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Rezensionen

Gregory David Roberts: Shantaram

Für den Rückweg meiner Reise nach Erfurt war mir der mitgebrachte Lesestoff ausgegangen und ich musste vor Ort ein neues Buch kaufen, das garantiert bis nach Hause reichen würde. Das war mit ein Grund, warum ich Shantaram von Gregory David Roberts in die Hand genommen hatte. (Das Buch hat in der englischen Version 933 Seiten.)

Ich hatte in einer Kultursendung einen Bericht darüber gesehen, das als "das Leseevent des Jahres" angekündigt worden war - zusammen mit der wechselvollen Geschichte des Autors. Und eigentlich hatte mich dieser Beitrag eher davon überzeugt, dass es kein Buch wäre, das ich lesen wollte.

Genauso, wie auch der Titel mich eigentlich eher skeptisch bleiben liess - die Faszination von Indien, die viele Hippies, Aussteiger und auch einen meiner Geographieprofessoren fesselte, war mir nie ganz eingeleuchtet. "Shantaram" klang nach einem Buch über Gurus und Esoterik, weit weg von jemandem wie mir, die so stark in ihrer eigenen Heimat und deren eigener Spiritualität verwurzelt ist, dass mich dieser Aspekt der Fremde nie angezogen hat.

Und wie so oft in letzter Zeit habe ich das Buch gegen meine ursprüngliche Absicht doch gelesen - erst noch mit viel Spass. In der Buchhandlung hatte ich die ersten Seiten mehr aus Neugier gelesen, in der Überzeugung, genau das vorzufinden, was mir meine Vorurteile sagten; nur um festzustellen, dass es ganz anders war. Diese ersten Seiten hatten mich sofort gefesselt.

Als wir mit der Klasse auf Maturareise nach Barcelona geflogen waren, war das erste, was mir an dieser Stadt aufgefallen war, ihre Gerüche. Barcelona roch an jeder Ecke anders; manchmal reichten zwei, drei Schritte um von unerträglichem Gestank in einen betörenden Blumenduft zu geraten – nur, um ein paar Schritte weiter plötzlich Fisch oder frisch gebackenes Brot zu riechen. Nichts hat mich an dieser Stadt mehr fasziniert und nichts ist mir stärker in Erinnerung geblieben als ihre vielen Gerüche.

Auf seinen ersten Seiten beschreibt Gregory David Roberts nun, wie Bombay gerochen hat, als er zum ersten Mal dort ankam. Er war ein entflohener australischer Häftling (er war wegen Raubüberfällen zu 20 Jahren Haft verurteilt worden und war einem Hochsicherheitsgefängnis entkommen), der mit einem gefälschten neuseeländischen Pass nach Indien gelangt war. Und das war erst der Anfang seiner vielen Abenteuer. Aber die Tatsache, dass das erste, was er von dieser neuen Stadt beschrieb, ihre Gerüche waren, machte ihn mir sympathisch und ich gab dem Buch eine Chance.

„Shantaram“ erzählt die atemlose Geschichte dieses Australiers in den folgenden Jahren in Bombay. Der Autor betont in Interviews immer wieder, es handle sich dabei um Fiktion und die Geschichte sei nicht autobiographisch zu verstehen. Trotzdem hat er für den Roman zumindest wichtige Stationen in seinem eigenen Leben darin verarbeitet. (Er ist in Australien aus dem Gefängnis ausgebrochen und nach Indien geflohen, hat dort im Slum gelebt, für die Mafia gearbeitet, war dort im Gefängnis und in Afghanistan im Krieg.) Auch wenn die Personen und Ereignisse, die er beschreibt, so nicht passiert sind, fühlt sich der Roman doch sehr echt und glaubwürdig an – man merkt auf jeder Seite, dass der Autor genau weiss, wovon es spricht und die Dinge, die er beschreibt, auch wirklich in ähnlicher Form gesehen und erlebt hat. Es scheint also doch eine sehr autobiographisch geprägter Roman zu sein. Zumal er aus der Perspektive eines Ich-Erzählers geschrieben ist, der aus der Zukunft auf sein Leben zurückschaut und seine Erlebnisse während des Erzählens immer wieder kommentiert oder reflektiert.

Der Australier „Lin“ verliebt sich sofort in die Stadt Bombay, Indien und seine Bewohner. Er fühlt sich dort bald immer heimischer, erlebt viele Abenteuer, verliebt sich und landet irgendwann bei der Mafia. Aber nicht, bevor er nicht in einen Slum gezogen ist und dort mehr durch Zufall eine Art kostenlose Arztpraxis eröffnet (obwohl er nicht ausgebildeter Arzt ist). Er landet im Gefängnis, wird befreit, fängt an zu Schmuggeln und Pässe zu fälschen und kämpft in Afghanistan mit den Mudjahedin gegen die Sowjets. Aber eigentlich kann man das Buch gar nicht zusammenfassen, man muss es schon selber lesen.

