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Politik

Ein bisschen Kopfschütteln über die Wirtschaftskrise

Dieser Text wurde ursprünglich in meinem LJ publiziert.

Von Wirtschaft habe ich noch nie viel verstanden, weshalb ich mir eigentlich nicht anmassen sollte, irgendwas über die Finanzkrise zu sagen. Nachdem ich mich nun aber ein bisschen informiert habe und erst noch erfahren habe, dass selbst gestandene Ökonominnen in meinem Umfeld nicht mehr wissen, was sie dazu sagen sollen, wage ich es trotzdem.

Meine Wirtschaftskenntnisse beschränken sich auf ein halbes Jahr Unterricht bei einem besoffenen Mathematiklehrer, der uns am Mittwochnachmittag Bilanzenschreiben lehrte - sowie zwei Volkswirtschaftsvorlesungen an der Uni und das, was man halt sonst so liest. Während Volkswirtschaft I eine wirklich gute Grundlagenvorlesung war, mit dem Standardbuch von Mankiw als gute Begleitung, war Volkswirtschaft II eine Katastrophe: Sie fand in der ungeliebten Aula statt, bei einer extrem neoliberalen Professorin, die jeweils mit ihrem Pelzmantel hineinstolziert kam und mit einem schrecklichen Kichern erklärte, warum der Markt "alles regelt", *hihi*. (Wer jemals die Verfilmung von Harry Potter V, mit der unsäglichen Professor Umbridge gesehen hat, der kann es sich in etwa vorstellen. Unsere Professorin trug auch noch mit Vorliebe lila oder rosa.)

Die Frau ist mir irgendwann so sehr auf die Nerven gegangen, dass ich die Vorlesung nicht mehr besucht habe, sondern mit ihren Skripts gelernt habe und innig hoffte, die Prüfung gerade so zu bestehen. Was ich dann auch tat, zum Glück. Einige Mitstudentinnen und -studenten haben sich dieses Fach mit einer ungenügenden Note anrechnen lassen - was man für eine kleine Anzahl Punkte machen konnte - nur, damit sie die Prüfung nicht noch einmal schreiben mussten.

Was ich über das Bankenwesen gelernt habe, ist in etwa folgendes:
  • Banken haben zwei Arten von Kunden: Sparer und Kreditnehmer. Die Sparer vertrauen der Bank ihr Geld an und erhalten dafür einen Zins ausbezahlt. Dieses Geld verleihen die Banken wiederum den Kreditnehmern, die ihr dafür einen - natürlich höheren - Zins bezahlen müssen. Das ist sozusagen das Kerngeschäft, mit dem einst alles angefangen hat.
  • Daneben kann man der Bank sein Geld auch anvertrauen, damit sie für einen Investitionen tätigen - das ist sozusagen die dritte Art von Kunden. Einfach gesagt: Statt, dass man einen festen Zins für sein Erspartes bekommt, gibt man das Geld direkt den Firmen, indem man Aktien oder Obligationen kauft. (Oder Rohstoffe, Edelmetall oder was es sonst noch auf dem Markt gibt, kauft). Damit erwirbt man einen Anteil an einer Firma - und wenn es gut läuft, erhält man eine Dividende ausbezahlt, man kann an der Generalversammlung der Firma mitbestimmen (sofern man genug Aktien besitzt, um wirklich ein Gewicht zu haben), aber wenn die besagte Firma bankrott geht, hat man sein Geld verloren.
  • Die Aktien werden auf einem Markt gehandelt - wobei der Preis einer Aktie steigt, wenn die Prognosen einer Firma gut sind und entsprechend viele Leute diese Aktie kaufen möchten und sinkt, wenn die Prognosen schlecht sind. Die Anleger können ihr Geld also noch einmal vermehren, wenn sie die Aktien im richtigen Moment kaufen und verkaufen.
  • Daneben gibt es zahlreiche andere Finanzprodukte, die ich gar nicht erst zu durchschauen versucht habe.
Soweit ist mir das alles logisch, mehr habe ich davon nie verstanden. Ich freue mich aber, wenn mir jemand mehr beibringen kann (oder mich aufklärt, was ich alles nicht oder falsch verstanden habe).

