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Gedanken

Stadtmensch oder Landmensch?

Im Französischunterricht mussten wir im Untergymnasium, ich war etwa 15 Jahre alt, mal darüber diskutieren, ob wir lieber in der Stadt oder auf dem Land leben wollten. Ich erinnere mich immer an solche unspektakulären und eigentlich unwichtigen Details.

Der Ausgang der Diskussion war eindeutig. Von 22 Schülerinnen und Schülern wollte nur eine einzige später in der Stadt leben. Jene, die schon damals jeden Freitag und Samstag in den Bars herumhing und einen Kerl nach dem anderen abschleppte und das Leben auf dem Land hier dementsprechend öde fand.

Wir waren uns damals also mehr oder weniger einig, dass im Grünen zu leben viel besser war als in der lärmigen, geschäftigen Stadt und dass wir uns das alle später nie antun wollen würden. Vielleicht lag es daran, dass niemand von uns zu diesem Zeitpunkt je in einer Stadt gewohnt hatte.

Mir ist diese Diskussion von damals deshalb so lebhaft in Erinnerung geblieben, weil sich meine Meinung mittlerweile geändert hat. Ich lebe seit fünf Jahren, mit einem Unterbruch, in der Stadt. Vier davon in der wohl kleinsten Weltstadt überhaupt, in Genf und seit einem halben Jahr in Bern. Ich möchte nicht mehr dauernd auf dem Land leben.

Mein neuer Traum ist eine Wohnung in einer Altstadt. Ich bin damals in Genf auf den Geschmack gekommen. Vor zwei Jahren bin ich für ein Jahr in ein kleines Zimmer im Home St. Pierre gezogen. Aus meinem Fenster konnte ich direkt auf die Kathedrale sehen. Das Glockenspiel jede Viertelstunde störte mich nicht. So sehr ich manchmal mit dem bescheidenen Zimmer und vor allem dem morgendlichen Lärm der Putzfrau haderte - ich liebte den Standort! Die Tatsache, dass ich aus dem Haus konnte und mitten in der pitoresken Altstadt war, war einfach wunderbar. Es machte viel mehr Spass, morgens aus dem Haus zu gehen und abends nach Hause zu kommen, wenn man in einer solchen Umgebung lebt als an meinem ersten Wohnort in Genf, wo ich im Industriegebiet wohnte.

Da ich immer noch nicht autofahren kann, ist für mich Wohnen in der Stadt viel praktischer als auf dem Land. Ich komme zu Fuss, mit dem Velo (Fahrrad) oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fast überall hin. Ich kann jederzeit spontan ins Kino gehen und ich mag die unterschiedlichen Gebäude hier, das grosse Angobt an Einkaufsläden, Cafés und Restaurants und die Möglichkeit, unter Menschen und trotzdem anonym zu sein. Auch wenn gerade letzteres natürlich seine Probleme hat.

Im Augenblick könnte ich mir nicht vorstellen, irgendwo auf dem Land zu leben, weit weg von allem. Denn von allen Schweizer Städten aus ist man mit der Bahn schnell und komfortabel auf dem Land. So habe ich die Vorteile von beiden Orten quasi komprimiert. Das tollste ist aber, dass wenn ich eine Schweizer Stadt zum Wohnen auswählen könnte, dann wäre es Bern - und da wohne ich schon.

Bern ist klein und gemütlich, aber nicht zu klein. Es ist das politische Zentrum der Schweiz - und da Politik mein Arbeitsfeld ist, bin ich an der Stelle, an der die Dinge passieren. Bei schönem Wetter kann man von hier die Alpen sehen. Man ist schnell in Luzern, Zürich, Basel und auch in der Westschweiz - ebenso schnell ist man in den Bergen und mit dem neuen Lötschberg-Tunnel sogar im Wallis.

