zwei Parteien erschaffen: Dem Autor oder der Autorin und den Leuten, die das Buch lesen. Der Autor erzählt sie, indem er sie in Worte fasst - und die Leser erwecken sie zum Leben, wenn sie die Wörter lesen und zusammensetzen. Beide betreiben einen Aufwand, auch wenn das Schreiben in den meisten Fällen mehr kostet als das Lesen - und das Ergebnis dieses Zusammenspiels aus den Wörtern der Autorin und den Gedanken und Bildern des Lesers ist einzigartig.

Das heisst - auch wenn ich das gleiche Buch wie jemand anderes lese, werden wir hinterher nicht exakt die gleiche Geschichte und die gleichen Bilder im Kopf haben. Das ist ein Grund, warum lesen für mich so faszinierend ist; und warum ich gerne über Bücher diskutiere.

Es bedeutet aber auch, dass der Autor die alleinige Kontrolle über seine Geschichte verliert, sobald er sie der Öffentlichkeit zugänglich macht. Die Geschichte "gehört" ihm nicht mehr alleine, sondern sie wird Allgemeingut in all den Köpfen, die sie gelesen haben und darüber nachdenken. Natürlich hat der Autor die Urheberrechte und ist damit vor Plagiaten und unrechtmässigen Verwendungen etc. geschützt. Aber der Autor hat kein Recht auf die Interpretation der Geschichte. Darüber, was die Geschichte aussagt und wie sie zu verstehen ist, hat er nicht mehr zu sagen als jeder Leser auch - denn der Autor hat die Wörter nur geschrieben, der Leser hat sie zusammengefügt, er hat die Betonungen gesetzt und den einzelnen Sätzen mehr oder weniger Aufmerksamkeit geschenkt.

Natürlich ist das kein Freibrief für die Leser, alles, was sie in eine Geschichte hineinlesen wollen, einfach zu lesen. Die Faustregel lautet: Es muss im Text sein. Mit anderen Worten: Man muss anhand von Textstellen begründen können, warum man auf diese Interpretation kommt. Ob man die Begründung für plausibel hält oder nicht, ist dann eine Frage der Diskussion.

Der Autor hat in dieser Diskussion nicht mehr zu sagen als jeder gewöhnliche Leser. Sprich - er hat seine Interpretation der Geschichte anhand von Textstellen zu belegen. "Aber in meinem Kopf habe mich mir das anders vorgestellt", gilt nicht. Denn der Kopf, der sich die Geschichte beim Lesen vorstellt, ist der des Lesers, nicht der des Autors.

Ich vertrete diese Überzeugung nicht, weil ich den Autoren etwas wegnehmen möchte oder es liebe, ihnen in ihre eigenen Geschichten zu funken - sondern, weil ich aus eigener Erfahrung weiss, dass in Geschichten immer mehr drin ist, als man beim Schreiben selbst sieht. Ich habe oft in Diskussionen mit Beta-Leserinnen oder Mit-Autorinnen viel über meine eigenen Texte erfahren, was mir selbst nie aufgefallen wäre - und nicht selten bin ich nach solchen Gesprächen plötzlich zum Schluss gekommen, dass die Geschichte etwas ganz anderes sagt oder erzählt, als ich mir als Autorin dabei gedacht habe.

Deswegen habe ich auch wenig Verständnis für Autoren, die hinterher Interviews darüber geben, wie einzelne Passagen ihres Werks zu verstehen seien, was die Leser alles falsch verstanden hätten oder gar ganze Bücher schreiben, in denen sie ihre eigenen Schriften auslegen wie hohe Priester die Bibel. Die Meinung des Autors ist eine Meinung, nicht die Meinung über eine Geschichte. Oder um es in Fandomsprache auszudrücken: Der Text ist Canon, nicht nur für Fanfiction-Autoren, sondern auch für die Original-Autorinnen. Interview-Aussagen sind nicht mehr als die Meinung einer einzelnen Person.

Das heisst nicht, dass ich komplett dagegen bin, dass sich Autoren über ihre eigenen Texte äussern. Ich finde es höchst spannend zu hören, wie eine Geschichte entstanden ist, was die Autorin recherchiert hat und wie sie sich eine Szene vorgestellt hat, als sie sie geschrieben hat; aber nur, solange sie nicht mit einem Absolutheitsanspruch davon spricht, als wäre sie die einzige, die ihr eigenes Buch zu lesen versteht. Da fühle ich mich herabgesetzt und bevormundet. Ich kann vielleicht nicht schreiben, was sie geschrieben hat, aber lesen kann ich.
Ich diskutiere liebend gerne mit Autoren über ihre Geschichten, wenn sie meinen Standpunkt genauso ernst nehmen, wie ich ihren. Dann anerkenne ich sogar, dass sie als Erschaffer der Romanfiguren und der Welt, die sie schreiben, mehr darüber wissen als ich.

Schreiben ist ein kreativer, also ein schöpferischer Akt - und das Wunder von schöpferischen Tätigkeiten ist ja gerade, dass das, was geschaffen wird, ausserhalb des Autors eine Art Eigenleben zu führen beginnt. Und ich wünsche mir, dass Autorinnen und Autoren dies anerkennen und so weit Abstand davon nehmen können, dass sie sich nicht wie überängstliche Glucken verhalten.
3.1.09 17:28


Werbung


Die Emanzipation ist nicht am Ende!

Wie weiter mit der Emanzipationsbewegung? Die Frage beschäftigt mich schon eine ganze Weile - ebenso der Vorsatz, wieder einmal darüber zu bloggen. Gleichzeitig erscheinen mir die aktuelle Situation und die möglichen Tendenzen so undurchschaubar und widersprüchlich, dass ich es mal so, mal so sehe, ohne eine klare Meinung vertreten zu können. Dieser Blogeintrag ist also mehr der Versuch, ein bisschen Ordnung in mein Gedankendurcheinander zu diesem Thema zu bringen, als tatsächlich klare Fragen und klare Antworten zu finden. Ich gehe davon aus, dass er ebenso widersprüchlich und unstrukturiert wird, wie meine eigenen Gedanken gerade sind.

Alleine die Ausgangslage ist undurchsichtig. Folgendes steht fest:
- Die Emanzipationsbewegung hat in etwas über einem Jahrhundert sehr viel erreicht
- Die rechtliche Gleichstellung von Mann und Frau ist in der westlichen Welt weitgehend erreicht
Aber auch:
- Die meisten Ziele der radikalen Frauenbewegung aus den 60er und 70er Jahren sind immer noch unerreicht
- Insbesondere verdienen Frauen für gleiche oder vergleichbare Tätigkeit immer noch im Durchschnitt 20% weniger als Männer

Daneben gibt es sehr viele Zwischentöne, wissenschaftliche Feststellungen, emotionale Einschätzungen und rein persönliche Erfahrungen, die es jeden Tag anders erscheinen lassen.