So, wie ich die Finanzkrise nun verstanden habe, hat das ganze Drama damit angefangen, dass jemand auf die glorreiche Idee gekommen ist, man könnte auch die Schulden der Kreditnehmer, in erster Linie amerikanische Hausbesitzer, auf einem Markt verkaufen. Natürlich nicht jede Schuld einzeln - sondern indem man sie in kleine Stücke zerlegt und mit anderen Schulden zu Päckchen schnürt. Dadurch sollte das Risiko, dass eine Hypothek platzt, der Kreditnehmer also seine Schulden nicht zurückzahlen kann, auf viele Schultern verteilt und zum Verschwinden gebracht werden. Dadurch, dass in jedem Päckchen unterschiedliche Schulden zusammengeschnürt wurden, sollte verhindert werden, dass es ein Verlustgeschäft gibt - denn einerseits sollten sich die einzelnen Teile im Paket gegenseitig aufheben (einer, der nicht zahlen kann, wird ausgeglichen durch einen anderen, der mehr zahlt oder sein Haus zu einem höheren Preis verkauft, alles mit den neusten statistischen Berechnungen austariert), andererseits ging man von steigenden Häuserpreisen auf dem boomenden Immobilienmarkt aus; wenn also einer nicht mehr zahlen konnte, bekam die Bank das Haus, das sie gewinnbringend an den meistbietenden Zwangsversteigern konnte. Es hätte eigentlich gar nichts schiefgehen sollen.

Ein wahres Perpetuum Mobile! Eine Art Stein der Weisen, der zwar nicht aus unedlem Metall Gold machen, aber wenigstens Wert aus dem Nichts schaffen konnte. Denn diese komplizierten Schuldenpakete, bei denen niemand mehr wusste, was eigentlich drin waren, wurden zu immer höheren Preisen auf dem Markt gehandelt - alle wollten welche davon haben.

Das ganze System wurde anscheinend auch noch von den Notenbanken gefördert, indem die Zinsen immer weiter gesenkt wurden, dass Sparen immer unattraktiver wurde, der Konsum auf Pump hingegen attraktiver. Nichts war auf dem Markt günstiger zu bekommen als neues Geld, das man zu günstigen Konditionen an Kreditnehmer weitergeben konnte - um dann die Schulden sogleich gewinnbringend weiterzuverkaufen. Jeder, egal, ob er Vermögen hatte oder nicht, sollte sich ein Haus kaufen können.

Bloss hat niemand damit gerechnet, dass der Immobilienmarkt einmal weniger boomen könnte - und dass die Schuldner ihre Häuser ohne jegliches Vermögen gebaut hatten, die Hypotheken wahllos erhöhen konnten und das Geld nicht nur für Immobilien, sondern auch für Konsumgüter und Ferienreisen ausgegeben haben. Während die einen also Geld ausgegeben haben, das sie gar nicht hatten, haben andere diese Schulden noch untereinander verkauft - solange, bis der Immobilienmarkt übersättigt war, die Häuserpreise ins Bodenlose fielen und immer weniger Schuldner den Forderungen der Gläubiger nachkommen konnten. Plötzlich nützte aller Ausgleich in den Paketen nichts mehr - denn anscheinend hatte niemand damit gerechnet, dass die Spirale, die die Preise in die Höhe getrieben hat, ebenso leicht die Richtung wechseln und nach unten gehen konnte. Nun war dieses ausgeklügelte Systen der Risikoverteilung plötzlich kein Schutz mehr, wie man es nach der ausgeklügelten Wahrscheinlichkeitsrechnung erwartet hätte, sondern sorgte dafür, dass niemand mehr wusste, was er nun eigentlich genau gekauft hatte und ob er überhaupt noch etwas vom investierten Geld zurückbekommen würde.

Im Nachhinein reiben sich alle die Augen, wie man überhaupt glauben konnte, dass dieses System ewig funktionieren würde. Aber Tatsache ist, dass einige Leute sehr viel Geld damit verdient haben, bevor alles bergab ging.

In meinen Augen wird dabei in der Öffentlichkeit noch viel zu wenig wahrgenommen, dass hinter jeder einzelnen der geplatzten Hypotheken auch ein persönliches Schicksal eines Menschen oder einer Familie steckt. Klar, man kann sich auch an den Kopf greifen, wenn man hört, dass viele Amerikaner ohne jegliche finanzielle Rücklagen (auch solche mit guten Jobs, Sparen war ja etwas für Loser) riesige Hypotheken aufnahmen. Gerade in einem Land, in dem es traditionell relativ wenig soziale Absicherung gibt und in dem man leicht an den Rand des finanziellen Ruins gerät, wenn man einmal arbeitslos wird oder eine teure medizinische Behandlung braucht, ist ein solches Verhalten doch sehr riskant.