Der Autor schreibt so bildlich und charakterisiert seine Figuren so greifbar, dass man das Buch kaum weglegen kann. Sobald man anfängt zu lesen, wird man in diese (für mich fremde) Welt gesogen und vergisst die Welt, in der man sich eigentlich befindet. Von der Zugreise von Erfurt zurück in die Schweiz habe ich kaum etwas mitbekommen – ich war in dieser Zeit in Indien. Aus diesem Grund lohnt es sich auf jeden Fall, das Buch zu lesen. Man spürt, dass der Autor das Land liebt, über das er schreibt und sehr viel Wärme gegenüber seinen Figuren empfindet. Es lässt einen das eigene Leben im guten und im schlechten Sinn ereignislos und langweilig erscheinen und gibt einem die Möglichkeit, sehr viel mitzuerleben.

Ich legte das Buch am Ende etwas traurig weg, nicht nur, weil es ein relativ offenes Ende hat, sondern auch, weil ich ihm gerne noch länger zugehört hätte, wie er aus seinem Leben, ob fiktiv oder real, erzählt.

Ich betone das, weil das Buch im Grunde sehr viele Elemente enthält, die mich bei anderen Autoren massiv gestört haben und mich auch bei ihm mehr hätten stören müssen. Das Buch hat einige sehr kitschige Schilderungen oder Gedankengänge, über die ich doch kurz die Augen gerollt habe – aber drangeblieben sind. Sie werden nie so störend, dass es unerträglich geworden wäre. Die Tatsache, dass der Autor das Land und die Leute, über die er schreibt, so liebt, lässt ihn manchmal über das Mass schwärmen.

Obwohl das Buch aus der Ich-Perspektive erzählt wird, fühlte ich mich irgendwie seltsam unberührt. Er beschrieb Schmerzen, Folter und Krieg, aber auch grosse Gefühle von Liebe und starker Freundschaft – aber nicht so, wie er sie unmittelbar erlebt hatte, sondern bloss, wie er sich viel später daran erinnerte. Er hätte die Geschichte auch in diesem Ton an einem Lagerfeuer oder in einer Bar über einem guten Drink so erzählen können.

Schliesslich legt der Autor auch seine eigene Weltanschauung und seine Lebensphilosophie in diesem Buch ausführlich dar – vor allem aus dem Mund des Mafia-Bosses, für den er arbeitet. Persönlich fand ich sie über weite Strecken interessant und bedenkenswert – wer solche Passagen aber in einem Buch störend findet, sollte es lieber nicht in die Hand nehmen. Zum Englischlernen eignet es sich ebenfalls nicht – denn der Autor gibt die Dialoge so wieder, wie die Personen sie sprechen würden – das heisst, mit vielen Grammatikfehlern bei den Figuren, die nicht besonders gut Englisch können. Die deutsche Übersetzung kenne ich nicht (es gibt eine), aber mich hätten dort die „Kitsch“-Passagen wohl stärker genervt als auf Englisch.

Alles in allem ist es also ein sehr lesenswertes Buch – eines, das mich auch sehr lange und ausführlich zum Nachdenken angeregt hat (die Ergebnisse werden vielleicht irgendwann hier auftauchen). Man könnte es auch als eine „Indienreise für Ängstliche“ bezeichnen – denn der Autor nimmt einen an sehr viele spannende Orte mit, an die man als Angsthase nie kommen würde.

Jetzt hoffe ich, dass er tatsächlich eine Fortsetzung schreibt, wie er in Interviews bereits angedeutet hat.
26.12.08 00:59


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Richard David Precht – Wer bin ich und wen ja, wie viele?

Das Buch hat mich ursprünglich gar nicht gereizt. Ich fand den Titel zwar irgendwie witzig, aber fast zu gequält lustig – und es kam mir vor, als würde heutzutage jeder, der sich ein wenig dazu berufen fühlt, ein Buch über Philosophie schreiben. Das Titelbild trug auch nicht gerade viel dazu bei, dahinter ein ernsthaftes Buch zu erwarten. Ich hielt es für ein Buch voller Plattitüden und Poesiealbums-Weisheiten, von dem ich nicht viel erwartete.

Der Grund, warum ich das Buch dann doch gekauft und auch gerne gelesen habe, war ein Essay, das der Autor vor etwa einem Monat im Spiegel veröffentlicht hat. Darin kritisierte er die vermeintliche intellektuelle Elite Deutschlands, die sich immer mehr von der Gesellschaft abschottet und immer unverständlicher schreibt und spricht und damit immer mehr an Bedeutung verliert. So hatte ich das Essay zumindest interpretiert und fand den Autor sogleich sympathisch und es schien auch, als hätte er sich doch einige Gedanken gemacht, die es wert waren, zu lesen. Mit anderen Worten: Ich beschloss, ihm eine Chance zu geben.

Die Einleitung des Buches ist sehr bildlich und erzählt die Anekdote, wie der Autor selbst seine Liebe für die Philosophie entdeckt hat und auch, wie er diese während des Philosophiestudiums fast verloren hätte. Nicht zuletzt, weil es zwar sehr viele Einführungen in die Philosophie gibt, in der gebetmühlenartig ein Kanon von „wichtigen Denkern“ aufgelistet wird – aber keine, die eine Übersicht über verschiedene Antworten auf zentrale Lebensfragen, also zentrale Fragen der Philosophie, bietet. Ausserdem war er schockiert über das Gärtchendenken in der Philosophie, in der man zwar die zweihunderttausendste Dissertation über die Bedeutung der Ameisen im Bezug auf die Moraltheorie in Kants Kritik der reinen Vernunft im Vergleich zur Antike verfasst, aber den Blick über den Tellerrand hinaus scheut wie der Teufel das Weihwasser. Dies, obwohl moderne Wissenschaften wie die Hirnforschung oder die Psychologie längst interessante Beitrage zur Diskussion liefern, alte Fragen neu stellen und, je weiter sie forschen, desto mehr neue, unerwartete Fragen auffinden.