Hier ein paar Impressionen vom letzten Frühling
7.10.07 23:34


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Faszination Raumfahrt - eine persönliche Geschichte

Vor 50 Jahren schickten die Sowjets mit der Sojus-Rakete den ersten Sateliten ins All. Damit wurde das Wettrüsten im Weltall erst richtig lanciert und fand seinen Höhepunkt in der ersten Mondlandung 1969.

Die Raumfahrt gehörte schon immer zu den faszinierensten und beängstigsten techinischen Fortschritte, die der Mensch in den letzten Jahren gemacht hat.

Meine Eltern waren am Anfang ihrer Teenagerjahre, als die Amerikaner auf dem Mond landeten. Es war für sie, wie für viele andere auch, die erste Fernsehübertragung, die sie gucken durften. Die Faszination über so viel neues haben sie meinen Geschwistern und mir wohl wie nebenbei mitgegeben.

Geschichte fand so einen Weg in mein Leben, ohne dass ich gemerkt hätte, dass es sich dabei um ein Schulfach oder eine wissenschaftliche Disziplin handeln könnte. Sie war einfach da. Meine Eltern sind Sammler. Sie werfen selten etwas weg, auf jeden Fall keine Bücher. Meine Mutter hat eine kleine Sammlung von Sachbüchern, die meisten kindergerechte, sie ist schliesslich ausgebildete Lehrerin. Viele dieser Bücher stammten aus einer Zeit kurz vor 1969 und danach - aus einer Zeit also, in der man sich von der Raumfahrt viel erträumt und erhofft hatte.

Diese Träume, die Hoffnungen, aber auch die Ernüchterung, die sich nach den ersten Apollomissionen eingestellt hatte, haben mich schon als Kind begleitet.

Seltsamerweise hat das nicht zu einer Liebe für Science Fiction geführt. Ich konnte mit fiktiven Raumschiffen und technisierten Fernsehserien nie besonders viel anfangen. Was mich an der Raumfahrt interessiert hat und was mir gleichzeitig extrem viel Respekt eingeflösst hat, war die echte, die wirkliche Raumfahrt.

Wir haben als Kind nie Kunstmuseen besucht - mit dieser Art von Museum hätte ich damals auch wenig anfangen können. Stattdessen ging die Reise mindestens einmal im Jahr ins Verkehrshaus Luzern.

Es ist immer noch eines meiner liebsten Museen überhaupt. Das Verkehrshaus stellt alte Transportmittel aus - vor allem Eisenbahnen, aber auch Autos, Flugzeuge, Schiffe, Kommunikationsmittel wie Telefone, Radio, Fernsehen - und eben die Raumfahrt. Diese Ausstellungsstücke wirkten immer sehr irreal, unbegreiflich irgendwie. Menschen, die sich in winzigen Kapseln ins All schiessen liessen, die irgendwann wieder landeten und sich in der Zwischenzeit von diesem seltsamen Weltraumessen aus den Plastiktüten ernährten und in den Raumanzügen herumliefen, von denen man sich kaum vorstellen konnte, wie sie einem Menschen passen könnten.

Auch heute noch bekomme ich ein dieses Gefühl, wenn ich Bilder von der Mondlandung sehe. Es war für mich als Kind schon schwierig, mir die Erde vorzustellen, diese Kugel mit dem vielen Wasser, dem Land und ich als winziger Punkt irgendwo mittendrin - mir vorzustellen, dass es Möglichkeiten, aber auch Grenzen, gab, sie zu verlassen, beanspruchte immer meine ganze Phantasie. Ich kann es kaum nachfühlen, wie sich die Astronauten von Apollo 11 gefühlt haben müssen, quasi als menschliche Versuchskaninchen an Bord dieser Kapsel zu sitzen und gleichzeitig an einen Ort aufzubrechen, an dem vor ihnen noch kein Mensch gewesen war.
Noch krasser muss es wahrscheinlich für Juri Gagarin gewesen sein, als er als erster Mensch überhaupt ins All geflogen ist - aber da es in meiner Kindheit die Sowjetunion noch gab, wurde hier nur von Apollo 11 gesprochen.