Die einzelnen Menschen dafür verantwortlich zu machen, erscheint mir aber trotzdem zu einfach; dieses Verhalten wurde schliesslich von allen Seiten gefördert. Banken haben den Leuten die Hypotheken richtiggehend nachgeworfen und wer nicht konsumierte und damit die Wirtschaft am Laufen hielt, musste sich dafür sogar rechtfertigen.

Ich verstehe persönlich nicht, warum heute Sparer so verpönt sind. Wie ich oben in meinen "einfachen Grundlagen" geschrieben habe, braucht es doch auch Menschen, die ihr Geld auf die Bank bringen, damit diese Kredite vergeben können. Ein Volk von Investoren, besonders, wenn es sich diese eigenlich nicht leisten können, steht auf wackeligen Beinen, wie wir jetzt gesehen haben.

Aus makroökonomischer Sicht ist mir klar, dass jetzt, am Anfang einer Rezession, sparen das schlechteste ist, was man tun kann - denn die Aufträge, die den Produzenten dann fehlen, führen nur zu einer stärkeren Negativspirale (das kann man wunderbar bei der Autoindustrie beobachten). Aber - und das ist ein weiterer Punkt, der mir in der ganzen Diskussion bisher gefehlt hat - wie kann man jetzt konsumieren und wie verlangt Investitionen tätigen, wenn man nicht in guten Zeiten gespart hat? Wenn all die Leute, die in der letzten Hochkonjunktur ein Auto gekauft haben, dies nicht getan hätten, sondern das Geld gespart hätten und es jetzt ausgeben würden, wäre die Hochkonjunktur weniger überhitzt gewesen - dafür auch die folgende Rezession weniger krass. In der Theorie zumindest... (eigentlich müssten übrigens auch die neoliberalen Prediger hier eifrig zustimmen - denn nur, wenn sie die Privaten tatsächlich so weitsichtig verhalten würden, könnte man verhindern, dass der Staat eingreifen muss)

Heutzutage heisst es auch in guten Zeiten immerzu "konsumieren, konsumieren, das hält die Wirtschaft auf Trab" - als könnte man damit die seit Jahrtausenden bekannten Konjunkturschwankungen durchbrechen und Rezessionen verhindern. Immerhin gibt es schon in der Bibel eine Geschichte, die von sieben fetten und sieben mageren Jahren berichtet - und die ermahnt, in den fetten Jahren Vorräte anzulegen. Es is also nicht so, als ob die Geschichte irgendwie neu wäre.

Nun muss der Staat wieder ran, für den unsere Professorin nur ein abfälliges "Hihi" übrig gehabt hatte - denn nur der Staat ist jetzt noch in der Lage, genügend Schulden zu machen, um die Konkjunktur zu stabilisieren. Schulden, die auch irgendwann in der Zukunft irgendwie wieder zurückbezahlt werden sollten. In der Theorie zumindest... (Und Keynes, der über Jahrzehnte mit Hohn und Spott bedeckt wurde, ist plötzlich wieder aktuell.)

Einer der tieferliegenden Gründe, warum die Krise so weit gehen konnte, wie sie jetzt ging, liegt denke ich auch im Selbstverständnis der Wirtschaftswissenschaften. In den letzten Jahren hat sich dieses immer mehr vom Verständnis als "Gesellschaftswissenschaft" weg entwickelt. Die neuen statistischen Methoden, dumm gesagt, die vielen Zahlen und Berechnungen, haben es so aussehen lassen, als hätte man es mit einer Naturwissenschaft zu tun, die ganz einfach "Naturgesetze", eben "rationale Marktgesetze" beobachtet - so, als wären die vereinfachenden Modelle, die man dafür benötigt, nicht bloss Modelle, sondern die Realität.

