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Rezensionen

Tellspiele 2008 in Altdorf

Ein eigentlich stolzes Volk, das von einem unberechenbaren, willkürlichen Terrorregime unterdrückt wird. Ein Mann, der glaubt, der Starke sei am mächtigsten allein - aber hilft, wenn die Not ihn braucht. Und Frauen, die nicht länger ihren zaudernden Männern zusehen können und ultimativ Taten fordern. Das ist Schillers Wilhelm Tell, auf dem ein grosser Teil der schweizerischen Nationalmythen wurzeln.

Letzten Freitag bin ich doch noch dazu gekommen, die diesjährige Inszenierung dieses Stücks in Altdorf zu sehen. Der Tell wird in Altdorf regelmässig alle 4 Jahre aufgeführt. Im Gegensatz zu anderen Spielorten ist Altdorf bekannt dafür, neuartige und aktuelle Inszenierungen des Stoffs zu bieten und nicht in verknöchertem Traditionalismus zu verfangen - mutig und ungewöhnlich für einen Ort, an dem eine solche klassische Handlung spielt.

Trotz dieser Tradition hatte ich die letzten zwei Tellspiele nicht gesehen, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass man aus dem Stoff noch viel herausholen kann. Dieses Jahr bin ich vor allem deswegen hingegangen, weil ich im Vorfeld einen Artikel über die Proben geschrieben hatte, dabei ein spannendes Gespräch mit dem Regisseur Volker Hesse geführt hatte und letztlich wissen wollte, wie er seine Visionen umgesetzt hatte.

Ich war überwältigt. Fast hatte ich das Gefühl, das Stück überhaupt noch nie gesehen oder richtig gelesen zu haben.

Volker Hesse hat so ziemlich alles neu und ungewohnt dargestellt, was man neu und ungewohnt darstellen konnte - mit Ausnahme von Schillers Text, der 1:1 umgesetzt wurde. Ausserdem hat er - im Gegensatz zu einigen seiner Vorgänger - das Stück ernst genommen und nicht vor lauter Mythenzerstörungswut auch Schillers Werk mit zerstört.

Den Tell in Altdorf zu inszenieren ist nämlich keine leichte Aufgabe. Dadurch, dass sich ein ganzes Land seit bald 200 Jahren seine Identität und seinen Gründermythos ausgerechnet an dieses Stück klammert, besteht andauernd die Gefahr, entweder in kritiklosen Pathos zu verfallen oder im Gegenteil so wütend mit der Axt um sich zu schlagen, dass letztlich nicht mehr viel konstruktives übrigbleibt. Alleine die Tatsache, dass Volker Hesse es geschafft hat, diesen so dermassen totgeredeten Stoff lebendig und frisch auf die Bühne zu bringen, dass man selbst als wiederholte Tellspielbesucherin voller Spannung im Theater sitzt, verdient eine grosse Anerkennung.

Schon, wenn man das theater(uri) betritt, fällt einem die erste Veränderung sofort ins Auge. Das Stück spielt nicht im gewohnten Guckkasten-Theater, sondern auf einer Art "Holz-Laufsteg", der über die Sitze und die Bühne gebaut wurde. Bühnenbild gibt es ansonsten keines - und als Zuschauerin sitzt man direkt am Schauplatz. Ich sass sogar in der ersten Reihe, wortwörtlich direkt vor den Schauspielern, die manchmal auch in den Zuschauerraum kletterten oder plötzlich aus ungewohnten Richtungen auftauchten.

Das erste Mal Gänsehaut bekam ich gleich zu Beginn, als Töbi Tobler seinem Hackbrett und seiner Stimme Töne entlockt, die vertraut und fremd zugleich wirkten. Während der Prolog rezitiert wird, fängt es im Hintergrund dumpf an zu grollen und schliesslich zu donnern - und man wundert sich, woher die Geräusche kommen. Bis man die Darsteller bemerkt, die mit Holzstöcken auf die Bühnenkonstruktion schlagen und damit einen Effekt erzeugen, der klingt wie Donner.

Wirklich neu ist auch, dass Volker Hesse im Vergleich zu seinen Vorgängern konsequent die Geschichte des unterdrückten Volkes ins Zentrum stellt - während die Heldengeschichte um Wilhelm Tell eher in den Hintergrund rückt. Er zeigt nicht die Geschichte eines Volkes, das durch einen Helden befreit wurde - sondern lässt die Zuschauer die beklemmende Verzweiflung einer Terrorherrschaft spüren, aber auch die Gefahr überschäumender Wut und Rachegefühle.