Laika hingegen kannten wir natürlich auch. Ihr Schicksal fand ich immer so unvorstellbar grausam. Die Tatsache, dass man einfach einen Hund ins All geschickt hat und dass man sich nicht darum gekümmert hat, sie wieder zurückzuholen.

Wir hatten damals ein Buch mit 366 Geschichten aus Weltgeschichte und Wissenschaft - eine der Geschichten war jene von Laika. Ich glaube, es war damals eine schlechte Gutenachtgeschichte, denn ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, weil mir das arme Tier so leid getan hat.

Vielleicht hatte ich deswegen beim Gedanken an Raumfahrt immer ein so mulmiges Gefühl. Das Wissen, dass bei man ein solches Experiment nicht überleben kann, wenn etwas schiefläuft. Das Wissen, dass man sich damit in eine lebensfeindliche Umgebung begibt. Ich wüsste nicht, ob ich so viel Vertrauen in die Bodencrew aufbringen könnte wie die Astronauten, die zum Mond oder jetzt zur ISS fliegen. Aber gerade das macht ein grosser Teil der Faszination für das Thema aus.
4.10.07 22:33


Rastlos, nicht heimatlos

Ich habe drei Orte, die ich als Heimat bezeichnen würde.

Ich gehöre zu den wenigen Menschen, für die "Heimatort" nicht nur ein Eintrag auf der Identitätskarte ist. Mein Heimatort ist ein kleines Dorf in einem Seitental in den Alpen - es ist das Dorf, in dem mein Vater aufgewachsen ist, in dem meine Grosseltern väterlicherseits bis zu ihrem Tod gelebt haben. Es ist auch der Ort, an dem sich meine Eltern durch einen seltsamen Zufall kennengelernt haben.

An diesem Ort sind meine Wurzeln. Da muss ich hin, wenn ich das Gefühl habe, den Boden unter den Füssen zu verlieren. Ich habe nie dort gewohnt, ich kenne ihn nur von den regelmässigen Besuchen. Dennoch spüre ich eine besondere Verbindung mit den Wäldern, Wiesen und schroffen Felsen dort - und mit dem Bach, der direkt am Elternhaus meines Vaters vorbeifliesst, oder auch mit der kurvenreichen Strasse, über die man das Dorf erreichen muss.

Meine Grossmutter ist gestorben, als ich sieben Jahre alt war. Deswegen ist für mich der Friedhof im Dorf ein wichtiger Ort - es ist eine Möglichkeit, meine geliebte Oma zu besuchen, obwohl sie längst nicht mehr unter uns weilt. Meine Familie hat einen sehr schönen, holzgeschnitzten Grabstein für sie anfertigen lassen. Es ist eine Kopie der Maria von Rickenbach, einem Wallfahrtsort, den man über einen Pass von dem Dorf aus erreichen kann und zu dem die Familie früher einmal im Jahr, am eidgenössischen Buss- und Bettag gepilgert ist.

Der zweite Ort, den ich Heimat nenne, ist das Haus meiner Eltern, in dem ich aufgewachsen bin. Seltsamerweise fühle ich mich dort weniger tief verwurzelt als in meinem Heimatort - das Haus ist viel selbstverständlicher einfach da. Ich fühle mich, obwohl ich dort geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen bin, nicht wie eine Einheimische. Liegt vielleicht auch daran, dass meine Mutter von "auswärts" gekommen ist.

Ich denke, den wahren Wert dieses Hauses und dieses Ortes wird mir erst aufgehen, wenn er einmal nicht mehr in Familienbesitz sein sollte. Ich hoffe, das wird noch lange nicht der Fall sein.