Das "ceteris paribus" - "wobei die übrigen Dinge gleich sind" - wurde ihr in der Krise ein Stück weit zum Verhängnis. Auch wenn sich Gesellschaften aus der Vogelperspektive vielleicht mit solchen Modellen relativ zuverlässig beobachten lassen, bleibt ein Rest Unsicherheit, dessen sich andere Gesellschafts- und Geisteswissenschaften bewusster sind. Die Modelle erweisen sich plötzlich nur noch als mässig zuverlässig, wenn zu viele der übrigen Dinge nicht mehr wie angenommen gleich sind und ausgeschlossen werden können. Ein bisschen mehr Bescheidenheit wäre trotz der spektakulären Erfolge der Ökonometrie und anderer neuer Methoden, wäre angebracht. Menschliche Systeme, auch die Wirtschaft, sind letztlich doch komplizierter und auch ein kleines bisschen irrationaler, als man es sich gerne vorstellt. Und das ist, trotz Krise, auch irgendwie beruhigend. Nichts wäre langweiliger, als die totale Berechenbarkeit aller menschlichen Handlungen.
3.1.09 17:25


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Wir haben etwas zu befürchten, auch wenn wir nichts zu verbergen haben

"Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten." Mit diesem Slogan versucht man uns seit dem 11. September immer neue Überwachungsmassnahmen und Einschränkungen der Grundrechte zu verkaufen. In der Schweiz soll zum Beispiel die Identitätskarte um einen Chip mit biometrischen Daten erweitert werden, sodass dann von allen Schweizerinnen und Schweizern die biometrischen Grunddaten gespeichert wären.

Auf den ersten Blick scheint das Argument ja durchaus vernünftig - es suggeriert uns, dass wir in einem vertrauenswürdigen Staat leben, dem wir unsere Daten anvertrauen können und dass wir dies zu unser aller Sicherheit tun würden. Denn schliesslich haben jene, die brav sind, ja nichts zu befürchten.

Dumm nur, dass die Argumentation an mehreren Stellen furchtbar krankt und sie für alle von uns potentiell hoch gefährlich ist. Hier die Gründe:

1. Die Argumentation gaukelt uns vor, die neuen Erfassungssysteme hätten eine Trefferquote von 100%. Denn sie behauptet ja, die ehrlichen Menschen hätten nichts zu befürchten. Das ist - selbst beim höchsten Kredit, den man diesen Methoden geben kann - schlicht unmöglich. Es gibt nichts, das völlig risikolos ist - es gibt kein Verfahren, das 100% fehlerlos läuft.

Rein formal gibt es bei jedem Test dieser Art vier mögliche Ergebnisse. Hier geht es beispielsweise um die Erkennung von Terroristen. Zwei davon sind unproblematisch:
- True positives - ein Terrorist wird tatsächlich als solcher erkannt (und verhaftet)
- True negatives - einer, der nichts zu verbergen hat, wird als normaler Bürger erkannt (und durchgewunken)

Aber dazu kommen die beiden problematischen Ergebnisse, die man zwar auf ein Minimum reduzieren, aber nie ganz verhindern kann:
- False positives - einer, der nichts zu verbergen hat, wird fälschlicherweise als Terrorist verdächtigt (und verhaftet)
- False negatives - ein Terrorist wird fälschlicherweise für einen unverdächtigen normalen Bürger gehalten

Es liegt in der Natur der Sache, dass sich die Kontrollbehörde in diesem Fall nur für die Quote false negatives interessiert - es gilt, die Chance, dass ein Terrorist durchs Netz fällt, auf ein absolutes Minimum zu reduzieren.

Dummerweise führt das aber automatisch und unvermeidlich dazu, dass die Quote der false positives ansteigt - dass also wegen der strengen Kriterien fälschlicherweise Leute ins Netz gehen, die völlig unverdächtig sind. Das kann man natürlich zynisch als "Kollateralschaden" abstempeln - bedeutet aber, dass definitiv auch jene etwas zu befürchten haben, die nichts zu verbergen haben. Je krasser die Kontrollen, desto mehr wird es treffen.

Nicht mehr gleichgültig wird es einem dann sein, wenn man selbst mit unhaltbaren Vorwürfen konfrontiert wird.

2. Das Prinzip untergräbt das in unserem Rechtssystem absolut zentrale Prinzip der Unschuldsvermutung und setzt an dessen Stelle die allgemeine Schuldvermutung.

Dieser Trend ist in unserer Gesellschaft, nicht zuletzt angeheizt durch Boulevardmedien, schon länger in vielen Bereichen zu erkennen, dass Menschen, die eines Verbrechens beschuldigt werden, implizit als bereits schuldig gelten. Das kann in vielen Fällen dazu führen, dass der reine Verdacht bereits Karrieren oder Leben ruinieren kann - oder dass andere aus Rache, Missgunst oder purer Berechnung jemanden mit voller Absicht falsch verdächtigen, im Wissen, dass "semper aliquid haeret" (etwas bleibt immer hängen).