Precht hat sich also zum Ziel gesetzt, auf eine einfach verständliche Art und Weise verschiedene Antworten auf Fragen wie „wer bin ich?“ oder „was darf ich?“ oder „wie frei bin ich?“ vorzustellen. Er benutzt dabei einen unterhaltsamen, einfachen sprachlichen Stil, dem man auch oder gerade ohne philosophische Vorbildung folgen kann. Besondere Höhepunkte des Buches waren immer jene Passagen, in denen er die Macken, Absonderlichkeiten und den Grössenwahn der grossen Philosophen darstellte und uns klarmachte, dass auch die ganz grossen Namen nicht nur kluge Dinge von sich gegeben haben, dass gerade sie oft spektakulär danebenlagen und letztlich Menschen waren wie wir anderen auch – mit Ausnahme vielleicht, dass sie noch ein bisschen verrückter waren als der Durchschnitt.

Inhaltlich ist das Buch in drei Blöcke geteilt – was kann ich wissen? Was soll ich tun? Und was kann ich hoffen?

Im ersten Block präsentierte er verschiedene Theorien über das ich und darüber, wie wir wissen können, was wir zu wissen glauben. Vom berühmten „ich denke, also bin ich“ über die Evolutionstheorie bis zu teilweise beängstigenden, teilweise faszinierenden Ergebnissen aus der Hirnforschung und dem Fassungsvermögen eines menschlichen Säugetiergehirns. Diesen Block fand ich extrem spannend und anregend zu lesen. Er schaffte es geschickt, zwischen Überzeugung und Zweifel hin und herzuwechseln und hat auch mich mit jedem Kapitel neu zum Nachdenken gebracht. Es sind Fragen, die ich mir schon oft und immer wieder gestellt habe – und er präsentiert Antworten, die einen manchmal gleichzeitig beruhigen und beängstigen.

Die anderen beiden Blöcke fand ich hingegen viel weniger spannend und anregend. Im zweiten Block stellt er verschiedene Moral- und Gesellschaftstheorien vor und versucht gleichzeitig, Antworten für die umstrittensten moralischen Fragen unserer Zeit zu geben. Das bedeutete auch, dass klar wurde, auf welcher Seite der Diskussion sich der Autor selbst positioniert – obwohl er versuchte, auch die Gegenseite darzustellen. Obwohl ich in den allermeisten Punkten einig mit ihm war, fand ich doch, dass das Buch gewonnen hätte, wenn er nicht versucht hätte, sich zu Themen wie Abtreibung oder Sterbehilfe zu äussern.

Ich muss hier aber auch zugeben, dass gerade der zweite Teil ein Themengebiet betraf, das ich vom Studium her relativ gut kenne und das ich auch in meiner Lizenziatsarbeit gestreift habe. Hier gehörte ich möglicherweise nicht mehr zum Zielpublikum des Buches.
Der letzte Teil, in dem er über Gottesbeweise und ähnliche Fragen sprach, war mir dann irgendwie zu fern.

Gefreut habe mich hingegen, dass er im letzten Kapitel speziell auf Produkte der sogenannten Trivial- oder Unterhaltungsindustrie verwies und beispielsweise über „The Matrix“, „Hitchhiker’s Guide to the Galaxy“ und „Monty Python’s Meaning of Life“ schrieb. Denn nur, weil ein Werk unterhaltsam ist und nicht alles todernst nimmt, heisst nicht, dass es nicht wichtige Fragen stellen kann. Ich würde sogar behaupten, dass „The Matrix“ letztlich mehr Leute dazu gebracht hat, sich Fragen über das eigene Ich und die Realität, in der wir leben, zu stellen, als die meisten philosophischen Traktate, die in den letzten Jahren in wissenschaftlichen Journals publiziert wurden. Was am Ende für die Menschheit wichtiger war, wird sich freilich erst in der Zukunft zeigen. Aber über den unerträglich arroganten Elitismus weiter Teile von Kultur und Wissenschaft will ich ein andermal bloggen.

Ich würde „wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ jedem empfehlen, der sich gerne mit solchen Fragen beschäftigt, aber keine Lust hat, die Antworten und Theorien der Philosophen zuerst vom Deutschen ins Deutsche zu übersetzen, damit man es überhaupt versteht. Wer sich aber intensiver mit dem Thema auseinandergesetzt hat oder auseinandersetzen möchte, liest besser weiterführende Werke. Das war aber auch nicht der Anspruch das Buches.
18.12.08 20:48


Peter von Matt: Die Intrige - Theorie und Praxis der Hinterlist

Als ich im Oktober in Arosa war, hatte ich den früheren Zug verpasst und musste deshalb im Hotelzimmer noch knapp eine Stunde warten, bevor ich abreisen konnte. Aus Langeweile hatte ich also den Fernseher eingeschaltet - obwohl am Samstagvormittag nicht gerade die interessantesten Sendungen kommen. Dabei blieb ich dann in der "Sternstunde Philosophie" auf SF1 hängen, in der Roger de Weck ein Interview mit Peter von Matt führte. Eigentlich blieb ich hängen, weil der Gast gerade seine Sicht der Rolle der Schweiz im zweiten Weltkrieg schilderte - er sagte sinngemäss, dass sich die Schweiz seit Jahrzehnten immer wieder durchgewustelt hätte und damit vor den grossen Kriegen des 20. Jahrhunderts verschont geblieben sei. Soweit, so klar. Was mich fasziniert hatte, war die Tatsache, dass er daran nichts schlimmes oder verwerfliches sehen konnte.