Auf der negativen Seite gibt es unverkennbare Rückwärts-Tendenzen. Seit Genforschung und Gentechnik in der Biochemie Furore machen, sind biologische Argumente wieder auf dem Vormarsch. Menschen haben ein beinahe unüberwindbares Bedürfnis nach Sicherheit und einfachen, durchschaubaren Erklärungen und Strukturen. Kein Modell übt deshalb mehr Anziehungskraft auf uns aus, als dualistische Weltansichten. Wir glauben Menschen nur zu gerne, die uns vormachen, sie würden uns genau sagen können, was gut und was böse sei, wer „wir“ sind und wer „die anderen“, welches Verhalten männlich und welches weiblich sei und so weiter. Solche groben Einteilungen ignorieren zwangsläufig all die unzähligen Grautöne zwischen schwarz und weiss – von bunten Farben ganz zu schweigen.

Der neue Biologismus versucht uns nun vorzugaukeln, dass man anhand „wissenschaftlicher Methoden“ genau bestimmen könnte, wie Frauen und wie Männer ticken. Das Wort „wissenschaftlich“ verleiht Autorität, es hebt sich ab gegen die Ideologien früherer Zeiten und gibt jenen Auftrieb, die es schon immer gewusst haben, dass Männer und Frauen grundlegend verschieden sind. Man muss schon mindestens einen kritischen Geist oder eine statistische Grundausbildung haben, um den Fehler in dieser Argumentation zu erkennen. Wenn die Medien solche Studien nämlich als „Frauen sind anders“ und „Männer auch“ zusammenfassen, dann berufen sie sich auf statistische Auswertungen von Forschungsergebnissen. Normalerweise wird dabei vom Durchschnitt gesprochen – im Durchschnitt sind Frauen eher so, Männer eher so. Über ein einzelnes Individuum sagt das aber überhaupt nichts aus.

Ein sofort einleuchtendes Beispiel: Männer laufen die hundert Meter im Durchschnitt schneller als Frauen. Das heisst aber nicht, dass jeder Mann auf diesem Planeten schneller laufen würde als jede beliebige Frau. Der Durchschnitt kann man als eine Art Wettquote sehen: Wenn man aus der gesamten Weltbevölkerung zufällig einen Mann und eine Frau auswählen und sie zu einem 100m Rennen antreten lassen würde, lohnt es sich anhand der Statistik, sein Geld eher auf den Mann zu wetten, wenn man keine weiteren Informationen über die beiden Menschen hat. Es könnte aber sein, dass zufällig die Weltmeisterin über 100m ausgewählt wird und bei den Männern ein 90-jähriger Greis mit Gehstock antritt – wer hier noch auf den Mann wettet, muss dumm sein oder ein unerschütterliches Gottvertrauen haben.

Und wenn ich das Argument noch oft höre, Männer wären so und Frauen anders, weil das schon in der Steinzeit so gewesen sei, raste ich irgendwann aus. Niemand von uns ist je in der Steinzeit gewesen und weiss, wie das Leben damals wirklich so war. Wir interpretieren die Vergangenheit immer aus dem aktuellen Kontext heraus. Es gibt aus der Steinzeit noch nicht einmal schriftliche Zeugnisse. Würden wir in einer matriarchalen Gesellschaft leben, würden wir die Indizien aus der Steinzeit genauso umdeuten können, dass sie diesem Erklärungsmuster entsprechen. (Wie auch schon geschehen.) Das Steinzeit-Argument ist billig. Nicht nur, weil es den Menschen vorgaukeln will, etwas Unklares wäre klar und Rollenbilder, die erst im 19. Jahrhundert entstanden sind, gäbe es schon so lange, dass sie quasi gottgegeben seien. Es ist vor allem deswegen billig, weil es impliziert, dass der Mensch in der Steinzeit entstanden sei uns sich seither nicht weiterentwickelt hätte. Obwohl die gleiche biologische Forschung auch immer mehr feststellt, dass genetische Voraussetzungen sich ändern können und nichts, das lebt, auf Dauer fix ist.

Der Fehler des neuen Biologismus ist also nicht, dass er aufzeigt, dass Frauen im Durchschnitt anders sind als Männer. Sie liefern auch durchaus interessante Erklärungsmuster über den Einfluss von Stoffwechsel, Hormonen und anderen biologischen Faktoren (biologisch, nicht genetisch!). Der Fehler liegt darin, aufgrund dieser Forschungsergebnisse gesellschaftlich verbindliche Verhaltensweisen ableiten zu wollen. Um das Beispiel von vorhin aufzugreifen: das Argument versucht, jeder einzelnen Frau auf dem Planeten zu verbieten, 100m Lauf zu betreiben, bloss, weil alle Frauen zusammen im Durchschnitt langsamer laufen als Männer. Diese Bestrebung ist nicht neu; sie wurde im 19. Jahrhundert nicht nur auf das Verhältnis der Geschlechter, sondern auch auf alle Minderheiten und alles, was nicht der Norm (weiss, männlich) entsprach, angewendet. Solange das dualistische Weltbild für Menschen so verführerisch ist und solange differenzierte wissenschaftliche Erkenntnisse zu extrem vereinfachenden und diskriminierenden Folgerungen für die Gesellschaft führen können, besteht die Gefahr eines Rückschritts. Es ist eine grosse Leistung unserer postmodernen Gesellschaft, idealerweise allen Menschen die Chance zur Entfaltung bieten zu wollen. Und eine Norm, für die ich persönlich auch zu kämpfen bereit bin, würde sie ernsthaft bedroht werden.

Das Bedürfnis nach Sicherheit und klaren Strukturen führt aber nicht nur dazu, dass Geschlechterstereotype so hartnäckig und erfolgreich sind und Forschung, die sie zementiert, stärker wahrgenommen wird als solche, die sie widerlegt. Das Bedürfnis führt auch dazu, dass sich einzelne Leute lautstark, vehement und öffentlich dafür einsetzen, zu den alten starren Rollenbildern zurückzukehren. Weil man da wenigstens wusste, woran man war, weil sie einem wenigstens Halt boten in der verwirrenden Vielfalt an Möglichkeiten. Die Kirche war noch im Dorf und die Frau in der Küche.

In der heutigen Welt stehen wir alle vor einer beinahe unendlichen Auswahl an Zielen und Möglichkeiten und wir sind so frei wie kaum eine Generation vor uns, den Weg zu wählen, der uns persönlich am meisten entspricht; zumindest in der Theorie. In der Praxis können sich die Möglichkeiten zusammenschrumpfen oder inexistent sein, sie können aber auch so weitläufig sein, dass wir entscheidungsunfähig werden. Jede Entscheidung verhindert eine ganze Reihe weiterer Entscheidungen – und der Anspruch, sie selbst entfalten zu wollen, setzt einen auch unter Druck, dabei nicht zu scheitern. Wie verführerisch scheint da doch die vermeintlich „leichte Wahl“, vor die man früher gestellt wurde? Dass diese leichte Wahl für die meisten Frauen den sehr bitteren Beigeschmack von Unterdrückung und Selbstverleugnung hatte, wird vergessen. Obwohl die jungen Frauen, die sich diese Zeit zurückwünschen, spucken und würgen würden, wenn sie es mal wirklich schmecken würden.