Nun wird er also noch dadurch verstärkt, dass die allgemeine Unschuldsvermutung des Staates gegenüber seiner Bürger in eine allgemeine Schuldvermutung umgekehrt werden soll. Statt, dass nur die bereits bekannten Verbrecher registriert sein sollen, sollen es lieber alle Menschen - damit wird jeder einzelne als potentieller Verbrecher, statt als verantwortungsbewusster, mündiger Bürger behandelt. Denn, wer nichts zu verbergen hat...

3. Die Daten bleiben erhalten. Selbst, wenn wir so vertrauensselig sind, dass wir unserem demokratisch legitimierten Staat und seiner Verwaltung vertrauen, dass er unsere Daten nur zu unserem Schutz und in unserem eigenen Interesse verwendet, können wir dieses Vertrauen nicht unbeschränkt in die Zukunft geben. Es reicht schon, dass viele von uns - ich nehme mich da nicht aus - viel zu offenherzig mit ihren Daten im Internet umgehen, ohne dass wir abschätzen könnten, wer sie wofür verwendet. Rückgängig machen ist nicht möglich.

Was aber passiert, wenn ein totalitäres Regime an diese Daten gelangt?

Es hat auch in diesem Jahrtausend schon "ethnische Säuberungen" (ein absolut verharmlosendes Wort für eine schreckliche Sache) gegeben. Die menschenverachtende Idee, einzelne Bevölkerungsgruppen müssten ausgerottet werden oder verdienten es nicht, sich zu entfalten oder frei zu leben, wird kaum totzukriegen sein. Die Gefahr, dass aufgrund welcher Umstände auch immer eine Gruppe unschuldiger Menschen als Sündenbock herhalten muss, besteht permanent.

Obwohl es ein abgedroschenes, viel zu alarmistisches Beispiel ist - es ist dennoch das erschreckenste, sozusagen der Super-Gau: Aber stellt euch vor, die Nazis, die als bisher einziges Regime in geradezu monströser industrieller Genauigkeit Genozid betrieben haben, hätten die persönlichen Daten über alle Einwohner des Reichs zur Verfügung gehabt, die man heute sammeln will... wieviele Geschichten von Verfolgten, die aufgrund einer falschen Identität "noch einmal davongekommen sind", würden wir heute kennen?

Und vergessen wir nicht, dass diesem Regime eine Demokratie vorangegangen ist - wenn auch unter anderen Grundvoraussetzungen.

4. Es ist anzunehmen, dass jene Verbrecher, die man mit dieser Massnahme bekämpfen will, eher Mittel finden, ihnen Auszuweichen und sie zu überlisten, als dass es dem System gelingen würde, die Fehlerquote zu verringern. Damit bestraften die Massnahmen vor allem jene, die eben "nichts zu verbergen haben", ohne dass sie wirkungsvoll ihr Ziel erreichen.

Flughafenbetreiber wehren sich übrigens schon längst gegen höhere Sicherheitskontrollen - weil sie die Geduld der Passagiere unnötig strapazieren und das Fliegen eher gefährlicher als sicherer machen. Je mehr Kontrollen durchgeführt werden, desto grösser ist auch das Risiko, dass Fehler passieren.

5. Es gibt auch private Informationen, die man berechtigterweise vor der Öffentlichkeit verbirgt, ohne dass irgendjemand Schaden davontragen würde. Es ist eine der revolutionären Errungenschaften, dass es so etwas wie ein Recht auf Privatsphäre gibt. Der Satz höhlt auch dieses Recht aus, indem er vorgibt, jeder, der etwas verbergen wolle, tue dies zu Unrecht.

Das sind in meinen Augen genügend Gründe, beim Referendum gegen die Einführung der biometrischen Identitätskarte zu stimmen! Und vor allem, nicht alles unkritisch zu glauben, was einem Politiker weissmachen wollen. Angst ist zwar kein guter Ratgeber, Vertrauensseligkeit aber auch nicht - weder in die eine, noch in die andere Richtung. Keine Sicherheitskontrollen sind naiv und können sicherlich katastrophale Folgen haben - übertriebener Sicherheitswahn, der die gesamte Bevölkerung wie potentielle Schwerverbrecher behandelt, hat sie ebenfalls.
12.11.08 20:58


Willkommen im 21. Jahrhundert!