Ich schaute weiter und erfuhr, dass das Interview auf Basis eines Buches geführt worden war - ein Buch, in dem der Literaturprofessor Peter von Matt näher auf die Beschaffenheit und Geschichte der Intrige in der Literatur eingeht. Ich musste das Buch haben.

Es ist das erste Sachbuch seit langem, das ich ausserhalb der Arbeit gelesen habe. Und es hat sich gelohnt!

Peter von Matt schildert in verschiedenen Kapiteln, wie Intrigen in der Literatur aufgebaut werden, welche Motive dahinterstecken, wie die Pläne ausgeheckt werden und wie jede Epoche ihre eigenen Intrigengeschichten hatte. Dabei erzählt er sehr viele Geschichten nach, von der Bibel, über Antike und Renaissance bis zur Moderne, die als Literaturgattung die Intrige abgeschafft hat - während gleichzeitig im Krimi und im Spionageroman immer grössere und verzwicktere Intrigengebäude geschmiedet werden.

Das Buch liest sich sehr flüssig und die verschiedenen Geschichten ziehen einen leicht in den Bann - gerade, wenn man die Bücher nicht oder nur zu einem kleinen Teil kennt, auf die er sich bezieht. Peter von Matt setzt nicht voraus, dass man sie kennt - selbst wenn es sich um Klassiker oder Bücher aus dem vermeintlichen literarischen Kanon handelt. Ausserdem rehabilitiert er darin einen wichtigen Teil der vorschnell und oftmals zu unrecht als trivial verschrieenen Literatur.

Mir hat es sehr gefallen, dass er höchst selten in die Arroganz des gelehrten, belesenen Literaturwissenschaftlers schlüpft, der seinen Lesern von oben herab predigt, welche Bücher man als gut zu befinden habe und welche nicht. Das war erfrischend.

Gleichzeitig weiss ich nicht, ob ich das Buch uneingeschränkt empfehlen würde. Obwohl sich von Matt Mühe gibt, verfällt auch er ab und zu in den berüchtigten Geisteswissenschafter-Slang, den man nur schwer versteht, wenn man den entsprechenden Wortschatz nicht anderweitig gelernt hat. Ich konnte einiges noch verstehen, weil ich zumindest eine sozialwissenschaftliche Ausbildung habe - an manchen Stellen konnte ich ihm aber auch nicht mehr folgen. Das Buch war aber trotzdem spannend.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass er sich manchmal etwas in Details zu verlieren scheint oder jedenfalls nicht immer klar wird, warum er diese Intrige jetzt in aller Ausführlichkeit darlegt, während er andere nur streift - und am Ende erscheint es irgendwie beliebig. Ich hätte gerne noch mehr über das Thema gewusst und einige Punkte noch genauer angeschaut.

Schliesslich empfand ich das Buch auch als gute Inspirationsquelle für eigene Geschichten - man erfährt viel übers Schreiben an sich, wie man einen Plot planen könnte, woran man denken muss und wo man damit historisch steht.
27.11.08 22:26


Michael Mittermeier - Safari, Swiss Edition

Dass die Deutschen die Schweiz für sich entdecken, ist schon länger bekannt. Dass jeder deutsche Komiker, der einen halben Schweizer Witz (ja, in der Schweiz sind alle so laangsam *schenkelklopf), seine CD als Swiss-Edition verkaufen will, ist wohl eine Folge davon.

Dementsprechend habe ich auch die auch die neue CD von Michael Mittermeier nicht weiter beachtet. Noch einer, der seinen Absatz auf dem kleinen Schweizer Markt verbessern will...

Meine Güte, wie habe ich mich geirrt!

Am Wochenende habe ich auf iTunes mehr aus Neugier in die CD reingehört, nachdem ich auf der Suche nach etwas anderem im Schweizer iTunes-Portal darüber gestolpert war, weil sie zu den Top-Downloads gehört. Alleine die 30 Sekunden-Ausschnitte, die man dort hören konnte, haben mich derart überzeugt, dass ich die ganze CD haben musste.

Wer Mittermeier für einen oberflächlichen Komiker hält, der zum Niedergang der deutschsprachigen Fernsehkultur beigetragen hat, weiss noch nicht, was es geschlagen hat. In der Swiss Edition von Safari jedenfalls zeigt er, dass er nicht nur ein extrem aufmerksamer Zeitgenosse ist, der genau beobachtet und ein feines Gespür für die Ereignisse hat - er schafft es auch noch, diese pointiert und direkt auf die Bühne zu bringen.