Den dritten Ort, den ich als Heimat bezeichnen würde, ist kein Ort im eigentlichen Sinn, sondern ein Verkehrsmittel: die Eisenbahn. Für den "Nachruf" meines Laptops hatte ich ausgerechnet, dass ich in den letzten vier Jahren ca. 65'000 km alleine zwischen Genf und dem Wohnort meiner Eltern zurückgelegt hatte. Bevor ich in Genf war, legte ich während 8 Monaten wöchentlich etwa 400 km zurück, weil ich zwischen meinem Arbeitsort und meinem Wohnort gependelt hatte und am Wochenende jeweils nach Hause fuhr.

Davor war ich für die Union der Schülerorganisationen tätig und fuhr mindestens einmal im Monat nach Bern. Auch heute noch fahre ich fast alle 14 Tage einmal hin und her, weil mein Praktikum in Bern ist und die Zeitung, für die ich als freie Mitarbeiterin arbeite in Uri.

Etwas vom Schlimmsten an meinen vier Monaten Arbeitslosigkeit war die eingeschränkte Mobilität - ich hatte zwar das Generalabo, mit dem ich unbeschränkt im Schweizer Eisenbahnnetz herumfahren kann, immer noch - aber das Arbeitsamt verlangte, dass man erreichbar war. Und selbst wenn ich herumreisen wollte - ich hätte kein Ziel gehabt. Wie will man shoppen, wenn man kein Geld hat auszugeben? Wie sollte ich mich selbst motivieren, etwas zu tun, wenn ich mich überflüssig fühlte und unsicher war, wie lange es dauern würde, bis ich irgendwo unterkam?

Ich kann immer noch nicht autofahren. Meine einzige Möglichkeit zur Mobilität sind die Öffentlichen Verkehrsmittel, wenn ich nicht zu Fuss oder mit dem Fahrrad unterwegs sein will. Auch deshalb sind Züge so etwas wie zu einer Heimat für mich geworden. Etwas, mit dem ich eine ausgeprägte Hassliebe verbinde.

Es ist anstrengend, dauernd auf Achse zu sein - dauernd hin und her zu reisen, umsteigen, Verspätungen (die in der Schweiz zum Glück höchst selten sind) hinnehmen... aber ich fühle mich nicht richtig lebendig, wenn ich nicht unterwegs sein kann. Wenn ich nicht am Fenster sitzen, mit den Kopfhörern im Ohr und die Landschaften an mir vorbeiziehen sehen kann. Die Jahreszeiten, wie sie kommen und gehen - immer die gleichen Landschaften, die ich fast schon auswendig kenne und die sich doch langsam verändern. Die SBB sind, ohne dass ich es gewählt hätte, zu einem festen Bestandteil meines Lebens geworden.

Vor etwas mehr als einem Monat durfte ich für die Zeitung über einen Anlass berichten, in dem Tessiner und Urner Autoren ihre Texte über die Gotthardbahn lasen. Ich habe aus Geldmangel nur zwei Bücher gekauft. Eines davon eine Sammlung mit Ausschnitten aus Romanen und anderen Texten, die mit der Gotthardbahn zu tun haben. Ein sehr spannendes, sehr interessantes Buch, das ich in den letzten Wochen in meinen Zugsreisen gelesen habe... dabei ist mir aufgefallen, dass auch viele meiner eigenen kurzen Texte in der Bahn spielen. Denn es gibt wenig Orte, an denen ich in den letzten Jahren mehr Zeit verbracht hätte als in Zugsabteilen, unterwegs, quer durch die Schweiz.

Hans Magnus Enzensberger hat in seinem Essay "die grosse Wanderung" die These aufgestellt, dass der Mensch nie sesshaft geworden ist, dass die riesigen Migrationsströme, die es immer gegeben hat, darauf hindeuten, dass wir im Herzen immer Nomaden geblieben sind. Genauso fühle ich mich auch - es ist für mich im Moment ein Greuel, mich irgendwo definitiv sesshaft zu machen. Aber jeden Tag an einem anderen Ort zu sein wäre mir auch zu viel. Ich mag es, mehrere "Stützpunkte" zu haben und immer ein wenig auf Achse zu sein. Solange ich entscheiden kann, wann ich wo meinen Koffer öffnen möchte. Vielleicht lerne ich das Autofahren irgendwann doch - aber ich bin sicher, dass die Eisenbahn kaum ganz aus meinem Leben verschwinden wird.
4.10.07 00:26