Bevor ich gestern Abend ins Bett bin, wusste ich noch nicht so richtig, was ich von den amerikanischen Wahlen halten und welchen Kandidaten ich nun wirklich unterstützen soll. Es gab für und wider für beide - und gutschweizerisch habe ich versucht, differenziert zu denken.

Als ich heute früh aufgestanden bin und den Fernseher eingeschaltet habe, hatte ich Tränen in den Augen, als ich Obamas Siegesrede hörte. Ich habe noch nie geweint wegen einer politischen Entscheidung. Ich wurde auch nicht emotional, weil der Charismatiker Obama gewonnnen hat, sondern weil mich das Gefühl überwältigt hatte, dass damit das schwere 20. Jahrhundert mit seinen beiden Weltkriegen, der ständigen Bedrohung des kalten Krieges und seiner harten Rhetorik zu Ende geht.

Plötzlich scheint alles in Bewegung, was noch vor ein paar Jahrzehnten festgefahren war. Es passt zur Hoffnung, die ich vor zwei Wochen hier über die Emanzipationsbewegung geschrieben habe.

Es ist möglich, dass einer mit einer dunkleren Hautfarbe amerikanischer Präsident werden kann.
Gleichzeitig gibt es in Deutschland eine Bundeskanzlerin und in der Schweiz 3 Bundesrätinnnen.

Dinge, die vor zehn Jahren noch absolut unmöglich erschienen, sind plötzlich möglich. Warum soll da nicht noch mehr möglich sein?

Vor allem aber hat sich eine neue - meine - Generation zu Wort gemeldet. Das ist etwas, was in den Berichterstattungen noch viel zu wenig gewürdigt wurde. Obama hat die Wahl nicht zuletzt deswegen gewonnen, weil viele Mitglieder der als unpolitisch und apathisch verschrienen jüngeren Generation sich mit vollem Elan dafür eingesetzt haben und vor allem auch wählen gegangen sind.

Es ist ein grosser Sieg für die Demokratie, einer, der auch gewürdigt werden sollte, dass die heutige junge Generation auf ihre Mittel vertraut und damit auch Erfolg haben kann - und nicht mehr auf Strasse und Pflastersteine zurückgreifen muss, weil ihnen alle anderen Wege versperrt waren. Dass die Jugend weniger radikal ist, ist nichts, das zu bedauern wäre, sondern etwas, das zeigt, dass das System zu greifen beginnt.

Als Politologin fand ich bemerkenswert und erfreulich, dass für einmal die Botschaft der Hoffnung über jene der Angst gesiegt hat. Das 20. Jahrhundert war geprägt von realer und fiktiver Angst - und gerade die USA hat seine eigene Identität sehr stark darüber definiert, wer "der andere", wer "der Feind" war. Je stärker die USA selbst wurden, desto grösser musste auch "der Feind" sein. Es schien fast, als würde dieses Land durch nichts anderes zusammengehalten, als die Angst vor einem bösen äusseren Feind, für den zu bekämpfen man zusammenhalten musste.

Jetzt gewinnt Obama, den seine Gegner aus dem vorigen Jahrhundert vergeblich als einer "der anderen" verunglimpfen wurde - mit einer Botschaft von Zuversicht, Hoffnung und Zusammenhalt über alle Grenzen hinaus. Es ist aufbauend, zu sehen, dass es möglich ist, mit einer solchen Botschaft eine Wahl zu gewinnen. Ohne gegen Sündenböcke zu wettern, ohne Feinde zu verunglimpfen.

Egal, wie es jetzt weitergeht. Egal, welche Rückschläge noch kommen werden. Amerika hat seinen Traum wieder. Und das ist gut so. Denn wie man in der Schweiz nach der Nichtwiederwahl von Christoph Blocher letzten Winter gesehen hat - solche Signale können Dynamiken auslösen, die niemand für möglich gehalten hätte.
5.11.08 21:32


Wenn sich Alt-68er über die Jugend empören

Seit etwa einem Monat gibt es in der Schweiz keinen Tag, an dem nicht mindestens eine Zeitung - nein, eigentlich jede Zeitung - einen neuen, empörten Bericht über sog. Bottellòns, druckt, einem aus Spanien importierten "Brauch" Jugendlicher, sich spontan an einem öffentlichen Platz zu treffen und dabei natürlich reichlich Alkohol zu trinken. Meistens kommen diese Gruppen über Facebook-Gruppen zusammen. In der besorgten Schweizer Presse nennt man dies "Massenbesäufnisse", die Zürcher Polizeidirektorin hat bereits alle, die daran Teilnehmen "im Hirni obä chrank" genannt.