Er greift dabei auf starke Bilder zurück, die man täglich im Fernsehen sieht. Menschen, die summend in einer Reihe über die Bühne schreiten und unmittelbar an die Demonstrationen der Mönche in Burma erinnern - oder, eines der stärksten Bilder überhaupt, ein verzweifelter Vater, der sein totes Kind über die Bühne trägt - eine Racheaktion der Häscher des Vogts. Das Mädchen spielt übrigens so überzeugend, dass einem am Anfang wirklich der Atem stockte, weil es aussah, als wäre es eine Kinderleiche oder eine sehr überzeugende Puppe. Es taucht später aber quicklebendig wieder in anderen Rollen auf.

Andere Bilder, die sehr nahegehen, erinnern an Palästina, an den Irak, Afghanistan oder an Tibet - Länder, die heute unter Terror oder Unterdrückung leiden. Trotzdem - und das ist ein weiteres grosses Plus der Inszenierung - spielt die Geschichte unverkennbar in den Bergen der Innerschweiz. Der Choreograph Graham Smith hat es geschafft, die raue Berglernatur aus den Darstellern herauszukitzeln. Die Innerschweizer sind typischerweise langsam in ihrer Wut und erscheinen genügsam - aber wehe, man reizt sie! Dann werden sie schnell zur Naturgewalt. Und dies gilt insbesondere für die Frauen, die in dieser Inszenierung wirklich die treibende Kraft hinter allen Taten sind oder gleich selbst Hand anlegen, Gessler's Häscher provozieren, lächerlich machen oder sogar zum Schwert greifen.

Im Gegensatz zur starken ersten Hälfte, mit dem Rütli-Schwur als grosses Highlight, scheint die zweite Hälfte weniger klar und weniger intensiv. Das bedeutet keineswegs, dass die zweite Hälfte nicht gut war - die erste Hälfte war einfach noch stärker und ging vor allem noch näher. Es ist letztlich aber auch einfacher, klare Verhältnisse von Tyrannen und Unterdrückten darzustellen, als die zwiespältige Situation nach einem Sieg über einen Tyrannen, in der niemand weiss, in welche Richtung sie sich weiterentwickelt. Die Freiheit gewonnen zu haben ist letztlich nur der Anfang - ob sich der Kampf tatsächlich gelohnt hat und sich daraus etwas Gutes entwickelt, weiss man erst danach.

Und das alles ist in Schillers Worten drin - wenn man sie heute liest.

Deshalb: ansehen, wenn man in der Nähe ist! Es wird noch bis Mitte Oktober jeweils Mittwochs, Freitags, Samstags und Sonntags gespielt. Die meisten Vorführungen sind allerdings bereits ausverkauft.
5.10.08 19:50


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The Dark Knight

Vor zwei Wochen bin ich endlich dazu gekommen, The Dark Knight im Kino zu gucken, nachdem ich so viel darüber gehört hatte. Ich habe die Geschichte um diesen Film verfolgt, seit ich von Heath Ledger's tragischem Tod letzten Januar gehört hatte. Es war damals das erste Mal, dass ich eine internationale Nachricht erfahren hatte, bevor sie von den deutschsprachigen Presseagenturen vermeldet wurde. Ich unterhielt mich damals mit Freundinnen im ICQ, die wiederum amerikanische Newssites lasen.

Gerade weil diese Neuigkeit so schnell bei mir angekommen war, war sie mir damals ziemlich eingefahren. Ausserdem hatte ich Ledgers Karriere seit Brokeback Mountain verfolgt, da ich dort schon der Meinung gewesen war, er hätte für seine Leistung einen Oscar bekommen sollen. Leider dachte man damals wohl noch, man würde ihn zu einem späteren Zeitpunkt berücksichtigen können.

Obwohl der Joker im Vorfeld sehr viel Lob erhalten hat, war ich skeptisch, ob mir der Film gefallen würde. Actionfilme sind normalerweise nicht mein Genre und für die alten Batman-Verfilmungen habe ich mich auch nie wirklich erwärmen können. Von den Comic-Verfilmungen fand ich bisher eigentlich nur den ersten Spiderman nicht schlecht.