Gleichsam als ob

Auf den ersten Blick scheinen die beiden Wörter das Gleiche auszusagen: "gleichsam" und "als ob". Dennoch würde ich ersteres nie in einem meiner Texte verwenden, während ich das zweitere liebe. Die Erklärung dazu ist einfach, wenn auch ein wenig bizarr:

"gleichsam" war das Lieblingswort unseres Dorfpfarrers. In seinen Predigten, in denen er Bibeltexte erklärte, ging es immer darum, wie Jesus gleichsam dies und jenes Tat und die Jünger gleichsam etwas anderes verstanden hatten.
Da Predigten mir ein Graus sind, ob religiöser oder weltlicher Art spielt dabei keine Rolle - habe ich durch den Herrn Pfarrer das Wort "gleichsam" hassen gelernt.

Wenn ich es in einem Text verwenden würde, würde ich gleichsam in meinem Ohr den Pfarrer sprechen hören und mich sogleich fühlen, als würde ich selbst eine Predigt halten, als spräche ich gestelzt und unnatürlich, wie es unser Pfarrer zu tun pflegt.

Bei "als ob" ist die Sache genau umgekehrt. Wir hatten einmal zwei ganze Deutschstunden, die sich eigentlich nur um diese zwei kleinen unscheinbaren Wörter drehten. Zwei Stunden, die mir in lebhafter Erinnerung geblieben sind und die mir die Augen geöffnet hatten wie kaum andere Schulstunden zur Gymnasiumszeit.

Wir besprachen "das Bettelweib von Locarno", eine Novelle von Heinrich von Kleist. Die Stunde ist mir vielleicht auch deshalb so gut in Erinnerung geblieben, weil unser vorhergehender Deutschlehrer einmal lapidar gesagt hatte, wahrscheinlich hätte Kleist einfach nur eine Gruselgeschichte schreiben wollen. Unser letzter Deutschlehrer, den ich für seine Fachkenntnisse einfach nur bewundern kann, war ganz anderer Meinung.

Er zeigte uns mit diesem kleinen Text an, wie man mit Wörtern die Wirklichkeit verändern, in Frage stellen oder ins rechte Licht rücken kann. Und die entscheidenden zwei Wörter waren... als ob.

"Als ob" ist nicht wirklich. Es beschreibt nur Assoziationen, es sagt das aus, was in unseren Gedanken und Gefühlen abläuft, während wir das, was wirklich da ist, nicht erklären können. Es war, als ob... es war nicht wirklich so. Oder vielleicht war es so, aber wir können es nicht sagen. Nur, als ob. Die beiden Wörter verbinden bekanntes mit unbekanntem, sie bauen eine Brücke zwischen Realität und Vorstellungskraft, nur ist nicht klar, von welcher Seite her wir über die Brücke gehen.

Deshalb vergöttere ich das "als ob"; weil es klar und unklar zugleich ist; weil es erlaubt, nicht fassbares ein wenig fassbarer zu machen; weil es über plumpe Vergleiche hinweggeht.
30.9.07 23:57


Warum Utopien immer totalitär sind...

Ich muss zugeben, mir sträubt es schon die Nackenhaare, wenn mir irgendjemand mit einer neuen Utopie kommt, mit einer neuen idealen Gesellschaftsform, in der alles gut ist und den Menschen ewiger Wohlstand und Glückseligkeit, mindestens, versprochen wird.

Denn die Kehrseite ist, dass Utopien in ihrer Essenz, in ihrem Wesen immer totalitär sein müssen.

Erklärung.

Die entscheidende Frage, die die Utopie entlarvt, ist folgende:
Wie geht ihr mit Kritikern und Querschlägern um?