In Genf, Zürich und Bern haben solche Anlässe nun stattgefunden und im Nachhinein rieben sich alle die Augen, dass mehr Journalisten als Jugendliche anwesend waren, dass sich die Jugendlichen relativ brav verhalten hatten, es kaum Alkoholleichen gab, jedenfalls nicht mehr als an einem normalen Wochenende - mit anderen Worten, es ist so wenig passiert, dass man sogleich die Empörung auf den von den Jugendlichen hinterlassenen Abfall gerichtet hat.

Kaum jemand hat das Phänomen aber bisher medienkritisch angesehen - zu sehr sind die unter Konkurrenzdruck stehenden Schweizer Medienhäuser wohl darauf aus, ihre Quelle nicht versiegen zu lassen. Die Empörung ergiesst sich über die bösen Jugendlichen, die so hirnlos sind, sich über eine Internetplattform zu verabreden und sich zu Tausenden öffentlich zu versammeln - nota bene unter Beobachtung hunderter Journalisten, die jede Regung in einer entsprechenden Facebook-Gruppe sofort landesweit in die Schlagzeilen bringen - vom Radio, übers Fernsehen bis in die gedruckte Presse.

Es ist, als würde man den ohnehin nach Rebellion strebenden Jugendlichen Tag für Tag das Rezept abdrucken - nicht zuletzt in den von allen gelesenen Gratiszeitungen - wie man die Erwachsenen zur Weissglut treiben kann, erst noch ohne dafür belangt zu werden. Ernsthaft, da wird gedruckt, wie man zu einem Botellòn aufruft, wie die Behörden gegen diese Form der Organisation anstehen, dass es in Spanien scheinbar alle tun - und kann erst noch erwarten, am nächsten Tag gross mit Namen und vielleicht sogar mit Bild in allen Zeitungen zu sein.

Ich warte nur schon auf die Meldung, dass nun auch in Oberkrattingen und Hinteralptal die verbliebenen drei Jugendlichen zu einem Bottellòn aufgerufen haben.

Am lustigsten an der ganzen Geschichte ist aber, dass ausgerechnet jene sich am meisten über diese dekadente, hirnlose Jugend aufregen, die sonst jeweils stolz von ihrer 68er-Vergangenheit berichten. Jene, die noch mit 35 kein Stück erwachsen waren, die mit allen Substanzen herumexperimentiert haben, die es nur gab. Die sich zu öffentlichen Massenorgien versammelt haben - und trotzdem keine Angst haben mussten, nicht in die Arbeitswelt integriert werden zu können, wie das heute bei vielen Jugendlichen der Fall ist. Schliesslich herrschte zu jener Zeit immer noch Vollbeschäftigung und Akademiker hatten Arbeitsplatzgarantie auf Lebzeiten.

Ja, diese netten 68er, die jetzt so den Kopf über die "heutige" Jugend schütteln, sind noch der Meinung, sie hätten damals in ihrer Zeit für etwas politisches gekämpft und hätten hohe Ziele und Ideale gehabt - Werte, die es in ihren Augen anscheinend rechtfertigten, sich mit Drogen vollzudröhnen und mit allem Sex zu haben, was zwei Beine hatte. Ich bin sicher, die edlen Kämpfer gegen das bürgerliche Establishment haben dabei ihren Abfall brav in den Abfalleimer geworfen und die Trümmer der eingeschlagenen Scheiben bei den Globuskravallen eigenhändig weggewischt. Jaja... die brave Jugend von damals.

Und diese Leute regen sich ernsthaft auf, dass sie heute ein paar Jugendliche öffentlich mit Alkohol betrinken?

Liebe 68er, ihr werdet alt und verstockt wie eure Eltern!
7.9.08 11:23


Trittst im Morgenrot daher...

Gestern hat die Schweiz Geburtstag gefeiert - sagten uns zumindest die vielen Werbeplakate von Firmen, die vom 1. August profitieren wollten. Gleichzeitig wurde nämlich in den Medien fleissig auf ein Buch eines Historikers aufmerksam gemacht, der die "wahre" Geschichte der Zentralschweiz im 13. und 14. Jahrhundert erzählt.