Sieht man diese Seite der Medaille an, kann man nachvollziehen, dass es mancher Altfeministin graust, wenn sie die heutigen jungen Frauen sehen und sich in ihren Idealen verraten fühlen können. Aber es gibt noch eine andere Seite, die positive Tendenz.

Wir, die im letzten Jahrzehnt von der Uni kamen und noch stärker jene, die nach uns kommen, sind die erste Generation von Frauen, die in einem neuen Selbstverständnis aufgewachsen sind. Es gibt bereits jetzt mehr Mädchen als Knaben an den Gymnasien, an den Unis könnte es bei den Studentinnen auch bald soweit sein. Wir wurden in unserer Ausbildung gefördert und ich für meinen Teil hatte nie das Gefühl, in meinen Fähigkeiten in irgendeinem Fach (ausser Sport) den Jungs unserer Klasse unterlegen zu sein. Eher im Gegenteil. Vielleicht kommt von daher auch die irrige Überzeugung vieler Frauen meines Alters, die Gleichberechtigung sei längst erreicht. In der Schule ist es der Fall. Da ist es schon fast ins Gegenteil gekippt. Wenn es an Schulen an Gleichberechtigung mangelt, dann, weil die Knaben benachteiligt werden.

Aus den USA wird bereits berichtet, dass Frauen häufig im Durchschnitt schon höhere Einstiegslöhne bekommen als ihre männlichen Kollegen. Junge Frauen sind oft gut gebildet, sehr motiviert, ehrgeizig und fleissig. Das können die Unternehmen langsam nicht mehr ignorieren, wenn sie ihren Erfolg nicht riskieren wollen.

In der Politik ist es längst normal, dass Frauen aktiv mitmischen. Deutschland hat eine Bundeskanzlerin und selbst in der Schweiz, die das Frauenstimmrecht erst 1971 (aber als einziges Land per Volksabstimmung der Männer) eingeführt hat, sind mittlerweile 3 von 7 Bundesräten weiblich; und diese 3 Bundesrätinnen gehören auch zu den beliebtesten und kompetentesten Politikerinnen im Land überhaupt. Da ist nichts von einem Minderwertigkeitskomplex und ein männlicher Politiker, der sich öffentlich abschätzig über Frauen äussert, ist schneller weg vom Fenster als er „Entschuldigung“ sagen kann.

Neulich kam auf Pro 7 einer der Aufklärungsfilme von Oswald Kolle aus den 70er-Jahren. Ich war entsetzt über die Verhältnisse, die bis damals noch geherrscht zu haben scheinen – ich spreche dabei nicht von dem, was damals in den Ehebetten passierte oder nicht passierte, sondern davon, wie Männer und Frauen damals noch miteinander umgegangen sind. Oswald Kolle musste in dem Film den Männern erklären, dass Frauen eigenständige Wesen mit eigenen Bedürfnissen seien, dass man als Ehepaar miteinander sprechen solle und dass er auch gewinnen würde, wenn er seine Frau respektieren würde. Die Männer wurden in diesem Film als ignorante Paschas dargestellt, die ihre Frauen wie ihren Besitz behandelten und erst nach grossem Widerstand überhaupt begreifen konnten, dass sie nicht einfach eine Schaufensterpuppe geheiratet hatten, die höchstens noch putzen und kochen kann. Es ist beinahe unvorstellbar, dass sich so viel in so kurzer Zeit hat verändern können, dass einem dieser Film aus heutiger Perspektive fern und surreal vorkommt. Und es lässt mich hoffen, dass es auch in Zukunft möglich sein könnte, ebensoviel in anderen Bereichen zu bewegen.

Insbesondere in der Arbeitswelt stossen Frauen immer noch früher oder später an gläserne Decken. Das Problem, wie Frauen und Männer in unserer Gesellschaft Kinder haben können, ohne, dass beide darunter leiden, ist bei weitem noch nicht gelöst. Die alte Frauenbewegung musste für uns das Recht erkämpfen, dass Frauen Karriere machen können - das hat dazu geführt, dass Frauen mit der Doppelbelastung von Beruf und Familie umzugehen haben, während sich für Männer noch wenig geändert hat.

Hier zeigt sich bereits die erste Richtung, in die unsere heutige Emanzipationsbewegung gehen muss: Die Männer müssen sich von ihren alten Rollen emanzipieren

Das positive an der Sache ist, dass bereits alle Anzeichen in diese Richtung laufen. Der neue Kampf ist idealerweise kein Geschlechterkampf mehr. Frauen meiner Generation sehen in den Männern kein Feindbild, als Gegner taugen sie uns nichts mehr. Zu verunsichert sind die Söhne der ehemaligen Paschas. Ich kann mir manchmal ein ironisches Lachen nicht verkneifen, wenn ich diese armen Männer jammern höre, denen es neuerdings ja so schlimm gehe. Bloss, weil sie einen kleinen Geschmack dessen bekommen, wie es Frauen während Jahrhunderten ergangen ist. Dennoch, wünschenswert ist dieser Zustand nicht; und zum Lachen auch nicht.
Vielmehr müssen die Männer früher oder später Kampfgefährten für eine Veränderung ihres eigenen Rollenbilds werden; denn gesellschaftliche Entwicklungen lassen sich schwer bremsen. Hier ist vielleicht einer der grössten Unterschiede meiner Generation zu unseren Vorgängerinnen. Sie mussten gegen die selbstgefälligen Männer kämpfen, sie haben sehr viel Energie damit verbraucht, sich an ihnen aufzureiben und sich mit ihnen anzulegen, dass man bei vielen von ihnen den Eindruck hat, sie würden Männer regelrecht hassen. Wenn man sieht, wie selbstherrlich die Männer zu früheren Zeiten in ihrer Herrschaft verhalten haben, ist das auch nicht verwunderlich. Aber die Lage hat sich geändert. Die wenigsten Männer können sich ein solches Verhalten heute noch ungestraft erlauben. (Von der fatalen Wirkung von Hip-Hop-Videos mal abgesehen, darüber kann ich mich ein anderes Mal aufregen.) Wenn die alten Feministinnen uns vorwerfen, wir wären zu wenig radikal und zu brav, dann verkennen sie nichts anderes als ihren eigenen Erfolg. Wir können uns dank ihrer Vorarbeit erlauben, weniger radikal zu sein.