Bis zur Pause liess mich The Dark Knight dann tatsächlich ziemlich kalt. Es schien vor allem darum zu gehen, zu zeigen, welche tollen Gadgets Batman sich neu geleistet hat. Auch den Joker konnte man da noch nicht wirklich festmachen. Ich fing schon an, mich zu fragen, warum der Film überall so gut ankommt...

Aber dann ging es endlich richtig los und der Joker fing richtig an, Chaos anzurichten. Von da an wurde der Film wirklich gut. Ich war überrascht, dass eine Comicverfilmung es tatsächlich wagte, wichtige ethische Fragen zu stellen oder wenigstens die Dilemmas aufzuzeigen, in denen sich ethische Entscheidungen oft bewegen.

Das macht den Film extrem aktuell und auch extrem politisch, selbst wenn es einem vielleicht nicht auf den ersten Blick auffällt. Bei mir tritt hier natürlich sofort meine Fachidiotie zu Tage. Für Politologen gibt es meiner Meinung nach kaum spannendere Fragen. Der Joker konfrontiert die Einwohner von Gotham City mit jenen Fragen, die sich die Welt angesichts des Terrorismus in der Realität auch stellt. Es ist wohltuend, dass Batman darauf nicht wirklich abschliessende Antworten liefert - ausser, dass jede Stadt den Helden bekommt, den sie verdient. (Das gleiche könnte man auch über den Bösewicht sagen.)

Darf man einen einzigen Menschen umbringen, um dafür ein ganzes Krankenhaus zu retten? Oder noch aktueller: Darf man alle Handys einer Stadt überwachen, nur um einen einzigen irren Terroristen zu finden?

Am eindrücklichsten war natürlich das Prisoner's Dilemma-Game dargestellt - anhand von zwei Gruppen von Menschen in zwei Fähren, eine mit "normalen Bürgern" und eine mit Verbrechern, von denen jede Gruppe die Möglichkeit hatte, den eigenen Arsch zu retten, indem man die andere in die Luft sprengt. Natürlich konnte Batman sie im letzten Moment retten und das Ergebnis war letztlich das für alle beteiligten Optimale - dennoch war insbesondere die Entscheidung auf der Fähre der "normalen Bürger" hochspannend.

Natürlich gab es eine Abstimmung und natürlich stimmte die Mehrheit dafür, die Verbrecher in die Luft zu sprengen - aber ist man auch bereit, den Knopf zu drücken und damit den Mord zu begehen?

Der Film stimmt jedenfalls nachdenklich und zeigt, dass Menschen nicht immer nur rational entscheiden und dass ethische Entscheidungen manchmal keine schmerzlose Lösung zulassen. (Wie etwa, wenn das Krankenhaus tatsächlich in die Luft fliegt).

Etwas in den Hintergrund tritt neben der Joker-Story die Geschichte um Two-Face, der auf die ethische Frage letztlich eine scheinbar unparteiische und ebenso zynische Lösung gefunden hat: der Zufall. Damit verliert aber aber auch seine Funktion als Hoffnungsträger und "White Knight" von Gotham City.

Ebenfalls etwas unter geht die Entscheidung, die Batman selbst trifft, die Handys aller Einwohner zu überwachen, nur, um den Joker ausfindig zu machen. Die Frage wurde sehr gut gelöst, sie als eine Notlösung für eine Notsituation zu sehen, die Ausführung einer vertrauenswürdigen Person anzuvertrauen und die Einrichtung nachher sofort zu zerstören, die Notsituation also nicht zu missbrauchen. Die Figur von Morgan Freeman (ich weiss ihren Namen nicht einmal), ist für mich damit auch so etwas wie ein Held, dass er der Versuchung der Macht nicht verfällt.

Auch die Figur des Batman gewinnt letztlich in der Konfrontation mit dem Joker und den Selbstzweifeln, die ihn daraufhin heimsuchen, enorm an Tiefe, ohne, dass dafür der Holzhammer verwendet werden müsste.

Natürlich bleibt es letztlich doch eine Comic-Verfilmung und ein Action-Film. Es gibt Filme und Bücher, die sich intensiver mit solchen Fragen befassen - aber am Ende ist es in meinen Augen immer noch die grösste Kunst, ernsthafte Inhalte und Unterhaltung zu kombinieren, ohne den Zeigefinger zu schwingen oder den Unterhaltungseffekt zu zerstören. Ich glaube nämlich, dass man damit mehr Leute zum Nachdenken bringen kann, als mit einer oberlehrerhaften oder schwulstigen Produktion.