Nein, Mittermeier macht kein intellektuelles Kabarett, für das man einen Uniabschluss braucht, um ihn zu verstehen. Es ist aber eine Unsitte einer selbsternannten intellektuellen Pseudo-Elite, über allem die Nase zu rümpfen, was auch die Leute auf der Strasse verstehen können.

In der Swiss Edition macht Mittermeier viele Kommentare zur politischen Lage in der Schweiz, zu Ereignissen, die hier in den letzten Monaten für Wellen gesorgt haben, die man eigentlich von unseren Schweizer Witzbolden hätte erwarten können.

Er zeigt damit nicht nur ein für einen Aussenstehenden ungewöhnliches Interesse für unser kleines Land, sondern scheint auch das Wesen der Politik und der Leute hier um einiges besser wahrzunehmen als wir selbst. Mittermeier hält den Schweizern dauernd den Spiegel vor.

Eines der Highlights auf der CD ist folgender Kommentar:

Mittermeier kommentiert die Nicht-Wiederwahl von Alt-Bundesrat Christoph Blocher. Was ihm am meisten gefallen habe, sei Blochers Ausspruch gewesen, als er seine Niederlage eingestehen musste. Blocher sagte: "Jetzt kann ich endlich wieder die Wahrheit sagen." Und Mittermeier kommentiert: "Leute, der Kerl hat euch vier Jahre lang angelogen!"

Bestimmt nicht die Wirkung, die Blocher mit dem Ausspruch hatte erzeugen wollen.

Deshalb: Wer gerne etwas über das Wesen der Schweizer erfahren will, oder zumindest die Politik hier, dass man auch versteht, was gesagt wird - der hört sich Mittermeier an!
29.10.08 23:52


Stephenie Meyer - Twilight

Nachdem ich etwa zwei Wochen lang mit einer Bekannten über Twilight gelästert hatte, habe ich mich schliesslich entschieden, es doch zu kaufen. Ich hatte keine einzige positive Erwartung an das Buch, dafür jede Menge schlechter Kritiken und Vorurteile dagegen gehört. Kaum ein Buch, das ich bisher gelesen habe, hatte also bessere Chancen, mich zu überzeugen - dennoch ist es absolut kläglich gescheitert.

Dies ist umso tragischer, weil die Geschichte an sich sehr viel Potential gehabt hätte, wenn das Lektorat besser gewesen wäre. Die Idee, Vampire für einmal nicht einfach als Monster, sondern als ehrlich um moralisches Handeln bemühte Kreaturen zu zeigen, war sehr spannend und mir, die normalerweise keine Vampirliteratur oder -filme konsumiert, neu. Auch die Frage, wie eine Liebesgeschichte zwischen einer sterblichen und einem unsterblichen Vampir ausgehen könnte, wenn er der dauernden Versuchung widerstehen muss, sie doch in einem unbeherrschten Moment auszusaugen, würde an sich reichlich Stoff für eine spannende Geschichte bieten. Stephenie Meyer hat aber wie keine andere Autorin, die ich bisher gelesen habe, das unrühmliche Talent, jegliche Spannung innerhalb kürzester Zeit zu zerstören und jedes noch so interessante Dilemma schnell und unüberlegt aufzulösen, bevor es seine ganze Wirkung entfalten konnte.

Der Inhalt des Buches lässt sich in drei Sätzen zusammenfassen: Bella ist unsterblich in den perfekt aussehenden Vampir Edward verliebt. Dieser ist von ihrem Geruch so betört, dass er sie am liebsten sofort aussaugen würde. Stattdessen verliebt er sich ebenfalls in sie und muss sie fortan dauernd heldenhaft retten. Ende.

Hier die Top 5 der grössten Schwächen des Buches:

1. Bella Swan, die Ich-Erzählerin

Der Name alleine spricht schon Bände. Wer nennt die Hauptfigur seiner Geschichte ernsthaft "schöner Schwan"? Aber auch ohne den idiotischen Namen hat Bella alle Erkennungszeichen einer geradezu typischen Mary Sue. Sie kommt von einem selbsternannten hippen Ort (Phoenix) in ein Kuhkaff (Forks), wo plötzlich alle Jungs auf sie abfahren. Sie kann alles - naja, bis auf ein paar Dinge, die ihr eh nicht wichtig sind (sie ist schusselig) - und kriegt natürlich den perfektesten aller perfekten Typen im Dorf ab (dazu später mehr.) Darunter würde sie ja auch nicht gehen.