Einer der Gründe, warum Knaben in der Schule immer schlechtere Leistungen zeigen und von den Mädchen links überholt werden, ist die Tatsache, dass sich die Knaben immer noch in der vermeintlichen Sicherheit der alten Männerrollen wähnen und das Gefühl haben, sie würden ohne grosse Anstrengung dahin kommen, wo ihre Väter seit Generationen hinkamen. Sie lassen sich von veralteten Männlichkeitsnormen blenden, die ihnen den tollen Stecher und überheblichen Macho vorspielen, die mit ein bisschen körperlicher Aggression und Drohgebärden alles erreichen können. Aber dieser Weg ist versperrt. Die Wirtschaft hat sich weiterentwickelt. Sie braucht immer weniger Körperkraft und immer mehr Kreativität und vernetztes Denken. Ohne ausreichende Qualifikation kommen sie nirgends hin. Während die Frauen begriffen haben, was es geschlagen hat und die neuen Chancen, die sich ihnen endlich bieten, dankbar ausschöpfen, dümpeln die Jungs in falscher Sicherheit und gnadenloser Selbstüberschätzung vor sich hin.

Die Männer beginnen erst langsam zu begreifen, was hier abläuft und fangen an, die „Verweiblichung“ der Erziehung zu bejammern. Der Sohn einer alleinerziehenden Mutter hat im extremsten Fall erst im Beruf überhaupt einmal mit einem erwachsenen Mann zu tun. Oft genug sind das übrigens genau jene Männer, die sonst vehement dafür eintreten, dass Haus, Herd, Kind und Kegel auch weiterhin „Frauengedöns“ sei, das sie nichts angehe. Frauen haben, bewusst oder unbewusst, begriffen, dass Erziehung Macht bedeutet und schleichend, ohne dass es jemand gemerkt hätte, ihre eigenen Werte zur gesellschaftlichen Norm gemacht. Verhaltensweisen, die früher als „normale männliche Aggressivität“ geduldet, ja erwartet und gefördert wurden, gelten heute als „Problemverhalten“. Ich habe sogar irgendwo gelesen, dass sich viele junge zukünftige Eltern in den westlichen Ländern nicht mehr einen Sohn als „Stammhalter“ wünschen, sondern ein Mädchen – weil sie glauben, mit Mädchen werden sie weniger Schwierigkeiten in der Erziehung haben. Wer nun aber lamentiert, die „weibliche Erziehung“ wäre zu harmoniesüchtig und würde das für den Markt wichtige Wettbewerbsdenken unterbinden, der kennt die Frauen schlecht.

Diese Entwicklung in der Schule ist natürlich nicht wünschenswert. Es kann nicht das Ziel der Emanzipationsbewegung sein, dass nun einfach die Knaben benachteiligt werden, quasi als Rache dafür, dass früher den Mädchen nichts zugetraut wurde. Aber es ist auch nicht der Kampf der Frauen, es ist jener der Männer. Und das einzige Credo, das hier hilft, lautet: Mehr Männer in die Erziehung!

Die Lage der Knaben kann sich nur verbessern, wenn sie gute und präsente Männer als Vorbilder haben. Ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Männern und Frauen in der Erziehung kommt aber letztlich allen in der Gesellschaft zu Gute. Den Männern, die ihrem Nachwuchs nicht mehr bloss wie ein geldbringende Ausserirdische erscheinen, sondern eine tiefere Beziehung zu ihren Kindern aufbauen können und den Frauen, die weniger unter der unfairen Doppelbelastung von Familie und Beruf zu leiden haben. Das heisst nicht, dass die Rollenverhältnisse umgekehrt werden sollen, Frauen die Ernährerinnen werden und Männer die Kinder aufziehen – sondern dass beide Geschlechter beides gemeinsam tun müssen. Wobei natürlich jede Familie ihren eigenen Ausgleich finden muss und der Staat ein Interesse daran hat, sie dabei zu unterstützen. Die Emanzipation der Frau ist erst mit der Emanzipation des Mannes abgeschlossen – und die Männer fangen erst jetzt so langsam an zu begreifen, dass sie selbst tatsächlich etwas Entscheidendes verlieren, wenn sie Kinder und Erziehung einfach den Frauen überlassen.

Eines der stärksten Argumente in diese Richtung ist struktureller Natur: die postmoderne, postindustrielle Gesellschaft, in der wir uns befinden und die immer mehr Flexibilität und individuelle Kreativität verlangt, kann es sich nicht erlauben, weiter auf starren Rollenbildern aufzubauen. Diese Bilder entsprechen nicht mehr der gesellschaftlichen Realität und deren Anforderungen. Sie bieten nur noch beschränkt Platz für Paare, die sich für die kleinbürgerliche Rollenteilung des vorletzten und letzten Jahrhunderts entscheiden und es werden zunehmend weniger. Die rechtlichen Normen haben sich dieser Realität bereits angepasst. Selbst für Frauen, die es ausdrücklich wünschen, weiterhin in der alten Rolle zu bleiben, was sie meinetwegen durchaus tun dürfen, ist es ein grosses Risiko, ganz aus dem Arbeitsprozess herauszufallen. Im Falle einer Scheidung ist für „nur Hausfrauen“ rechtlich immer weniger garantiert. Und jene Männer, die lautstark jammern, sie würden bei Scheidungen zu kurz kommen, weil sie nur bezahlen müssten und ihre Kinder kaum noch zu sehen bekommen, sollten endlich mit dem Selbstmitleid aufhören und anfangen, sich selbst in der Erziehung so unentbehrlich zu machen, dass die Frauen das eigene Geld selbst verdienen können und sich schon vor der Scheidung für die Erziehung einsetzen. (Einzelschicksale gibt es da natürlich in vielen Schattierungen. Aber würden sich die Männer als Gruppe von ihrem veralteten Rollenbild ebenso emanzipieren, wie dies die Frauen als Gruppe getan haben und tun, gäbe es hier weniger Probleme, davon bin ich überzeugt.)

Auch in der Arbeitswelt gibt es noch einiges für die Frauenbewegung zu tun. Die entscheidende Frage hier wird sein: Braucht die Wirtschaft mehr weibliche Regeln oder müssen die Frauen besser lernen, mit männlichen Regeln umzugehen?

Die Frage ist nicht so rhetorisch, wie sie vielleicht auf den ersten Blick erscheint. Im ersten Moment würde man denken, dass natürlich die Wirtschaft mehr weibliche Regeln brauchen würde, mit denen sich Frauen wohler fühlen würden. Das aber würde bedeuten, dass es tatsächlich „weibliche Regeln“ gibt – und das birgt die Gefahr, dass es von der Gegenbewegung als Argument dafür verwendet wird, Frauen wären ungeeignet für die Wirtschaft und müssten sich wieder ihrem angestammten Bereich widmen. Wenn die Gesellschaft sicher schon an einem Punkt wäre, an dem es allgemein akzeptiert und in den Köpfen verankert wäre, dass Frauen nicht weniger wert sind als Männer, und sich ihre Vorzüge und Nachteile mit denen der Männer aufwiegen (im Durchschnitt!), dann müsste man diesen Weg wagen.