Aus dieser Warte ist The Dark Knight tatsächlich ein Meisterwerk.
30.9.08 23:20


Milena Moser - Sofa, Yoga, Mord und Markus Zusak - The Book Thief

Wieder zurück aus dem Urlaub und bevor ein Reisebericht kommt (dafür brauche ich etwas länger), hier schon mal die Rezensionen der beiden Bücher, die ich unterwegs gelesen habe.

Milena Moser - Sofa, Yoga, Mord
Auf der Suche nach Urlaubslektüre habe ich das Buch auf dem Wühltisch im Kaufhaus gefunden. Meine Schwester, die dabei war, hat es mir empfohlen. Sie liest es auch gerade, allerdings auf Französisch.

Als Urlaubslektüre eignet es sich denn auch hervorragen. Milena Moser hat einen herrlichen Plauderstil, in dem sie ihre Geschichten erzählt. Man lernt die Hauptfiguren mit all ihren Macken kennen, dennoch sind sie liebenswert - gerade, weil sie so verschroben sind.

Bei Sofa, Yoga, Mord geht es um eine Schweizerin, Lily, in San Francisco, die vor ihrer Mutter dorthin geflüchtet ist, da diese sie zur Superheldin erziehen wollte und damit nach Ansicht der Tochter kläglich gescheitert ist. In den Sommerferien ist ihr Stiefsohn, das einzige Familienmitglied, mit dem sie noch Kontakt hat, abwesend und sie versinkt im Selbstmitleid. Der einzige Fixpunkt in ihrem Leben sind die Power-Yogastunden, zu denen sie vom benachbarten Yogastudio sozusagen verdonnert wurde.

Aber das ist erst der Anfang, denn bald steht ihr Vater vor der Tür, von dem sie enttäuscht war, nachdem sie in der Pubertät erfuhr, dass der Liebhaber ihrer alleinerziehenden Mutter kein Rock- oder Filmstar war, sondern der biedere Dorfarzt. Und im Yogastudio gibt es eine Tote... tragischer Unfall oder Mord?

Eine Reihe absurder Verwicklungen zwingen die gescheiterte Superheldin dazu, aus ihrem Kokon auszubrechen.

Das Buch liest sich süffig und unterhaltsam. Man kann über die Absurditäten schmunzeln und erkennt amerikanische und schweizerische Befindlichkeiten nur allzu treffend wieder. Bei einigen Passagen fragt man sich, wieviel eigene Erfahrung von Milena Moser eingeflossen sind, die ja auch längere Zeit als Schweizerin in San Francisco gelebt hat. Insbesondere, wenn sie schildert, wie Lily nach dem 11. September von den Amerikanern abgekanzelt wurde.

Trotz aller Unterhaltung war ich am Ende des Buches etwas ratlos. Es schien, als hätte sie einfach keine Lust mehr gehabt und wollte den Fall schnell auflösen. Zuerst stockt die Suche nach den Ursachen für die Toten Seitenlang - und am Ende kommt die (sehr offensichtliche) Lösung dann plötzlich sehr abrupt.

Die Tatsache, dass verschiedene Figuren im Buch ganz selbstverständlich mit Toten sprechen, diese bisweilen sogar Autofahren oder von anderen Figuren gesehen werden, verwirrte mich ein wenig. Nicht so sehr, dass sie es taten, sondern vielmehr, dass es von allen Beteiligten als eine Selbstverständlichkeit angesehen wurde, dass diese und jene Verstorbene gerade im Raum stand und eine andere regelmässig zu den AA-Treffen ging. Irgendwie schienen die alle einen kleineren oder grösseren Knall zu haben. Dieser allerdings wird bei den Yoga-Anhängern wieder geradezu liebevoll aufs Korn genommen.