Natürlich - die erste Antwort ist unweigerlich: Die Utopie ist ideal, es gibt keine Kritiker und Querschläger mehr.

Dann lautet die nächste Frage - warum? Aus welchem Grund seid ihr davon überzeugt, dass alle Menschen euer Ideal annehmen?
Und was, wenn, theoretisch, so unwahrscheinlich es euch auch vorkommt... was tut ihr, wenn doch jemand Kritik äussert oder wenn sich gar jemand mit voller Absicht gegen die Regeln auflehnt. Was dann?

Die zweite Antwort ist ebenso unweigerlich - dann wird er von unseren Argumenten überzeugt. Hier kommt bereits der erste Haken. Denn in dieser Argumentation geht man schon davon aus, dass alle Menschen einsichtig sind, dass alle Menschen auf rationale oder emotionale Auslegungen reagieren und einsehen, dass es das beste für sie selbst und für andere ist. Dem ist aber, ganz einfach aus der Erfahrung, nicht so. Es gibt Menschen, die absichtlich oder unabsichtlich gegen ihr eigenes Bestes handeln, die absichtlich destruktiv handeln. Dass sie, wäre die Utopie erst einmal umgesetzt, nicht mehr so handeln würden, ist ebenso eine Annahme wie mein Argument, dass dem nicht so ist.

Die Utopie muss also eine Antwort darauf bereithalten, wie sie in dem für sie vielleicht unvorstellbaren Fall umgehen würde, in dem jemand das Ideal anzweifeln würde.

Die Antwort ist, dass es keine Antwort gibt. Die Utopie funktioniert nur, wenn alle Menschen ihr zustimmen. Und jene, die nicht zustimmen, müssen zum Zustimmen gebracht werden. Das geht nur mit Repression - was in einer Utopie kaum erstrebenswert sein kann - oder mit Indoktrination, drastischer formuliert - mit Gehirnwäsche.

Utopien können nicht zulassen, dass Menschen frei sind. Denn sobald Menschen frei entscheiden können, lässt sich ihre Entscheidung, per Definition, nicht voraussagen, das heisst, die Parameter, in denen sich die Gesellschaft bewegt, lassen sich nicht beliebig setzen, sondern sind immer zu einem gewissen Grad ungewiss.

In einer Utopie aber müssen sie fix sein. Das heisst, eine Utopie funktioniert nur, wenn alle Menschen zustimmen und dass alle Menschen zustimmen funktioniert nur, wenn die Freiheit, sich dagegen zu entscheiden, nicht gegeben ist. Sonst kann man, ganz einfach schon statistisch gesehen, davon ausgehen, dass es eine Anzahl Menschen geben wird - und sei sie noch so verschwindend klein - die sich aus irgendwelchen (nicht) nachvollziehbaren Gründen verweigern. Utopien sind totalitär, weil sie per Definition keine Alternative zulassen. Und was ist das, wenn nicht totalitär?

Aus diesem Grund sind mir auch Modelle von idealen Gesellschafts- und Staatsformen grundsätzlich suspekt und aus diesem Grund bevorzuge ich demokratische Modelle, in denen nur die elementaren Rahmenbedingungen gesetzt sind und der Rest grundsätzlich verhandelbar ist. Das erlaubt nämlich auch, dass die Gesellschaft flexibel bleibt und Irrtümer ausbügeln oder sich Veränderungen anpassen kann. Im Moment favorisiere ich das Modell der deliberativen Demokratie - deren Rahmenbedingungen ich aber ein andermal aufzählen muss. Eines ist aber klar - wenn man den Bürgern einer Gesellschaft ein Mindestmass an Entscheidungsfreiheit eingestehen will, kann es keine ideale Staatsform geben - höchstens in Einzelsituationen bessere oder schlechtere. Oder wie wir auf Französisch sagen: "Si tu ne peux trouver la meilleure solution, choisis la moins pire." Wenn du die beste Lösung nicht finden kannst, wähle die am wenigsten schlechte.
25.9.07 23:36


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