Das würde bedeuten, Frauen müssten hinstehen und selbstbewusst sagen können: „wir sind anders, aber wir sind genauso gut.“ Es würde bedeuten, in gewissen Situationen noch selbstbewusster hinzustehen und zu zeigen, dass die eigenen Strategien besser funktionieren als die männlichen. Dass dies so ist, zeigen verschiedene Studien und praktische Erfahrungen. Ende 2007 wurden Studien publiziert, die zeigten, dass Firmen wirtschaftlich langfristig erfolgreicher waren, je mehr Frauen sie im Verwaltungsrat hatten. Kleinstkredite, die zur Entwicklunghilfe in afrikanischen und asiatischen Dörfern vergeben werden, gehen vorwiegend an Frauen, weil diese verantwortungsvoller und umsichtiger damit umgehen. Die Argumente, mit denen eine männlich dominierte Wirtschaft gerechtfertigt wird, werden immer dünner. Gleichzeitig kommen auch immer subtilere dazu, die es zu entlarven gilt.

Das wäre eigentlich Grund genug, Bestrebungen zu verstärken, die den traditionell männlichen Ego-Spielchen in Führungspositionen die Spitze brechen wollen. Zumal diese nicht nur wenig produktiv und nachhaltig, sondern auch noch riskant sind. Aber solange solche Männert dort sitzen und die Macht haben, ihresgleichen weiter zu befördern, ist es schwierig, das System zu durchbrechen.

Mir ist oft aufgefallen, dass starke Frauen, die sich in Führungspositionen hochgekämpft haben, dem Irrtum verfallen, die Starke sei am mächtigsten allein. (Wie Tell bei Schiller auch glaubt) Diese Frauen sind vom jahrelangen Kampf gestählt und von der am eigenen Leib erfahrenen Benachteiligung mindestens ein wenig verbittert, dass sie das Gefühl haben, sie müssten sich alles höchstpersönlich selbst erkämpfen. Das Thema „Gleichberechtigung“ wirkt bei ihnen oft dermassen automatisch als Trigger von heftigen Diskussionen, dass dies von den Männern in den Führungsetagen genüsslich ausgenutzt wird. Diese Frauen fühlen sich so schnell angegriffen und sind so misstrauisch gegenüber ihren männlichen Kollegen (durchaus aus Erfahrung), dass sie schlechte Karten haben, ihre Ideen durchzusetzen. Die Männer halten zusammen und lassen „die Frau“ auflaufen. Ihr eigener Feminismus, der diesen Frauen eigentlich in Form eines neuen Selbstbewusstseins die Tür nach oben öffnen sollte, kann ihnen da im Weg stehen.

Was Frauen nötig haben, ist eine Form von Gelassenheit. Das bis ins Innere verankerte Gefühl, ein Recht und einen Anspruch zu haben, da zu sein wo sie sind. Eine Gelassenheit, die Männern jahrhundertelang anerzogen wurde und von der ich hoffe, dass sie bei Frauen in meiner Generation stärker vorhanden ist. Die Tatsache, dass wir uns nicht mehr an die Zeiten erinnern, als Frauen direkt und offen diskriminiert wurden; die Tatsache, dass vielen von uns noch nie der Gedanke gekommen ist, wir würden etwas nicht wagen dürfen, „weil wir Frauen sind“ oder die Tatsache, dass wir bis jetzt weniger kämpfen mussten als unsere Vorgängerinnen, das alles erlaubt es uns, gelassener an die ganzen Machtspielchen unter den Männern heranzugehen. Das Argument „eine Frau kann das nicht“, kann uns viel weniger verunsichern. Wir haben schliesslich in der Schule gelernt, dass Frauen vieles mindestens ebenso gut können als Männer.

Nur ganz grosse Ausnahmekrieger gewinnen ihre Schlachten ganz alleine. Bei den anderen kommt es darauf an, eine gute Armee richtig zu kommandieren. Will heissen – wer vorankommen will, braucht Allianzen, denen sie vertrauen kann. Es bestehen mehr Möglichkeiten, wenn man sich dabei nicht ausschliesslich auf Frauenbande beschränken muss. Frauen müssen aufhören, zu glauben, sie wären nur stark, wenn sie alles ohne Hilfe und mit eigenem Fleiss erreichen.

Mir ist oft aufgefallen, dass Frauen in der Wirtschaft zu wenig Gespür für die Machtverhältnisse innerhalb einer Firma haben oder wenn sie es haben, beschliessen, sie nicht zu beachten oder gar alleine dagegen anzutreten. Das ist nur selten erfolgversprechend. Gleichzeitig wäre es falsch zu denken, Frauen hätten dieses Gespür an und für sich nicht, stammen die meisten grossen Intrigen der Literaturgeschichte doch von Frauen. Das Problem ist eher, dass die meisten Frauen immer noch zu glauben scheinen, sie müssten mit guter Leistung allein auf sich aufmerksam machen und dann würden „die da oben“ sie dann schon berücksichtigen. So läuft das nur selten.

Es schadet nichts, wenn man eine Veränderung einführen möchte, vorher den Puls zu fühlen und herauszufinden, wer die wichtigen Leute sind, die man überzeugen muss, um erfolgreich zu sein. Es ist auch kein Zeichen von Schwäche, wenn eine Frau sich in solchen Fällen auch auf Männer abstützt oder wenn sie eine strategische Niederlage hinnimmt, um Zeit zu gewinnen und die Karten neu zu mischen. Die ganze Frauen-Power-Bewegung musste Frauen lehren, dass sie selbst stark und nicht von Männern abhängig sind. Das war wichtig und richtig zu dieser Zeit. Heute ist es wichtig, dass Frauen sehen, dass sie nicht alles alleine machen müssen – und ihre Klugheit auch dafür einsetzen können, ihre Ziele mit Hilfe von anderen zu erreichen. Entscheidend ist, die Fäden dabei nicht aus der Hand zu geben, selbst wenn es zeitweise von aussen so aussehen mag. Das bedeutet aber auch, dass man zuweilen die Machtspielchen der Männer mitspielen muss und sie auch als solche sehen sollte.

Die Emanzipationsbewegung ist an einer Weggabelung. Sie hat mindestens ebenso viel vor sich, wie sie schon erreicht hat.