Das einzige, was mich aber wirklich gestört hatte, war die Art, wie Milena Moser die fiktiven Zeitungsberichte formuliert hat. Man merkt, dass sie offensichtlich nicht oft journalistische Texte geschrieben hat - sie verharrt auch in diesen Berichten in ihrem gewohnten Plauderstil. Auf diese Art würde nicht einmal ein Yoga-Journal, das über einen Skandal schreiben will, seine Artikel präsentieren. Wahrscheinlich reagiere ich darauf besonders sensibel, weil ich selbst als Hobbyjournalistin bin. Ich masse mir nicht an, das Handwerk wirklich zu kennen, aber die Grundzüge sind mir bekannt - und ich fand es schade, dass sie diese komplett missachtet hatte.

Alles in allem aber trotzdem ein Buch, das zum Abschalten und Entspannen durchaus geeignet ist.

Markus Zusak - The Book Thief

Dieses Buch war ein Zufallskauf - das schöne Coverbild, pergamentfarben, mit dem Tod, der mit einem Mädchen tanzt, hat mich fasziniert, ebenso wie die Tatsache, dass der Tod als Erzähler der Geschichte fungieren sollte.

Obwohl ich es mit diesen Erwartungen gekauft hatte, war ich etwas skeptisch, ob es mir gefallen würde - war doch vom Klappentext aus erkennbar, dass es in der Nazizeit spielen sollte. Abgesehen davon, dass ich mit Kriegsliteratur ein grosses Problem habe, weil sie mir schnell zu Nahe geht, geht mir in letzter Zeit die Zweite-Weltkriegs-Fixiertheit breiter Teile der Kultur und Politik langsam auf den Geist.

So abscheulich die Zeit war, so unverständlich und unglaublich der ganze Wahnsinn war - die Fixiertheit darauf verkennt, dass es andere Probleme auf der Welt gibt, andere Diktatoren, die sich ebenso mit Blut bekleckert haben, wenn auch weniger industrialisiert und durchorganisiert. Mich nervt, dass die Symbole aus dieser Zeit immer mehr zu einem Märcheninventar werden, aus dem man schöpfen kann um Gut und Böse zweifelsfrei festzulegen.

In dieser Hinsicht ist "the book thief" zumindest ein wenig anders - die Sympathieträger sind nämlich alles Deutsche, die versuchen, unter diesem Regime irgendwie zu überleben. Solchen, die sogar einen Juden bei sich verstecken und heimlich davon träumen, den Führer zu stürzen.

Das Buch ist sehr poetisch geschrieben und versprüht eine eigenartige Wärme mitten in diesem Wahnsinn - eine Geschichte des Erwachsenwerdens, einer Kindheit im Schatten des grossen Führers und seiner Macht aus Worten. Ich kann durchaus verstehen, dass man das Buch deswegen lieben kann - mir hat dieser Teil auch gefallen.

Dennoch hinterliess es einen schalen Nachgeschmack. Ich kann es immer noch nicht richtig festmachen, woran es lag. Irgendwie war die Geschichte fast zu märchenhaft, die Menschen aus der Nachbarschaft zu "gut" und trotz ihrer derben Fassade zu "gut" - fast, als könnte man die Welt ganz leicht in "gute" und in "böse" Menschen aufteilen und als wären diese von jenen auch noch auf einen Blick zu unterscheiden. Die Figuren blieben irgendwie schemenhaft, ihre Motivationen wurden nicht wirklich klar. Es ging oft mehr darum, eine Atmosphäre zu schaffen, als wirklich eine Geschichte zu erzählen.

Man sollte das Buch deshalb auch so lesen - als atmosphärisches Märchen über ein Mädchen, das langsam erwachsen wird - in einer von Fallen und Feinden durchsetzen Welt, in der sie aber auf helfende und schützende Kräfte setzen kann und in der jene Menschen, die am meisten verteufelt werden, in Wahrheit die gutherzigsten waren. Nur schade, dass dafür wieder einmal die Nazizeit herhalten musste. Ich fürchte manchmal, dass, je weiter diese Zeit zurückliegt, je verschwommener die Geschichte wird, desto leichter vergessen die Menschen, dass diese Schrecklichkeit unvorstellbar und unerbittlich real war - und man die "Monster" nicht, wie die Märchenwelt glauben lässt, schon auf einen Kilometer Gegenwind riechen konnte.
10.8.08 00:13


Mamma Mia, here I go again...

Als ich zum ersten Mal in Kino war, war ich schon 14 Jahre alt. Natürlich hatte ich schon früher ab und zu Werbung für Filme gesehen, die ich gerne gesehen hätte - aber meine Eltern hatten uns immer damit vertröstet, dass der Film ja sowieso in zwei, drei Jahren im Fernsehen kommen würde. Mit der gleichen Ausrede wurden wir auch davon abgehalten, bespielte Videos zu kaufen.