Obwohl sie selbst von sich immer behauptet, sie hätte ein mangelndes Selbstbewusstsein und ebenso immer erzählt, sie wäre in der Schule ja immer soo unbeliebt gewesen, ist sie ganz schön von sich überzeugt. Auch von ihrer selbsternannten Schüchternheit und Bescheidenheit ist nichts sichtbar. Sie hält ihre herablassende Sicht auf alle, die sie umgeben (bis auf Edward, der sieht einfach zu gut aus), auch noch für Sarkasmus.
Insbesondere gegenüber ihren Eltern ist sie einfach unerträglich. Sie zieht ständig über sie her, findet sie peinlich, zeigt keinerlei Wertschätzung für das, was sie für sie getan haben und versucht stattdessen noch, sie zu bevormunden. Klar, ein Teil dieses Verhaltens ist typisch für Teenager – aber sie bezeichnet sich selbst und wird von anderen Figuren auch noch regelmässig als „verantwortungsvoll“ und „sehr erwachsen“ bezeichnet. Sie ist keines von beidem. Sie wird auch nie damit konfrontiert, dass sie sich in ihrem Selbstverständnis übernimmt. „Sie ist sehr erwachsen im Vergleich zu ihren Mitschülern“, wird von allen Seiten als Tatsache angesehen, obwohl ihr Verhalten dieser Beschreibung in keinster Weise gerecht wird. Insbesondere, nachdem sie sich Edward an den Hals geworfen hat und ihm die Entscheidungen überlässt.

Gerade bei ihrer Mutter fragt man sich ausserdem, wie die als kindisch, einfältig und hilflos dargestellte Mutter als Alleinerziehende überleben konnte, wo sich doch jetzt, als Bella 17 ist, kaum die Schuhe selbst binden kann. (Als gesunde Frau mittleren Alters!) Allgemein dienen die Nebenfiguren einzig dem Zweck, Bella gut dastehen zu lassen. Am krassesten ist es bei ihren gesichtslosen „Freundinnen“, die sie alle fast grenzenlos anzuhimmeln scheinen und die sie auch noch in einer typischen Szene am Telefon mit anderen Kerlen verkuppelt, die natürlich niemanden anderen als sie gewollt hätten. Man könnte gerade bei ihrer Wirkung auf die männlichen Wesen in ihrer Umgebung ohnehin glauben, sie wäre mit einem besonderen Duftstoff versehen, der alle verrückt spielen lässt.

Daneben zeichnet sich Bella durch eine geradezu pathologische Oberflächlichkeit aus - obwohl sie selbst immer als tiefsinnig bezeichnet. Das einzige, was ihr auffällt und vor allem, was als Grundlage für ihr Urteil über andere zählt, sind Äusserlichkeiten. Man erfährt immer zuerst, wie jemand aussieht, was er trägt, welches Auto er fährt und wie Bella sein oberflächliches Verhalten einschätzt - und aufgrund dieser Informationen entscheidet sie dann, ob jemand es verdient, mit ihr befreundet zu sein. Die Regel "je besser jemand aussieht, desto besser ist sie mit ihm befreundet", gilt dabei als goldene Regel.

Das alles macht sie schon nach wenigen Seiten so extrem nervig, dass ich anfing, Mordgedanken gegen die Figur zu hegen und instinktiv jede andere Figur sofort mit ganzem Herzen unterstützte, die ihr nach dem Leben trachtete. Leider haben die sich so dumm angestellt oder wurden von Edward in letzter Minute gestoppt, sodass Mary Sue überlebt.
Zusammengefasst ist Bella also nichts anderes als eine selbstverliebte (bzw. in Edward verliebte), oberflächliche Teenagerin, die sich während des ganzen Buches kein bisschen weiterentwickelt und sich deswegen kindisch, unreif und entsprechend nervig verhält.

2. Die Liebesgeschichte

Ausgerechnet der Kern der Story ist auch eine der grössten Schwächen. Ich konnte nicht erkennen, was die vielen Fans an dieser Liebesgeschichte so toll finden. Oder nein, anders: ich kann das Potential der Geschichte erkennen, das, was man sich gerne darunter vorstellen würde – aber ich kann es im Buch nicht lesen.

Bella steht auf Edward, weil er aussieht wie ein Unterwäschemodel – einen anderen Grund hat sie nicht, sich in ihn zu verlieben. Edward liebt Bella, weil sie so unwiderstehlich gut riecht, dass er sie am liebsten auf der Stelle zerfleischen würde. Mit anderen Worten – er geht eine Beziehung mit einem saftigen Steak ein. Ach ja, und er kann aus irgendeinem unerfindlichen Grund ihre Gedanken nicht lesen und ist deshalb fasziniert von ihr. Auf den naheliegenden Gedanken, dass er sie nicht lesen kann, weil es nichts zu lesen gibt, kommt er natürlich nicht.

Es hätte ja durchaus sein können, dass diese doch sehr oberflächlichen Gründe ausreichen würden, um eine interessante Liebesgeschichte daraus zu entwickeln. Wenn sich denn etwas entwickeln würde. Das Buch besteht aber leider zur Hälfte daraus, dass Bella Edward in allen möglichen Situationen anhimmelt, während er ihr sagt, er sei gefährlich und sie solle sich von ihm Fernhalten – die andere Hälfte besteht aus inflationären, aber gehaltlosen Liebeserklärungen. Statt, dass sie ihn nun aus der Ferne anhimmelt, darf Bella ihn nun aus der Nähe anhimmeln – und Edward darf weiter ihr Held spielen.