Er bestätigt darin zuerst einmal, was man eigentlich schon immer wusste oder zumindest ahnte. Der Bund, der angeblich 1291 geschlossen wurde, war vor allem dazu da, dem herrschenden Adel in der Region die Macht zu sichern; von freien Bauern und Kämpfen für die Freiheit konnte keine Rede sein. Zumal der Brief offensichtlich erst Anfang des 14. Jahrhunderts geschrieben und rückdatiert wurde.

Tod den Gründungsmythen der Schweiz also? Ist es wirklich schlimm zu erfahren, dass die Schweiz zu jener Zeit damals nicht anders war als die umliegenden Länder?

Ich finde, nein. Wer so denkt, hat die Wichtigkeit von Mythen nicht begriffen. Es ist für die Geschichtswissenschaft sehr wichtig zu erfahren, wie es damals wirklich war, um die Eidgenossenschaft in den Kontext zu setzen und so neue Erkenntnisse zu bringen. Diese Tatsachen - sofern man in der Vergangenheit überhaupt von Tatsachen sprechen kann - sollten deshalb nicht aufgrund von Mythen verschwiegen werden.

Der Umkehrschluss, Mythen ausmerzen zu wollen und das Verständnis des Landes einzig auf die Fakten abzustüzen, ist aber ebenso falsch. Menschen brauchen Mythen, Legenden und Sagen. Es scheint uns geradezu ein Bedürfnis zu sein, unsere Existenz und Ereignisse um uns herum mit Hilfe von Geschichten zu deuten und ethische Überlegungen oder gar Belehrungen in dieser Form auszudrücken. Wer glaubt, in unserer so sehr auf Tatsachen behafteten Gegenwart gäbe es keine solchen Mythen und Märchen mehr, der soll sich auf Snopes (auf Englisch) umsehen. Auch wenn die Geschichten sich auf dieser Seite auf den englischsprachigen Raum beziehen, ist es erstaunlich, wieviele davon auch hier als Sagen herumgeistern, die angeblich der Freundin einer Bekannten der Schwester passiert sind.

Persönlich habe ich deshalb überhaupt keine Mühe damit, dass meine Vorfahren hier in der Zentralschweiz nicht so heroisch gewesen sind, wie wir sie uns später, insbesondere im 19. Jahrhundert gemacht haben. Die Gründermythen der Schweiz zeigen vielleicht nicht, wie die Eidgenossen damals waren, sie sagen aber sehr viel darüber aus, wie wir unsere Vorfahren und damit auch uns selbst sehen wollen. Das Schweizer Politiksystem, das mit der Gründung des modernen Bundesstaates 1848 startete, ist ein umsichtiges, ausgeklügeltes System, das niemandem zu viel Macht zusteht, das trotz aller Mängel und aktueller Krisen dafür sorgt, dass die Demokratie hier ausserordentlich stabil ist und dass Entscheidungen getroffen werden, die breit abgestützt sind und deshalb eine starke Legitimation haben.

In den Zeiten, als unser kleines Land von Grossmächten mit Territorialambitionen umgeben war und in denen "Nation" unter dem Motto "eine Sprache, ein Lebensraum, eine Regierung" propagiert wurde, waren die Gründermythen für das Land überlebenswichtig. Das Bild der störrischen Bergler, die sich nicht von fremden Mächten knechten lassen und selbst über ihre Herrscher entscheiden wollten, gab ihnen die Legitimität, diese Freiheit immer noch für sich zu beanspruchen. Es war ausserdem ein Mythos, der es der Willensnation aus vier verschiedenen Landessprachen, zwei grossen Religionsgemeinschaften und grossen Stadt-Land-Unterschieden erlaubte, sich unter einer politischen Identität zusammenzuraufen. Mit dem Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung konnten sich alle identifizieren.

Die Schweiz hat deshalb eine lange freiheitliche, demokratische Tradition, auch wenn sie vielleicht nicht ganz so lange zurückreicht, wie die Schweizer es gerne hätten - und die Schweizer sind auch heute noch bereit, für diese Freiheit und die Demokratie zu kämpfen, wenn sie sie bedroht sehen. (Manchmal auch zu ihrem eigenen Nachteil.) Die Gründermythen zeigen das Ideal auf, dem die Schweizer nacheifern wollen. Es ist ein Qualitätssiegel für diese Mythen, dass sie in die ganze Welt exportiert wurden (und mit Schiller's Willhelm Tell gar in die Weltliteratur eingingen) - und es ist ein Grund, stolz darauf zu sein, selbst wenn sie Dichtung und nicht Wahrheit sind.
2.8.08 11:58


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