Vielleicht bin ich deshalb jetzt so oft im Kino - Überkompensation. Und ich bin auch der Meinung, dass das Argument meiner Eltern eigentlich keines ist; es gibt Filme, die muss man im Kino sehen.

Einer davon ist Mamma Mia, um den es hier eigentlich in erster Linie gehen soll.

Mamma Mia ist die Verfilmung des erfolgreichen gleichnamigen Musicals, aber eigentlich ist es eine Hommage an Abba-Songs und eine Liebeserklärung an Griechenland. Und eine Möglichkeit, einfach alle Sorgen mal für eine Zeit zu vergessen.

Ich bin vor einenhalb Wochen abgekämpft und gestresst ins Kino gegangen - ich hatte eine strenge Arbeitswoche, zwei Abende und einen Vormittag intensive Korrekturarbeiten an der Masterarbeit meines Bruders hinter- und einen weiteren anstrengenden Korrekturabend vor mir. Als ich die erste Szene des Films sah, fragte ich mich, ob ich hier wirklich richtig sei. Kitschige Bilder, theatralische Gesten und alles irgendwie peinlich, dachte ich... aber dann ging es richtig los, ich lachte und kicherte, als wäre ich ein Teenie und hatte bald vergessen, dass ich es am Anfang peinlich fand.

Worum es in der Geschichte geht, ist da eigentlich gar nicht so wichtig. Aus diesem Grund sollte man sich den Film - immer vorausgesetzt, man mag ABBA-Songs - auch im Kino gönnen. Die kommen mit der vollen Dolby-Surround-Dröhnung einfach besser rüber als auf einem kleinen Fernseher mit Mono-Ton. Nicht zu vergessen die riesigen Postkartenaufnahmen einer griechischen Insel, mit azurblauem Meer, Olivenhainen und weissen Häuschen in die Hänge gebaut.

Ja, eigentlich ist Mamma Mia Kitsch in Reinkultur - aber auch Kitsch, der mit wohltuend viel Selbstironie serviert wird. Niemand nimmt den Plot wirklich ernst - er ist mit kleinen Seitenhieben und Pointen durchsetzt und irgendwie haben die Schauspielerinnen auch bei den scheinbar tragischsten Szenen noch ein verschmitztes Lächeln im Gesicht. Kurz: Wäre der leichte Sommerfilm noch nicht erfunden worden, wäre er es spätestens jetzt.

Vielleicht hat mich Mamma Mia auch einfach deshalb so begeistert, weil ABBA zum Inventar meiner Kindheit gehört. Obwohl ich erst Anfang der 80er Jahre zur Welt kam, also als es die Gruppe schon nicht mehr gab, habe ich deren Musik quasi mit der Muttermilch aufgesogen.

Als ich nämlich meinen ersten eigenen Kassettenrekorder erhalten hatte - einen stabilen Fisher Price, den es damals in praktisch jedem Haushalt mit Kindern gab, hat meine Mutter alle unsere Hörspielkassetten, Chasperli-Platten und Märchen für uns auf eigene leere Kassetten überspielt; nur, um sicherzugehen, dass das Hörspiel nicht futsch war, wenn wir aus versehen den falschen Knopf drückten, wie es tatsächlich öfters geschehen war. Die leeren Kassetten waren aber meistens länger als eine Seite des Hörspiels, deswegen hatte es am Ende immer eine Lücke, die meine Mutter dann mit Musik gefüllt hatte. Unter anderem mit ABBA. (Sonst vor allem Boney M, Country-Musik und Schweizer Volksmusik) Sobald ich ABBA höre, denke ich nun an gemütliche verregnete Nachmittage, an denen ich in meinem Zimmer neben dem Radio lag und meine Märchenkassetten hörte oder an sorglose Abende vor dem Einschlafen.