Das traurige ist, dass Meyer zwar immer wieder mögliche Dilemmas andeutet, die aus dieser ungewöhnlichen Liebesgeschichte entstehen könnten – aber sie nicht aufkommen und ausspielen lässt, als hätte sie Angst, die Beziehung zwischen Bella und Edward könnte zerbrechen, wenn sie auf die Probe gestellt würde. Genau diese fehlende Antwort aber führt auch dazu, dass man als Leserin die Liebe zwischen den beiden nicht wirklich fühlen kann. Sie wird nur dauernd deklariert. Die Frage etwa, ob Bella sich auf ihn einlassen sollte, obwohl er ihr gesteht, dass sie für ihn wie das leckerste Stück Fleisch riecht, das er je gegessen hat, wird allzu leicht heruntergespielt. Es mag mutig und entschlossen klingen, wenn sie seine Zweifel sofort herunterspielt und sagt, sie würde trotzdem bei ihm bleiben – aber wirklich mutig würde die Entscheidung erst wirken, wenn man ihr glauben könnte, dass sie tatsächlich begriffen hat, in welche Gefahr sie sich damit eigentlich begibt. An diesem Punkt krankt das Buch auch, dass man Edwards Perspektive nicht sehen kann.

3. Die Adjektive

Jemand hätte Stephenie Meyer dringend beibringen sollen, dass übermässiger Gebrauch von Adjektiven in Beschreibungen ein typischer Anfängerfehler ist. Nein, eigentlich hätte ihr das nicht irgendjemand sagen müssen, sondern ihr Lektorat. Das ist einer der Schwachpunkte des Buches, der sich leicht hätte korrigieren lassen.

Lebendige Schilderungen zu schreiben gehört zu den schwierigsten Herausforderungen beim Schreiben - denn ein einziges fehlendes, falsches oder überflüssiges Wort kann die ganze sorgsam aufgebaute Stimmung zerstören. Diese Wörter zu entdecken ist für die Autorin selbst extrem schwierig, denn sie hat das Bild, das sie schildern will, ja klar vor Augen. Deshalb hätte das Lektorat hier eigentlich eingreifen müssen.

Eine der Grundregeln der Schilderungen ist ausserdem, unabhängig von der richtigen oder falschen Wortwahl, dass sie von den Verben getragen werden müssen, während Adjektive und Adverben nur dazu da sind, an der richtigen Stelle zu verstärken oder etwas besonders hervorzuheben. Je präziser das Adjektiv dann ist, desto genauer wird auch das Bild. Ein allzu „blumiger“ Stil wirkt schnell bemüht.

Bei Stephenie Meyer bekommt man zwangsläufig spätestens nach der Hälfte des Buches eine akute Überdosis von "perfect", "beautiful" und ähnlichen Worthülsen. Diese Wörter sagen aber rein gar nichts über die damit ausgezeichneten Figuren aus, wenn nicht weitere, klarere Beschreibungen folgen. Im Übrigen fallen im Buch tatsächlich in der englischen Version mehrere nicht korrigierte Grammatikfehler auf (sogar mir als Nicht-Muttersprachlerin!) – das ist für das Lektorat extrem peinlich.

4. Edward

Der Punkt mag überraschen – Edward ist nämlich in der ganzen Story auf jeden Fall die Figur mit dem meisten Potential. Solange man ihn noch nicht richtig kennenlernt, wirkt er auch interessant und rätselhaft, dass man gerne mehr über ihn erfahren würde. Auch später, als er Bella über sein Vampirdasein erzählt, würde man gerne in seinen Kopf hineinsehen und erfahren, was wirklich in ihm vorgeht.

Je länger er aber auf der Bildfläche ist, desto mehr nutzt sich dieses Gefühl ab. Dafür, dass er schon über 80 Jahre alt ist, verhält er sich an vielen Stellen sehr unreif. Insbesondere seine herrische, besitzergreifende Art, mit der er Bella beschützen will und ihr auf Schritt und Tritt folgt, geht irgendwann nur noch auf die Nerven. Als er ihr auch noch gesteht, dass er sich nachts, während sie schlief, heimlich beobachtet hat, war ich einfach nur angewidert. Stalker und Voyeure sind mir unheimlich.

Er disqualifiziert sich bei mir natürlich auch damit, dass er sich überhaupt in eine so oberflächliche Tussi wie Bella verliebt. Wenn er ihr wieder mal sagt, wie geheimnisvoll er sie findet, weil er ihre Gedanken nicht lesen kann, würde man ihm am liebsten sagen „ich kann ihre Gedanken lesen und du verpasst gar nichts.“

Ich habe auch Mühe damit, dass er immer so als perfekt beschrieben wird. Er sieht perfekt aus und kann alles perfekt und ist sowieso in jeder Hinsicht einfach perfekt. Es mag sein, dass das einfach Bellas Sicht auf ihn ist und er in Wirklichkeit alles andere als so ist, aber die Figur leidet darunter, dass man keine neutralere Sicht auf sie hat.

5. Spannungskiller

Wie in der Einleitung schon erwähnt, habe ich noch nie eine Autorin gelesen, die ihren Spannungsbogen dermassen nicht im Griff hat. Es dauert über Dreiviertel des Buches, bis einmal wirklich etwas passiert. Bella wird von einem bösen Vampir verfolgt und es scheint für einen Augenblick, als würde ihre Entscheidung für Edward nun auf die Probe gestellt, als würde sie nun zu spüren bekommen, worauf sie sich eingelassen hatte.