Es besteht die Gefahr, dass sich die Entwicklung nun, nachdem die ersten Erfolge verbucht wurden, verlangsamt oder es Rückschlage gibt. Es besteht aber auch die Möglichkeit, dass in den letzten Jahrzehnten eine Lawine in Bewegung geraten ist, die nicht mehr zu stoppen ist und deren Fortschritt sich beschleunigt, je länger sie unterwegs ist. Ersteres ist zu befürchten, aber zweiteres ist möglich, wenn man sieht, welche Männer bald abtreten werden und welche Frauen nachkommen. Es ist wichtig, dass wir jungen Frauen optimistisch sind und daran glauben können, dass dies möglich sind. Wir sind durch unsere Vorkämpferinnen und durch die Ausbildung mit den besten Voraussetzungen ausgestattet worden. Aber ohne Einsatz und Kampfwille geht es nicht weiter.

Ich zähle darauf, dass unsere grossen Vorkämpferinnen uns darin unterstützen und uns nicht unnötig Steine in den Weg legen, indem sie von uns verlangen, alles genauso zu machen wie sie damals. Die Zeiten haben sich geändert. Das ist gut so. Das ist wichtig. Und es ist für uns wichtig, dass wir das, was für unsere Vorkämpferinnen nur ein Traum war, als selbstverständliche voraussetzen dürfen; selbst dann, wenn der Traum noch nicht erfüllt ist.

Es ist möglich, dass ich an dieser Stelle in der Zukunft irgendwann frustriert sein werde, weil meine Hoffnungen zu hoch waren, weil mich die Erfahrung etwas anderes lehrt, als das, was ich jetzt wünsche. Aber meine eigene Vergangenheit lehrt mich auch, dass noch weniger zu erreichen ist, wenn man die Frustration schon vorausnimmt und gar nichts versucht. Ich empfinde vieles, was ich vor 10 Jahren getan und gedacht habe, als furchtbar naiv – aber wäre ich nicht so naiv gewesen, hätte ich es möglicherweise nie versucht. Und dann wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin.
26.10.08 18:50


Das Mary-Sue-Problem

Neulich habe ich, während ich jemandem das Twilight-Problem erklären wollte, zufällig die englische Wikipedia-Seite über Mary Sues angeklickt. Dort werden - neben Erklärungen, was man sich darunter vorzustellen hat - auch Kritiken an diesem Konzept kurz dargestellt. Diese schieben es der Mary-Sue-Idee zu, dass es angeblich zu wenig starke Heldinnen in Romanen und Fanfictions gebe, mit denen man sich identifizieren könne. Einige Autorinnen würden sogar nicht einmal mehr wagen, weibliche Figuren zu verwenden, weil dabei sofort jemand "Mary Sue" schreien würde. Kurz - das Mary-Sue-Konzept sei antifeministisch.

Ich bezeichne mich selbst als durchaus feministisch eingestellt und als emanzipierte Person - habe aber trotzdem, oder gerade deswegen, eine riesige Abneigung gegen Mary-Sue-Figuren entwickelt. Die Kritik traf mich, weil sie mir irgendwie am Ziel vorbeigeschossen vorkam, aber ich zuerst nicht festmachen konnte, was das Problem ist.

Wenn ich Mary-Sues kritisiere und verabscheue, dann auf keinen Fall, weil ich tolle weibliche Heldinnen verhindern möchte. Ich habe in meiner Jugendzeit sogar eine zeitlang praktisch nur Bücher mit weiblichen Hauptfiguren gelesen, weil ich mich mit ihnen besser identifizieren konnte als mit männlichen. Warum also stören mich Mary Sues so? Warum sind Mary Sues nicht einfach starke Heldinnen, mit denen man sich identifizieren kann?

Als Mary Sues werden ja in der Regel Figuren bezeichnet, die als über-perfekt dargestellt werden, die alles haben, alles können und von allen geliebt werden, auf eine so penetrante Weise, dass sie einem total unsympathisch werden und sie jede Spannung kaputtmachen. Mary Sues gelten auch oft als offene oder versteckte idealisierte Versionen der Autorinnen selbst. Jemand hat es in einer Mary-Sue-Analyse auch einmal als eine Art Selbstbefriedigung bezeichnet, in dem die eigenen Träume in der sicheren fiktiven Welt ausgelebt werden. Etwas, das im Privaten gut und recht ist, aber in der Öffentlichkeit nichts zu suchen hat. Ich habe als Teenager auch die eine oder andere Mary Sue verbrochen und würde nie behaupten, 100% davor gefeiht zu sein.

Um zu definieren, was eine Mary Sue ist, gibt es im Internet sehr viele sogenannte "Litmus-Tests", anhand derer man einschätzen kann, ob die eigene Figur eine Mary Sue ist oder nicht. "Gemessen" werden dabei spezielle Fähigkeiten, der Perfektionismus-Level, die Vergangenheit, Beziehungen zu Figuren aus dem "Canon" des Fandoms und so weiter. Das Problem ist aber, dass dabei auch Mary Sues durch das Raster fallen können oder gute ausgearbeitet Figuren zu viele Punkte bekommen können.

Vielleicht hilft aber auch, von einer anderen Seite an die Sache heranzugehen. Während ich mir nämlich Gedanken über Stephenie Meyer und die unerträgliche Bella gemacht habe, ist mir einiges klar geworden: das Problem sind nicht die Mary-Sue-Figuren an sich, das Problem sind die Autorinnen, oder vielmehr, deren Haltung gegenüber ihren Figuren.

Mary-Sue-Autorinnen (im Folgenden Suethors genannt) verhalten sich ähnlich wie die böse Stiefmutter bei Aschenputtel. Sie wollen mit allen Mitteln erreichen, dass ihre hässliche Tochter (die Mary-Sue) den Prinzen bekommt. So sehr, dass sie die Tochter sogar als Aschenputtel zu verkleiden versuchen, wenn sie denken, damit merkt er den Unterschied nicht. (Deswegen sind Litmus-Tests auch reichlich ungenau).

Suethors haben keine Distanz zu ihren Figuren, sondern vergöttern ihre geistigen Kinder dermassen, dass sie nicht nur blind dafür sind, wie sie auf andere wirken, sondern sie auch noch verhätscheln und verwöhnen, bis der letzte eigene, interessante Charakterzug verschwunden ist. Weil dies so ist, nehmen die verwöhnten Mary Sues immer mehr Raum in der Geschichte ein und verhindern jegliche Spannung und jegliche Entwicklung. Schliesslich sollte das wichtigste an einer Geschichte immer noch die Geschichte selbst sein oder allenfalls die Botschaft, die man damit vermitteln will - und nicht eine einzelne Figur, die alles auf sich zieht und sich uneingeschränkt ins Zentrum stellt.

Mit anderen Worten: Wenn die Geschichte es verlangt, muss die Autorin bereit sein, ihre Figuren vor schwierig Entscheidungen zu stellen, sie verlieren oder leiden zu lassen, sie auf eine Durststrecke zu führen oder ihnen Zeit geben, um etwas selbst zu finden. Mary Sues bekommen alles in den Rachen gestopft - und kaum jemand findet Figuren sympathisch, denen alles ohne Anstrengung zufällt. Ganz abgesehen davon, dass das unrealistisch und langweilig ist.