Im Übrigen hat man bei der Mamma-Mia-Verfilmung spätestens dann seine ganze Skepsis abgelegt, wenn das ganze griechische Dorf bei Dancing Queen seine Arbeit liegenlässt und tanzend durch die Gassen läuft. Es ist irgendwie ansteckend, auch wenn man es gar nicht will und am Ende, wenn man aus dem Kino kommt, ertappt man sich dabei, wie man ABBA-Songs vor sich herpfeift. Deshalb:

Ansehen! Abschalten! Geniessen.
28.7.08 22:38


Fjodor Dostojewskij - Verbrechen und Strafe

Auf manche Bücher kommt man auf unerwarteten Wegen. Ich habe schon längere Zeit bedauert, noch überhaupt keinen der grossen russischen Schriftsteller gelesen zu haben - hatte mir aber auch nie wirklich vorgenommen, ernsthaft etwas dagegen zu unternehmen. Bis wir beim Mittagessen mit einem Arbeitskollegen auf Bücher zu sprechen kamen und ich auf mein neuentdecktes Interesse für Krimis zu sprechen kam (ich hatte gerade die Inspector-Rebus-Serie beendet). Der Arbeitskollege hat mir daraufhin "Verbrechen und Strafe" von Dostojewskij in der neuen Übersetzung von Swetlana Geier schmackhaft gemacht. Er hat von der spannenden Geschichte geschwärmt und davon, dass sie sich in dieser Übersetzung sehr leicht und flüssig lesen würde. Aufgrund dieser Empfehlung habe ich dann beschlossen, das Buch zu kaufen.

Er hatte tatsächlich recht. Das Buch liest sich flüssig und spannend, wenn man einmal über die Startschwierigkeiten hinweggekommen ist. Die Sprache ist äusserst lebendig und bildhaft - und wirkt dadurch auch keineswegs antiquiert. Wie die ersten Übersetzungen (unter dem Titel "Schuld und Sühne") sind, weiss ich natürlich nicht und wie das russische Original ist, natürlich noch weniger. Die einzige Schwierigkeit besteht darin, sich in dieser fremden Welt von Sankt Petersburg in der Mitte des 19. Jahrhunderts zurechtzufinden und den Überblick über all die ähnlich klingenden russischen Namen zu behalten. Es dauerte eine Weile, bis ich wusste, wer nun wer ist - und etwas über die Hälfte des Buches, bis ich feststellte, dass im Anhang eine Liste der Figuren ist, in der man über "dramatis personae" Auskunft erhält.

Worum geht's also in "Verbrechen und Strafe"?

Im Grunde ist es die Geschichte eines Mörders, seiner Tat, die vielleicht in der damaligen Zeit ein fast perfekter Mord gewesen wäre und seinem Leben danach. Es ist aber auch die Geschichte eines jungen, armen und aufstrebenden Studenten, der sich zu höherem bestimmt fühlt und sich von widrigen Umständen behindert fühlt. Es ist ausserdem eine Abrechnung, oder vielleicht auch eine knallharte Prüfung von kühl berechnenden rationalen Ideen und Handlungen, eine Krankheitsgeschichte und schliesslich eine Art Liebesgeschichte.

Als wir dem Student Raskolnikow in der Geschichte zum ersten Mal begegnet, führt er ein abgeschottetes Leben. Er fühlt sich unter Menschen seltsam unwohl, vergräbt sich tagelang in der Dunkelheit seiner winzigen Kammer und brütet vor sich hin - er brütet eine Idee aus, fühlt sich von ihr verfolgt, fühlt sich von ihr gedrängt und gezwungen, sie auszuführen. Erst nach und nach wird klar, dass es sich dabei um den Mord an einer alten Pfandleiherin handelt. Und sehr bald führt er diese Tat auch minutiös geplant und doch getrieben aus, tötet auch noch ihre Schwester, als diese unerwartet dazukommt, beraubt sie und kommt davon.

Aber statt das Geld an sich zu nehmen und die Pläne, die er damit gehabt hätte, in Tat umzusetzen, irrt er herum, fällt auf dem Polizeibüro, auf das er durch einen Zufall am nächsten Tag gerufen wird, in Ohnmacht, als man von seiner Tat spricht und vergräbt bald darauf, schon beinahe im Delirium, seine Beute. Er wird krank, fiebert vor sich hin und wacht erst ein paar Tage später wieder auf. Freunde kümmern sich um ihn.

Erst viel später erfährt man die Hintergründe dieser fixen Idee, die Alte zu töten und wie er sie rechtfertigt - durch einen Artikel, den er in einem Wissenschaftsjournal publiziert hat. Der ermittelnde Staatsanwalt Porfirij Petrowitsch ist ihm auf den Fersen, auch wenn er keine abschliessenden Fakten hat, die ihn als Mörder überführen.