Doch Meyer hat eine dermassen unnatürliche Angst davor, ihre geliebten Figuren in Gefahr zu bringen, dass sie vor dem Showdown extrem herumduckst, im interessantesten Moment ausblendet und danach wieder mit belanglosen Liebeserklärungen weiterfährt wie gehabt. Das Erlebnis scheint weder Edward noch Bella wirklich nahegegangen zu sein und ausser ein paar körperlichen Verletzungen hat sie nichts davongetragen. Der Grund, warum er sie überhaupt retten konnte, ist übrigens nur, dass der böse Vampir alle Anfängerfehler eines Möchtegern-Buchbösewichts macht und nicht nur beschliesst, sein Opfer langsam zu töten, sondern auch noch darauf besteht, ihr zuerst all seine Gründe für sein Handeln lang und breit zu erklären – damit Edward auch wirklich genug Zeit hat, ihr zu Hilfe zu eilen.

Ebenso tragisch ist, dass viele interessante Nebenhandlungen angedeutet würden, die aber zugunsten der langweiligen Liebesgeschichte gekappt werden und oberflächlich bleiben. Ich hätte zum Beispiel gerne genauer gewusst, warum sich ihre Eltern getrennt haben, warum es die Mutter nicht mehr in Forks ausgehalten hat, warum der Vater geblieben ist und wie es ihnen danach ergangen ist. Es wäre nicht nur eine interessante Nebenhandlung gewesen, sondern hätte auch der ganzen Familie Swan viel mehr Tiefe gegeben.

Das gleiche gilt für die Cullens, deren Geschichten angedeutet werden, aber schludrig und langweilig erzählt werden – als lästigen Füllstoff. Leider wird dabei auch noch viel mehr auf Carlisle eingegangen als auf Edward selbst, über den man so gerne mehr gewusst hätte.

Diese Mängel schmerzen umso mehr, als dass man unter diesem ganzen Müll eine wirklich spannende Geschichte vermutet. Ich habe den Verdacht, dass jene Leute, die so begeistert sind von diesem Buch, in Wirklichkeit auch diese Geschichte meinen. Sie können den ganzen Mist, der mich so stört, einfach besser ausblenden.

Ich jedenfalls war während ich las die ganze Zeit versucht, sie umzuschreiben. Man müsste nur das Erzähltempo des Buches ändern, ab und zu den Fokus ändern, die Gewichte anders verlagern und vor allen Dingen die Dilemmas konsequenter zu Ende ausspielen. Daneben müsste man Bella klarer charakterisieren und sie von der unheimlich nervigen Selbstdarstellung befreien. Auch hier hat das Lektorat einfach nur versagt. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass das vorliegende Buch das ist, was die Autorin wirklich im Kopf hatte – und ebenso wenig, dass es das war, was der Verlag publizieren wollte. Ich bin überzeugt, dass eine höchstens mittelmässige Autorin wie Meyer ein gutes Buch veröffentlichen könnte, wenn sie ein gutes, kritisches Lektorat gehabt hätte.

Da Twilight als „der nächste Harry Potter“ angekündigt wurde, kann ich mir dieses Verhalten nur damit erklären, dass man einfach so schnell wie möglich den nächsten Hype auf den Markt werfen wollte. Ich bin schockiert, dass es funktioniert hat.

Nach so viel ausführlicher Kritik möchte ich euch aber meine drei Highlights des Buches nicht vorenthalten:

1. Das Lästerpotential

Meine Bekannte hat das Buch vor gut zwei Monaten angefangen zu lesen, ich habe selbst zum Lesen gut einen Monat gebraucht (ungewöhnlich lange für meinen normalen Leserhythmus) – und ebenso lange haben wir über dieses Buch lästern können. Es ist so schlecht, dass es schon wieder Spass macht, es auseinanderzunehmen.

Ich habe ausserdem mehreren Arbeitskolleginnen davon erzählt, die mich dann regelmässig gefragt haben, wie das Buch denn nun weitergegangen sei und ob es immer noch so schrecklich sei. Eine davon hat es sich nun sogar bestellt. Stephenie Meyer verdient also auch noch nicht schlecht an mir.

2. Der unfreiwillige Humor

Die Mary-Sue-Eigenschaften von Bella und Edwards Perfektion sind an vielen Stellen so offensichtlich absurd, dass ich einfach nur noch darüber lachen konnte, dass jemand tatsächlich wagte, so etwas in einem Buch zu schreiben. Tragisch ist, dass Meyer dies todernst meint.

Eine solche Stelle will ich euch nicht vorenthalten. Was schätzt ihr, wie alt ist die Figur, die folgende Aussage macht?

"Well, he seems very nice, and oh my goodness, he's incredibly good-looking"

3. Der Prolog

Das ist nun ein ernstgemeinter positiver Punkt. Die erste Seite mit dem Prolog ist spannend geschrieben und lässt einen mehr davon wünschen. Mein Verdacht ist ja, dass man beim Verlag nur gerade diesen Prolog gelesen hat und das Buch deshalb publiziert hat. Leider geht es dann nicht in diesem Stil weiter. Aber der Prolog zeigt für mich eigentlich auch, dass Meyer als Autorin durchaus Potential hätte.

Ich werde mir jetzt die Folgebände nicht antun. Vielleicht später, wenn ich wieder einmal Lust zu lästern habe.
10.10.08 16:05


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