Gerade aus diesem Grund, aus dieser mangelnden Distanz zwischen der Figur und der Autorin, ist es auch für Suethors sehr schwierig, Kritik an einer Mary Sue anzunehmen. Eine Suethor nimmt die Kritik an ihrer Figur auf, wie eine Mutter, deren Kind angegriffen wird. Es spricht nichts dagegen, seine Figuren in einer Geschichte zu lieben - aber genau wie bei echten Kindern muss man auch Romanfiguren ihre eigenen Fehler machen lassen, damit sie sich entwickeln können.

Mary Sues haben also rein gar nichts mit starken weiblichen Figuren zu tun, oder Heldinnen, mit denen man sich identifizieren kann. Starke weibliche Figuren können Rückschläge ertragen, können für ihre Entscheidungen kämpfen und haben es nicht nötig, von der Autorin verhätschelt zu werden.

Bei Harry Potter zum Beispiel könnten böswillige Kritiker nach einem Litmus-Test leicht Hermione als Mary Sue bezeichnen. Sie weiss immer alles besser, hat damit häufig recht, ist mit dem Titel-Helden eng befreundet, hat immer die besten Noten und scheint der Autorin im Charakter auch nicht ganz unähnlich zu sein, wenn man Interviewaussagen glauben darf. Dennoch ist der Vorwurf absolut unberechtigt.

Hermione ist in den Harry-Potter-Romanen eine Figur wie jede andere auch - es ist begründet, warum sie die besten Noten hat (sie arbeitet hart dafür und ist zu Beginn unter ihren Mitschülern nicht gerade beliebt. Den Respekt, den sie später erhält, hat sie sich langsam verdient.) Sie trifft schon mal falsche Entscheidungen, im Ernstfall versagen ihr gerne die Nerven, sie kann plötzlich zickig reagieren oder Schwäche zeigen. Ausserdem kommt sie alleine wegen ihrer Herkunft unter die Räder und weiss sich nicht immer gleich zu verteidigen.

Kurz: Sie ist eine starke Identifikationsfigur, eine Heldin mit Ecken und Kanten, die mal nervt, mal sympathisch ist und die der Geschichte dient wie alle anderen Figuren auch. Man hat nicht den Eindruck, als würde J.K. Rowling es besonders gut mit ihr meinen oder ihr einen besonderen Status geben.

Das ist bei Stephenie Meyer und Bella ganz anders. Meyer hätte gerne, dass Bella reif, schüchtern, bescheiden und ein wenig tolpatschig, aber liebenswert ist. Doch leider dreht sich das ganze Buch nur um sie und um den Prinzen, den sie dereinst bekommen soll. (Obwohl auch Edward alles andere als ein Traumprinz ist, wenn man sich ihn mal genauer ansieht.) Dabei ist sie die ganze Zeit bemüht, Bella im besten Licht darzustellen (und erreicht damit bei der aufmerksamen Leserin genau das Gegenteil) und ihr alles vor die Füsse zu werfen, ohne dass sie sich auch nur ein bisschen anstrengen müsste.

Dementsprechend aufmerksamkeitshungrig verhält sie sich auch. Das Kind wird von der Mutter ins Zentrum ihrer Welt gestellt und lässt nicht zu, dass jemand anderes ihr ein Stück ihres grellen Scheinwerferlichts streitig macht. Deshalb werden alle Figuren, die auch nur annähernd eine Konkurrenz für Bella hätten sein können, sofort heruntergespielt und degradiert. Die Figur muss nicht einmal ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und schwierige Entscheidungen treffen, die allwissende sorgende Mutter, die diese Welt nur für sie erschaffen hat, stellt sicher, dass alles gut und möglichst schmerzfrei läuft.

Bella als Figur dient nicht der Geschichte, die Geschichte dient dazu, die Figur gut dastehen zu lassen. Und das widert mich an. Das macht sie nicht zur Heldin, mit der ich mich identifizieren möchte, sondern zu einem hilflosen, unselbständigen Geschöpf, das nichts erträgt und nichts leistet.

Bella ist dahingehend vielleicht sogar ein gutes Beispiel, dass eine Mary Sue nicht von Anfang an mit superspeziellen perfekten Superkräften ausgestattet sein muss - es reicht vollkommen aus, dass sie die gesamte Aufmerksamkeit der Autorin monopolisiert und von dieser bedingungslos geschützt und verwöhnt wird. Sie muss damit nicht als "umwerfend schön" beschrieben werden, wenn sie für die Suethor in unendlichem Mutterstolz die schönste und beste Figur überhaupt ist.

Ich weiss nicht, wie es in den Bänden 2 - 4 ist, habe aber in verschiedenen Rezensionen gelesen, dass diese noch schlimmer sind und dass Mary Sue besonders in Band 4, vollkommen ausser Kontrolle gerät. Das kann passieren, wenn man eine Suethor einfach machen lässt. Ich werde es mir nicht mehr antun. Es wundert mich bloss, warum sich trotzdem noch so viele Leute mit dieser Figur identifizieren können. Nehmen sie der hässlichen Stiefschwester die Verkleidung als Aschenputtel ab? Ich hätte die Geschichte lieber mit dem richtigen, also dem bescheidenen, vom Schicksal arg gebeutelten, aber dennoch ungebrochenen und erfinderischen Aschenputtel gelesen. Starke weibliche Hauptfiguren brauchen keine wachsame Mutter mit Argusaugen im Hintergrund.
14.10.08 00:54


D'Laiwi

Naturphänomene sind in Bergregionen nicht einfach Dinge, die halt passieren. Sie sind personifiziert, fast schon eine Art geheimnisvolle Wesen. Es ist leicht, in diesem Umfeld noch an Geister, Feen und Ungeheuer zu glauben. Natürlich hat die Aufklärung auch unsere Regionen längst erreicht, die Bergler sind nicht weniger modern als alle anderen - aber eine gewisse Faszination und Wertschätzung für die Natur, die sie umgibt, ist geblieben.

Das Beispiel, das mich seit meiner Kindheit an am meisten beeindruckt, ist die Lawine, bei uns "d' Laiwi" genannt. Als ich klein war, habe ich die Welt als etwas belebtes wahrgenommen. Ich konnte noch nicht so gut zwischen unbelebten Dingen und Lebewesen unterscheiden. Alles, was sich bewegt hatte oder einen Namen hatte, hat irgendwie gelebt - und das, was nicht gelebt hat, habe ich mit meiner Phantasie zum Leben gebracht. "D' Laiwi" hat mir deswegen richtig Angst gemacht. Natürlich ist eine Lawine auch wirklich etwas, das einen töten und jede Menge Unheil anrichten kann - aber meine Angst war nicht so konkret. Sie betraf viel eher diese unheimliche Gestalt, die mit Vorliebe mitten in der Nacht mit lautem Rumoren und Getöse den Berg hinunterkam.