Diese späte Enthüllung seiner Absichten wirkt deshalb so verwirrend, weil sie im Klappentext und in Kurzzusammenfassungen immer wieder genannt wird, die Tat jedoch bis zu diesem Punkt in der Geschichte irgendwie ziellos und unbegründet wirkt.

Porfirji Petrowitsch konfrontiert Raskolnikow wiederholt indirekt mit der Tat, ohne ihn aber wirklich offen zu beschuldigen; er ist der Ansicht, dass eine Person wie Raskolnikow früher oder später die Last, mit der Tat frei herumzulaufen, nicht mehr ertragen wird und sich stellen wird. Durch die Tat hat er nämlich den Lebenswillen und sein Ziel aus den Augen verloren.

Denn die grosse Frage ist schliesslich, ob Verbrechen und Strafe nicht zusammengehören - und ob es für einen Verbrecher überhaupt eine Möglichkeit gibt, mit seiner Tat weiterzuleben, wenn er ohne Strafe davonkommt; sei die Strafe nun durch ein Gericht oder durch den Täter selbst verordnet.

Genau diese vielen, oft fundamentalen Fragen nach gut und böse, nach Recht und Unrecht, machen das Buch auch spannend - kann ein Mörder, der ein vermeintlich perfektes Verbrechen begangen hat, unbehelligt weiterleben? Gibt es Menschenleben, die mehr wert sind als andere? Warum dürfen grosse Kriegsherren wie Napoleon Zehntausende umbringen und werden dafür in den Pantheon gehoben, während andere für den Mord an einer nutzlosen alten Wucherin verfolgt werden?

Nicht alle Fragen finden klare Antworten.

Besonders spannend, weil sie eine für mich fundamentale Wahrheit wiedergibt, ist die Tatsache, dass eine solche Tat nicht nur das Leben der unmittelbar beteiligten beeinflusst, sondern unberechenbar weite Kreise zieht, bis in Bereiche, in denen man sie gar nicht erwartet. Raskolnikow rechtfertigt seine Tat fast bis zum Schluss damit, er habe doch bloss eine "Laus" getötet, ein überflüssiger, fieser und gemeiner Mensch und aus vermeintlich edlen Motiven. Abgesehen davon, dass diese Begründung anmassend, zynisch und unmenschlich ist, hat er nicht "bloss" eine Laus getötet - er hat gleichzeitig ihre Schwester mitgetötet, er hat sich selbst und seine Freunde ins Unglück gestürzt und hätte, dadurch, dass er mit dieser Tatsache erpressbar wurde, wurde seine Schwester beinahe vergewaltigt und seine Mutter stirbt schliesslich an Kummer; nebenbei mischt er sich auch noch ins Leben einer anderen Familie ein und hätte beinahe auch noch das Leben eines anderen zu verantworten, der sich aus religiösem Fanatismus heraus zu dieser Tat bekennt, obwohl er unschuldig ist. Keine einzige Handlung, wir wir tun, ist isoliert, alles hängt zusammen, alles ist vernetzt.

Schliesslich ist es aus heutiger Sicht interessant zu sehen, welche spektakulären Fortschritte in der Zwischenzeit in diversen Wissenschaften erzielt wurden. Von Krankheitserregern beispielsweise hatte man damals gerade erst die ersten Vermutungen gehört und die Forensik und die Psychologie waren noch in den Kinderschuhen. Das, was bei Dostojewskij noch als ein unbeweisbarer, also fast perfekten Mord durchgeht, würde mit heutigen Methoden eine ganze Reihe klarer Hinweise liefern - nur schon angesichts der vielen Fingerabdrücke, die er am Tatort hinterliess, als der die Frau ausraubte - von DNA-Spuren und den Blutspuren überall ganz zu schweigen.

Und als Frau bin ich riesig froh, dass ich nicht unter diesen furchbaren Bedingungen damals leben musste, in denen Frauen so gut wie keine Möglichkeiten offen standen.

Ganz zum Schluss noch bin ich völlig begeistert vom letzten Satz: "Das könnte das Thema der neuen Geschichte werden - aber unsere jetzige Geschichte ist zu Ende." Fast wie eines dieser tollen osteuropäischen Märchen...
21.7.08 23:39


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