Denn die Bergler sprechen nie so prosaisch von "einer Lawine, die sich gelöst hat". Es ist immer "die Lawine" und manche kommen so regelmässig, dass sie sogar einen Namen haben - meist den gleichen wie der Berg, an dem sie sich lösen oder die Rinne, durch die sie ins Tal kommen. Da haben selbst ganz alltägliche Berichte bei jemandem, der mit etwas zu viel Phantasie ausgestattet ist, einen märchenhaften Unterton. Wie in den Sagen, in denen die Naturgeister in die Leben der Menschen hineinspielen.

Ich war noch nie im Winter in einem Bergtal und habe nachts die "Laiwänä" gehört - aber mir reichte schon das "Rumpeln", das man bei Tag mitbekommt um mir einen Schrecken einzujagen. Ich bewundere die Leute, die so ruhig in der Nähe eines Lawinenhangs leben können; nicht nur mit der Angst, einmal mitgerissen zu werden, sollte sie nicht ihren normalen Kurs nehmen - schon alleine mit der dauernden Erinnerung daran, dass es in der Natur Kräfte gibt, die eine unberechenbare Stärke haben. Es klingt so abgedroschen und tausendmal bis zum Klischee wiederholt - aber die Leute in den Bergen oder auch anderen weniger verstädterten Regionen haben einfach eine viel engere Beziehung zu ihrer Umgebung bewahrt. Deswegen sprechen sie auch trotz wissenschaftlicher Aufklärung immer noch von "der Lawine", von ihr, von einer geheimnisvollen "sie" und nicht einfach von einer "große Massen von Eis oder Schnee, die sich von Berghängen ablösen und zum Tal gleiten oder stürzen".

Ein anderer Dauerbegleiter von uns Alpenbewohnern ist übrigens "der Föhn", der auch weit mehr ist als bloss ein Wind. Und von mein persönliches Trauma mit "dem Gestank" erzähle ich ein anderes Mal.
18.11.07 23:26


Des Kaisers neue Kleider...

Moderne Kunst ist eine schwierige Angelegenheit. Sie ist verwirrend, oft provokativ und schwer verständlich. Das ist gut so, schliesslich ist Kunst immer auch Abbild der Zeit, in der sie entsteht und das Leben heute ist verwirrend, oft provokativ und schwer verständlich. Aber moderne Kunst ist oft auch einfach nur mehr oder weniger geschicktes Marketing... unserer Gesellschaft ebenfalls nicht fremd.

Aber seien wir auch bodenständig: nicht alles, was uns heute als Kunst verkauft wird, ist auch Kunst. Manchmal fehlt es in der Kunstindustrie einfach an dem unschuldigen Kind aus dem Märchen, das den Kaiser anschaut und ruft: "der ist ja nackt!"

Kunst ist, in meiner Auffassung, eine Ausdrucksform. Statt dass man Worte dafür verwendet um seine Botschaft zu vermitteln, verwendet man Farben, Bilder, Töne, Baumaterialien etc. Ein Werk ist dann ein Kunstwerk, wenn es seine Botschaft mit diesen Mitteln überbringen kann. Sei es, dass es die Emotionen der Menschen anspricht, sie zum Denken anregt oder sonst etwas in ihnen auslöst - etwas, das man auf diese Weise aussagen, verständlich machen wollte.

Ein Kunstwerk versagt hingegen, wenn man es nur verstehen kann, wenn man gleichzeitig ein hundertseitiges Konzept inklusive eigene Interpretation des Künstlers lesen muss. Ein Kunstwerk muss für sich selbst stehen können - sonst ist nicht das Werk die Kunst, sondern der Text und dann hätte man auf das aussagenschwache Produkt verzichten können.

Das heisst natürlich nicht, dass Kunstwerke nur "schöne", konkrete Bilder sind, bei denen man auf den ersten Blick sofort erkennt, was darauf abgebildet ist. Ja, manchmal sind diese Werke sogar nur schön anzusehen, aber sie drücken wenig aus.

Nein, Kunst kann durchaus verwirrend, abstrakt, provokativ sein - vielleicht ist es sogar ihre Aufgabe als Spiegel der Gesellschaft. Aber sie muss für sich selbst sprechen können oder dem Betrachter eine Plattform bieten, sie selbst zu verstehen und zu interpretieren.

Dazu braucht man selbstverständlich eine gewisse Vorbildung. Ich kann einen chinesischen Text auch nicht verstehen, obwohl er sehr viel aussagen kann, solange ich die chinesische Sprache und deren Schriftzeichen nicht erkenne. Dazu brauche ich Unterricht, in der ich die Zeichen und die dazugehörige Sprache kennenlerne. Das gleiche gilt auch für Kunst - ich kann viele ihrer Elemente nur verstehen, wenn ich ihre allgemeine Bedeutung kenne, wenn mir ihre Symbole etwas sagen. Eine Kritik an den zur Produktionszeit des Werks herrschenden politischen Zuständen in einem Land kann ich zum Beispiel nur erkennen, wenn ich mit der Geschichte dieses Landes vertraut bin.

Solche Hilfen sind deshalb wichtig und unerlässlich. Museumsführer, die die gezeigten Stücke in den Kontext setzen, Ausstellungsbeschreibungen usw. haben ihre Existenzberechtigung. Wogegen ich mich aber vehement wehre sind Werkerklärungen durch die Künstler selbst. Wenn der Künstler sein Werk der Öffentlichkeit übergibt, verliert er die Interpretationsmacht darüber, genauso wie ein Autor die Interpretationsmacht über seine Texte verliert, sobald er sie publiziert hat. Ein Künstler darf nicht ausschweifend erklären, "was er mit dem Werk aussagen wollte". Das, was er damit aussagen will, muss der Betrachter sehen können - ohne dass er riesige Anstrengungen unternehmen und sich dabei klein und dumm vorkommen muss - sonst hat der Künstler die falsche Ausdrucksform gewählt.

Natürlich kann es sein, dass Künstler sich heute auf eine Art ausdrücken, die ihrer Zeit voraus ist und die dazu führt, dass sie von den Wenigsten verstanden werden können. Aber das ist ein Schicksal, das kaum dadurch vermieden wird, dass man die Kunst mit einem unverständlichen und pseudo-elitären Gebrabbel überzieht und allem applaudiert, was man nicht verstehen kann. Oder schlimmer, so tut, als würde man es verstehen, weil man sich nicht als Banause outen will, statt zu sagen, dass der Kaiser manchmal keine Kleider trägt.
15.10.07 19:53


 [eine Seite weiter]



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung