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Politik

Babylonische Sprachverwirrung auf Schweizerisch

Kürzlich habe ich auf Blogwiese die Beschwerden einer frustrierten Deutschen in der Schweiz gelesen, die alles Schlimme auf die Schweizer fluchte, unter anderem, weil eine Lehrerin ihrer Tochter als Übersetzung des Französischen "Le goûter" das deutsche "Nachmittagskaffee" nicht anerkannte, sondern auf dem Schweizerischen "Zvieri" beharrte. Obwohl - wie die Schreiberin sich empörte - "Nachmittagskaffee" die korrekte deutsche Bezeichnung sei, während "Zvieri" nur im Schweizerdeutschen vorkomme.

Die anschliessende hitzige Diskussion hat mich wieder einmal daran erinnert, wie schwierig es selbst in der vermeintlich gleichen Sprache sein kann, sich zu verstehen.

Beim obigen Beispiel liegen übrigens - wie so oft im Streitfall - beide Personen falsch. Die Lehrerin ist extrem kleinlich, wenn sie "Nachmittagskaffee" nicht als Übersetzung akzeptiert, da es sich tatsächlich um die korrekte deutsche Bezeichnung in Deutschland handelt. Im Schweizer Standarddeutsch, dem Schweizer Hochdeutsch, ist jedoch "Zvieri" die korrekte Bezeichnung. Damit hat auch die empörte Mutter unrecht, wenn sie glaubt, es gäbe nur ein einziges gültiges "Hochdeutsch", das natürlich aus Deutschland kommt.

Dabei handelt es sich nicht bloss um eine Gefühlssache von ein paar überforderten Schweizern. Die Bundeskanzlei gibt jedes Jahr einen Sprachleitfaden heraus, in der die Grundzüge des Schweizerischen Standarddeutsch definiert werden. Er gilt als Grundlage für die offizielle Kommunikation aller Bundesstellen. Darin wird auch eine Liste sog. Helvetismen aufgeführt, Wörter, die im Schweizer Standarddeutsch anders lauten als in Deutschland. In der Schweiz ist also offiziell beim entsprechenden Schild "parkieren verboten" und der Bundesrat trifft Entscheide, nicht Entscheidungen. Das heisst: in offiziellen Kommunikationen der Schweizer Bundesbehörden ist "deutsches Hochdeutsch" eigentlich nicht korrekt. (Auch wenn es kaum geahndet werden dürfte...)

Nicht nur die Schweizer haben ihr eigenes Standarddeutsch, auch die offizielle österreichische Amtssprache unterscheidet sich von jener in Deutschland. Dies hat sogar die EU anerkannt - sie führt in der deutschen Übersetzung ihrer Berichte bei einigen Begriffen zwei Wörter auf. (z.B. Kartoffeln (österr. Erdäpfel))

Die Unterscheidung wurde von einigen Stellen als typischer Auswuchs des europäischen Amtsschimmels verurteilt - scheint jedoch für die Anerkennung der österreichischen Identität eine gewisse Wichtigkeit zu haben.

Diese ganzen Ausführungen haben jedoch - um die Sprachverwirrung perfekt zu machen - nichts mit dem "Schweizerdeutsch" zu tun, mit der Mundart oder den Dialekten. Hierbei handelt es sich nämlich nicht um eine offizielle Sprache, sondern eben bloss um eine Mundart bzw. einen Dialekt der deutschen Sprache, der keine offizielle schriftliche Form hat. Es gibt also im Gegensatz zum Schweizer Standarddeutsch auf Schweizerdeutsch kein "richtig" oder "falsch".

Und schliesslich wird hier offiziell auch noch Französisch, Italienisch und Rätromanisch gesprochen. Aber das nur nebenbei.
24.6.08 21:01


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Die armen Alten! - Wenn die Statistik nicht das sagt, was man selbst zu wissen glaubt

Die Schwierigkeiten der Sozialwissenschafter werden einem manchmal an unerwarteten Stellen wieder bewusst. Heute wurde in der Schweiz eine Studie präsentiert, in denen die finanzielle Lage der Erwerbstätigen mit jener von Personen im Ruhestand verglichen wurde. Eines der Ergebnisse der Studie war, dass die strukturelle Altersarmut so gut wie ausgerottet ist, ja, dass die Personen im Ruhestand sogar über bessere Vermögensverhältnisse verfügen als Erwerbstätige.

Heute befinden sich die Armutsfallen anderswo - betroffen sind vor allem alleinerziehende Frauen, Familien mit mehr als 3 Kindern und Menschen, die wegen einer Behinderung arbeitsunfähig wurden (IV-Rentner). Aus diesem Grund sollten zukünftige Rentenreformen nicht primär Finanzierungsquellen anzapfen, die auf Kosten der jüngeren Generationen geht, denn diese befindet sich in einer weniger vorteilhaften Situation.

Jene Menschen, die in den nächsten Jahren in Rente gehen, sind solche, die nicht nur ihr Leben lang in die 2. Säule einbezahlt hatten und damit eine bessere Vorsorge haben, sondern haben auch die meiste Zeit ihres Erwerbslebens, insbesondere aber beim Einstieg, vom wirtschaftlichen Aufschwung profitiert. Es handelt sich um eine historisch einzigartige "Gewinnergeneration", die nicht nur besser als ihre Eltern, sondern auch besser als ihre Kinder dasteht.

Nun basiert diese Studie auf einem riesigen Sample aus Steuerdaten, die alleine aufgrund ihrer Natur sehr zuverlässig sind. Das heisst, selbst wenn die Aussagen gegen das persönliche Empfinden gehen, selbst wenn man persönlich alte Menschen kennt, denen es nicht gut geht und die gibt es immer noch, die Gesamtsicht ist positiv. Genau hier ist aber der Knackpunkt.

Jeder Mensch hat sein eigenes, unvollständiges Bild der sozialen Realität, er baut es auf seinen persönlichen Erfahrungen auf, sozusagen aus der Froschperspektive. Die Studien der empirischen Sozialforschung jedoch zeigen ein Bild aus der Vogelperspektive - je nach methodischem Ansatz und Sample ein Vogel der höher oder weniger hoch fliegt. Das Problem ist aber, dass den meisten Menschen das Bewusstsein fehlt, dass ihre eigene, persönliche Perspektive nur die eines Frosches ist. Der Frosch, der in seinem Teich planscht, glaubt dem Vogel nicht, wenn dieser weiter hinten eine Wüste sieht oder ihn darauf aufmerksam macht, dass der Teich Teil eines Moorgebietes mit anderen Teichen ist.

Es ist natürlich richtig, jede Statistik mit Vorsicht zu geniessen und sie kritisch zu hinterfragen. Kritisch hinterfragen heisst aber nicht, jede Statistik, die ein anderes Bild als die eigene Vorstellung zeichnet, per se sofort abzulehnen - es heisst, Fragen zu stellen, Erklärungen für die Ergebnisse zu suchen, vielleicht auch solche, die in der Methodik der Statistik liegen und nicht in der Sache an sich. Klar, dass diese Arbeit von "normalen Bürgern" schwierig zu machen ist und man sie von ihnen auch nicht erwarten kann oder muss. Aber es ist einer von vielen Gründen, warum das Wissen und die Fähigkeiten von Sozialwissenschaftern nicht überflüssig sind und auch nicht so trivial sind, wie der Stammtischpolitiker denkt.

Bei dieser Studie hier ist die persönliche Froschperspektive besonders störend, weil die Menschen die Tendenz haben, Erfolg sich selbst zuzuschreiben, während man den eigenen Misserfolg gerne der Gesellschaft oder den widrigen Umständen zuschreibt. (Den Misserfolg anderen aber wieder zur persönlichen Verantwortung der Betroffenen macht, das nur am Rande.) So fühlen sich Leute angegriffen, wenn eine Studie zeigt, dass es älteren Leuten in der Schweiz heute besser geht als jüngeren - und dass jene, die heute jünger sind, im Alter nicht mehr von einer so privilegierten Situation werden profitieren können. Denn die älteren Leute sind selbstverständlich der Ansicht, dass das ganze Vermögen, das sie heute besitzen, ausschliesslich ihrer eigenen Tüchtigkeit und Sparsamkeit zuzuschreiben ist. Niemals würden sie eingestehen, dass auch äussere Umstände möglicherweise an diesem Erfolg mitgewirkt haben. Umstände wie Vollbeschäftigung in den 30 Jahren des Wirtschaftswunders oder eine gut funktionierende Sozialversicherung.

Gleichzeitig wird der "heutigen Jugend" einfach mal pauschal vorgeworfen, faul und verschwenderisch zu sein, weder arbeiten noch sparen zu können und sich lieber auf dem Portemonnaie der ausgemergelten, sparsamen Alten ausruhen zu wollen. Ich glaube kaum, dass dieser Vorwurf auf die zahlreichen alleinerziehenden Frauen zutrifft, die heute das grösste Armutsrisiko auf sich nehmen. Viele ältere Leute können sich gar nicht vorstellen, dass es auch für gut ausgebildete Leute heutzutage zuweilen schwierig ist, einen Einstieg ins Arbeitsleben zu finden. Viele von ihnen haben nie in ihrem Leben eine Bewerbung schreiben müssen.

Es geht nicht darum, Junge gegen Alte ausspielen zu wollen und umgekehrt. Es geht bloss darum, eine gesellschaftliche Tatsache, auch wenn sie eine Momentaufnahme ist, anzuerkennen und zu merken, dass heute nicht mehr die gleichen Gruppen mit den grössten Schwierigkeiten zu kämpfen haben wie früher und es geht auch darum, ein gewisses Mass an persönlicher Bescheidenheit an den Tag zu legen und sich einzugestehen, dass nicht jeder Erfolg hausgemacht und nicht jeder Misserfolg fremdbestimmt ist.
10.4.08 20:50


Wie du mir, so ich dir.

Die Schweiz hat letzte Woche das grösste politische Erdbeben seit Jahrzehnten erlebt. Aber es lohnt sich, etwas früher anzufangen.

Noch am letzten Dienstag (11. Dezember) sah es so aus, als wäre die Bundesratswahl am folgenden Tag reine Formsache. Alle dachten, der neue Bundesrat wäre der alte.

Und dann dies...
eine Gruppe von nur 7 Leuten innerhalb der Sozialdemokratischen Partei (SP) hat zusammen mit zwei Vertretern der Christlichen Volkspartei (CVP - die klassische Mittepartei) einen beinahe perfekten Coup geplant und das Parlament hat anstelle von SVP-Reservekönig Christoph Blocher die Bündner Regierungsrätin Eveline Widmer-Schlumpf gewählt. Nach einer Nacht nachdenken hat die sich dann entschieden, die Wahl anzunehmen und damit war Blocher definitiv raus. Ein Wahlkrimi, wie man ihn seit der Nichtwahl von Christiane Brunner 1993 nicht mehr erlebt hatte.

Es war der Abschluss eines Wahlkampfes, der in der Schweiz noch nie so hart geführt worden war wie diesmal und an dessen Ende es so ausgesehen hatte, als wären die anderen Parteien nicht nur komplett ratlos, sondern auch komplett unfähig, der Übermacht der SVP entgegenzutreten.

Schon Ende November gab es für die erfolgsverwöhnte SVP einen ersten Dämpfer: zwei ihrer Hardliner wurden vom Volk, wegen einer überraschenden Einigkeit der Wähler der anderen Parteien, nicht in den Ständerat (die Vertretung der Kantone, vergleichbar dem amerikanischen Senat) gewählt. Von der gemässigten Rechten bis weit nach Links war man sich einig, dass man lieber das kleinere Übel (i.e. Kandidaten aus der Mitte) wählt als den Hardlinern der SVP einen noch grösseren Erfolg zu verschaffen.

Vielleicht hätte man damals aufhorchen sollen. Aber niemand beachtete es... denn niemand hätte den Wahlverlierern zugetraut, dass sie heimlich und hinter verschlossenen Türen bereits ihren ganz grossen Schlag planten...

Die Reaktionen auf die Wahl von Eveline Widmer-Schlumpf waren zu einem grossen Teil sehr sehr positiv. Ich habe viele Leute getroffen - konservative wie sehr linke - die sichtbar erleichtert waren, dass der Spuk mit Blocher im Bundesrat endlich vorbei war. Die SVP hatte sich nach ihrem Wahlsieg gebärdet, als wären die knapp 30% Wähleranteil, die sie erreicht hätten, eine Mehrheit. Dies, obwohl die Schweizer doch in der PISA-Studie in Mathematik sehr gut abgeschnitten hatte. Aber ein Drittel ist weder die Hälfte noch sind es alle. Und der "Volkswille" war nicht das, was sie erwartet hatten. (Ein Grund, warum es sich die SVP jetzt gut überlegen sollte, ob sie wirklich die Volkswahl des Bundesrates vorschlagen möchte - sie hätte nur mit einem proportionellen Wahlsystem eine Chance - in Mehrheitswahlen gewinnen sie nur mit gemässigten Kandidaten wie Eveline Widmer-Schlumpf mehr als die 30% ihrer treuen Anhänger. Blocher hätte gemäss repräsentativen Umfragen die Mehrheit weit verfehlt.)

Deswegen hat das Schweizer System auch nicht versagt, wie es vielerorts in Kommentaren, auch von Experten hiess. Nein, im Gegenteil - die Wahl zeigt, dass das Schweizer System geradezu hervorragend funktioniert. Klar war es ein geheimer Coup, perfekt orchestriert und durchgezogen - aber an und für sich ist die Schweizer Politik darauf ausgerichtet, Menschen, die zu viel Macht auf sich vereinen (wollen), das Wasser abzugraben. Dumm gesagt mögen die Schweizer zwar starke, aber keine überheblichen Führungskräfte an ihrer Spitze. Nicht (nur) aus persönlicher Vorliebe, sondern weil unser Politiksystem mit den vielen Veto-Möglichkeiten und Machtteilungsinstrumenten bis zum abwinken verhindert, dass eine Person oder Gruppe alles beherrschen kann.

Das ist der Volkswille - zumindest war es der Volkswille, als man vor 160 Jahren die Verfassung ausgearbeitet hatte. Sogar einige SVP-Vertreter haben mittlerweile gemerkt, dass sie mit ihren Trötzeleien, hämischen Kommentaren und Anschuldigungen daran sind, sich den Boden unter den Füssen wegzuziehen. Sie mögen in einigen Sachabstimmungen weiterhin gewinnen - wie sie es bis jetzt haben - aber ich bin doch guter Hoffnung, dass es noch ein paar Verblendeten mehr auffällt, auf welches Pferd sie gerade setzen wollten. Wer unbedingt will, dass jemand wie Blocher in Zukunft weiterhin in der Regierung als Alleskleinhacker (Selbstbezeichnung) wüten darf, der muss das ganze System ändern.

Das bedeutet nicht, dass die SVP eine Nazipartei ist! Aber sie hat in den letzten Wochen und vor allem in den Tagen nach der Wahl total den Bezug zur Realität verloren. Eigene Parteigänger aus der traditionellen Linie, die sich nicht dem Parteidiktat unterwerfen wollten, wurden öffentlich gedemütigt und drangsaliert. Und das Wort "Wählerauftrag" wurde bis zum gehtnichtmehr strapaziert.

Obwohl es stimmt, dass die SVP-Wähler ihrer Partei den Auftrag gegeben hatten, Christoph Blocher im Bundesrat zu halten, ist es einfach absurd, den politischen Gegnern vorzuwerfen, sie hätten mit ihrer Aktion die Wähler verschaukelt. Wer Blocher im Bundesrat haben wollte, hat doch schon SVP gewählt! Es waren etwas weniger als ein Drittel der Leute! Das heisst, zwei Drittel der Leute wollten ihn nicht und gaben ihren Parteien einen "Wählerauftrag", das Schwarze Schaf rauszukicken. Deshalb sind die Wähler von SP und CVP auch, bis auf ein paar wenige Ausnahmen, nicht wütend darüber, dass die beiden Parteien Blocher abgeschossen haben, sondern hocherfreut darüber! Die Grünen verlangen schliesslich auch nicht, dass die SVP den grünen Wählerauftrag verfolgt, für eine griffigere Klimapolitik zu kämpfen. Eine Absurdität dieser Art haben aber die meisten Hardliner SVP-Vertreter von den anderen Parteien verlangt.

Das Herumgeplärre der SVP nach der Wahl und die unüberlegten trotzigen Kommentar werden ihr mehr geschadet als genützt haben. Die Partei tritt gerade kopflos und verwirrt auf, schiesst in alle Richtungen und scheint keine Ahnung zu haben, wie man mit einer Niederlage umzugehen hat. Sie war zu lange vom Erfolg verwöhnt.

Und ehrlich... man kann einfach nur schadenfreudig sein. Wer über Jahre hinweg jeden, den man halbwegs als politischen Gegner identifiziert hatte, verhöhnt, ausgelacht, provoziert und schlechtgemacht hat, der braucht sich nicht zu wundern, wenn die einem dann die Unterstützung versagen. Hätten sie ihn wiedergewählt - und das haben wir bis letzten Mittwoch immerhin alle geglaubt - hätten sie nur gezeigt, dass sie nicht nur schwach, sondern auch masochistisch veranlagt sind. Politik ist tief drin immer noch sehr menschlich und damit auch ein einziger Kindergarten. Nur Angsthasen unterstützen im Kindergarten die Kinder, die alle anderen terrorisieren - aber sie mögen sie nicht und rächen sich, sobald sie es können.

Die ganze Wahl als einfachen und unüberlegten Racheakt abzutun, wäre aber zu leicht. Die Mehrheit der Parlamentarier hat sich einfach darauf zurückbesonnen, dass sie in ihrer Entscheidung frei sind und dass sie sich nicht durch irgendwelche Ultimaten erpressen lassen sollen. Soll die SVP in die Opposition gehen - ob sich das für die Partei auszahlt (wie sie selbst glaubt, allerdings verrät die Mimik etwas anderes) oder ihr schadet, wird sich erst mit der Zeit zeigen. Aber was geschieht, wenn sich 70% von 30% erpressen lassen, haben wir bereits gesehen...

Ich war einfach nur überrascht vom Mut unserer Parlamentarier, nicht nur von einer Sache zu reden und sie als Wunschtraum durchzudenken, sondern sie auch wirklich durchzuziehen. Und die SVP muss sich nicht beschweren - sie haben weiterhin zwei Vertreter im Bundesrat, sie müssten sie nur als zwei der ihren akzeptieren.

Andere Parteien, insbesondere die SP, hat lange Jahre Erfahrung damit, dass nicht ihre Wunschkandidaten, sondern gemässigte, integrative Figuren vom Parlament gewählt werden. Das liegt in der Natur eines Systems, das auf Konsens und Kollegialität aufbaut. Es war eine historische Ausnahme, ein Experiment, dass man der SVP vor vier Jahren zugestanden hatte, ihren härtesten Vertreter in die Regierung einziehen zu lassen. Vier Jahre später kam man zum Schluss, dass das Experiment gescheitert war und hat ihn wieder entfernt.

Wenn die SVP dann undemokratisch! Verschwörung! Ende der Konkordanz! Zetter und Mordio! schreit, sagt sie damit nur, dass sie, die so tut, als wäre sie die Schweizerischste aller Schweizer Parteien, das eigene System nicht verstanden hat. Wenn die absolute Mehrheit von demokratisch gewählten Volksvertretern eine Person in die Regierung wählt, dann ist daran meiner Meinung nach nichts undemokratisches zu erkennen. Wer anders denkt, dem empfehle ich, ein Buch über Schweizer Geschichte zu lesen.

Der beste Nebeneffekt, der die neue Wahl erst perfekt macht, ist die Tatsache, dass mit Eveline Widmer-Schlumpf neben Micheline Calmy-Rey und Doris Leuthard die dritte Frau in den Bundesrat einzieht. Zählt man die Bundeskanzlerin (die Stabschefin des Bundesrates) dazu, besteht die Schweizer Regierung neu aus vier Frauen und vier Männern. Perfekte Geschlechterparität!
17.12.07 22:58


Präventiv-Terror!

"Vorbeugen ist besser als heilen", lautet ein bekanntes Sprichwort und die wichtigste Devise unserer Zeit. Heutzutage wird in allen Bereichen am liebsten präventiv gehandelt.

Das ist zunächst auch eine sehr sinnvolle Angelegenheit - zumindest solange vorbeugen niemandem schadet und heilen schmerzhaft ist. Es ist zum Beispiel sehr begrüssenswert, dass Aids-Prävention geleistet wird. Auch wenn die Krankheit heute in der westlichen Welt kein Todesurteil mehr bedeutet - es schadet in den meisten Fällen niemandem, im Zweifelsfall ein Kondom zu benutzen; es ist hingegen sehr einschränkend und mühsam, für den Rest seines Lebens einen Pillencocktail zu schlucken und das Virus in sich zu tragen.

Das gleiche gilt für Drogenprävention - nicht mit Drogen anzufangen ist ein viel kleinerer Aufwand als später entweder daran zu sterben oder mit immensem Aufwand wieder zu entziehen.

Wenn ein Fluss jedes Jahr einmal über die Ufer tritt und eine Wohngegend überflutet, ist es eine gute Investition, Gewässerschutzmassnahmen zu treffen. Aber lohnen sich Eingriffe ins Ökosystem des Flusses auch, wenn er nur etwa alle 50 Jahre einmal Überschwemmungen verursacht? Hier kommen wir so langsam in den Graubereich der Prävention. Eingriffe ins Ökosystem sind vielleicht noch vertretbar - aber wie ist es, wie in einem Walliser Bergdorf geschehen, mit einer hohen Lawinenschutzmauer, die die Lawinen zwar auch im schlimmsten Winter zurückhält, aber dafür sorgt, dass das Dorf während dreier Monaten im Schatten liegt? (Die Mauer wurde nach dem Lawinenwinter 1999 und einigen Kontroversen gebaut)

Prävention kann zum Terror werden. Dann, wenn vorbeugen sicher schadet und nicht klar ist, ob das, was man damit verhindern möchte, wirklich eingetreten wäre. In den USA gibt es einen neuen Trend, Menschen völlig gesunde Organe (z.B. die Eierstöcke oder die Gebärmutter) zu entfernen, weil in der Familie ein erhöhtes Krebsrisiko dieser Organe verläuft. Im Klartext: um auszuschliessen, dass eine Frau, in deren Familie Gebärmutterkrebs häufig vorkam, ebenfalls erkrankt, wird ihr vorbeugend das ganze Organ entfernt. Sie war nicht krank und zeigte auch keine Anzeichen, überhaupt zu erkranken - aber um ganz sicher zu sein, dass es ihr nicht ergeht wie ihrer Mutter oder Grossmutter, wird das "Risikoobjekt" entfernt.

Noch heikler wird es, wenn Prävention ganze Gesellschaften betrifft. Das wohl krasseste Beispiel ist natürlich der letzte Irakkrieg, in dem die USA den Irak angegriffen hatten "um zu verhindern, dass der Irak weitere Massenvernichtungswaffen entwickeln kann". Die Argumentationsschiene, von der wir heute wissen, dass sie einer seriösen Prüfung nicht standhielt, lautete so: Wenn wir den Irak nicht daran hindern, Massenvernichtungswaffen zu entwickeln, wird er sie in ein paar Jahren gegen uns oder andere einsetzen. Das ist ein Risiko, das wir nicht kontrollieren können. Also müssen wir uns über die Souveränität des Staates, über UNO-Völkerrecht und das militärische Angriffsverbot hinwegsetzen - denn wenn wir es nicht tun, tut es der Irak möglicherweise in ein paar Jahren.

Diese Argumentation ist fatal. Denn sie stellt das ganze Gebilde in Frage, auf dem die moderne Friedenspolitik basiert: der Grundsatz, dass kein Land das Recht hat, ein anderes militärisch anzugreifen. Wenn in einem Land ein illegitimes oder ein terroristisches Regime am Ruder ist, kann es Ausnahmen in dieser Regel geben - sie müssen jedoch von der UNO genehmigt werden.
Dieser Grundsatz ist natürlich nicht unfehlbar - aber es wird schwierig, ihn gegenüber anderen Staaten zu verteidigen, wenn die im Augenblick international stärkste Macht sich darüber hinwegsetzt. Der Angriff im Irak führt dazu, dass das simple Recht des Stärkeren auf internationaler Ebene wieder stärker wird. Diese Dynamik hat in der Vergangenheit, also vor der Einführung des internationalen Rechts, zu zahlreichen, zum Teil sehr verlustreichen Kriegen geführt.

Auch innerhalb der Staaten wird immer öfters "präventiv" gehandelt. Nach dem Grundsatz "lieber ein Unschuldiger im Gefängnis als ein Mörder auf freiem Fuss" wird es zunehmend schwierig, aus den Mühlen der Justiz zu kommen, wenn man einmal fälschlicherweise darin gelandet ist. Grundsätzlich kann niemand dagegen sein, wenn Mörder sicher hinter Gittern sind - aber wie würde man dazu stehen, wenn man selbst der Unschuldige wäre, der dafür hinter Gittern sitzt? Sind wir bereit, so grosse Einschränkungen auf uns zu nehmen, damit vielleicht ein Leben gerettet werden kann? Wenn in einem Land mit Todesstrafe ein Unschuldiger hingerichtet wird, weil er wegen der härteren Gangart fälschlicherweise in der Todeszelle gelandet ist, dafür aber auch ein anderer, der ein Mörder war, auf diese Weise bestraft wurde, können wir das verantworten? Wollen wir das verantworten? Klar ist, dass es keine einfache Antwort mehr gibt.

Wenn heute trotz aller Prävention ein Fehler passiert, ist eine der ersten Fragen: "Hätte der Fehler verhindert werden können?" An sich ist dies eine sehr berechtigte Frage, schliesslich soll man aus Fehlern lernen und will es das nächste Mal besser machen. Die Frage wird aber nicht mehr mit dieser Absicht gestellt. Sie wird gestellt um den Schuldigen zu suchen - jene Stelle, die "hätte wissen müssen", dass etwas daran war, schiefzugehen. Es verlangt von den Menschen, in jeder Situation immer richtig und fehlerfrei zu handeln - eine falsche Entscheidung die zu einem unerwünschten Resultat führt, wird nicht mehr toleriert.

Menschen machen aber Fehler, weil sie Menschen sind. Das heisst, man kann die Fehlerquote nur minimieren, aber nie ganz verhindern. Man minimiert sie insbesondere damit, gar nicht erst zu handeln oder wenn gehandelt wird, stets den Weg mit dem geringsten Risiko zu gehen. In manchen Situationen ist aber Risikobereitschaft besser als die Illusion vollkommener Sicherheit. Denn diese Illusion zu erzwingen ist immer häufiger menschenfeindlich. Sie terrorisiert uns richtiggehend.

Wer in unserer Zeit noch den Mut hat, einen Beruf zu ergreifen, in dem ein Fehlurteil sichtbare Folgen haben könnte, müsste eigentlich präventiv Schmerzensgeld erhalten. Selbst wenn ein Arzt in 99.9% der Fälle die richtige Diagnose stellen würde (eine völlig unrealistische Quote), muss er damit rechnen, dass er in einem von 1000 Fällen einen Fehler macht - wenn er an 200 Tagen im Jahr im Durchschnitt 2 Fälle betreut, hat er im Verlauf von 2 1/2 Jahren wahrscheinlich ein Fehlurteil getroffen. Endet dieses tödlich und wird entdeckt, ist er weg vom Fenster. Dass er im gleichen Zeitraum 999 richtige Diagnosen gestellt hatte, wird grosszügig übersehen.

Das Paradox der Präventivgesellschaft ist ja, dass man trotz allem Vorbeugen nie alles verhindern kann - und dass zu viel Vorbeugen manchmal mehr Schaden anrichten kann als zuwenig. Die Frau, der die Gebärmutter präventiv entfernt wird, könnte an Komplikationen der Operation sterben und damit die ganze Übung absurd machen. Vielleicht wäre sie nie an Gebärmutterkrebs erkrankt; oder erst in ein paar Jahren. Ein Staat, der flächendeckend seine Bevölkerung "präventiv" überwacht, kann damit einem Terrorregime wertvolle Informationen liefern während damit vielleicht Terroranschläge von nichtstaatlichen Gruppen verhindert werden. Es kann auch dazu führen, dass die Menschen dem Staat nicht mehr trauen und Leute kriminelle Energien entwickeln, die sonst nie auf diese Schiene gekommen wären. (Nach dem Motto, "wenn ihr mich schon wie einen Kriminellen behandelt, warum soll ich dann nicht davon profitieren?") Er kann damit auch das gegenseitige Vertrauen zerstören, das für eine freie, demokratische Gesellschaft notwendig ist. Sicher aber stellt er jene Freiheit der Menschen in Frage, die unsere Vorfahren hart für uns erkämpft haben.

Schliesslich kann es sein, dass der Arzt mit seiner 99,9%-igen Trefferquote so verunsichert wird, dass er schwierige Diagnosen mit risikoreichen Behandlungen nicht mehr in Betracht zieht und damit von nun an schlechter arbeitet und weniger Leute heilt als er getan hätte, wenn man ihm das Recht auf Fehler zugestanden hätte.

Am Ende der ganzen Gedanken um Prävention steht eine philosophische, ja vielleicht religiöse Angelegenheit: memento mori. Erinnere dich daran, dass du sterben musst. Egal, welche Manöver wir auch einlegen, welche präventiven Massnahmen wir treffen und welche Wunder wir bewirken können um das Leben zu verlängern - es wird enden. Irgendwann. Für jeden von uns. Je weniger man darauf vertrauen oder hoffen will, dass der Tod nicht das Ende unserer Existenz ist (hier wird es zur religiösen Frage), desto inakzeptabler wird es, wenn er uns zu Nahe kommt. Die Frage ist bloss, ob das Leben in ständiger Todesangst erstrebenswerter ist als einfach die Tatsache zu akzeptieren, dass man ihn nicht verhindern kann.
28.11.07 16:32


Der Klimawandel ist schuld!

Im letzten Jahr gab es keinen Winter. Da konnte man in allen Zeitungen lesen, dafür wäre der Klimawandel verantwortlich. Dieses Jahr schneit es schon jetzt, Mitte November, bis ins Flachland, wie es sonst nur im Januar tut. Daran ist auch der Klimawandel schuld. Und wenn der Sommer kalt ist, ist der Klimawandel schuld, wenn er zu heiss ist sowieso... Es gibt keine Wetterkapriole mehr, die einfach nur als eine Kapriole gesehen wird - alles scheint ein dramatisches Anzeichen des Klimawandels zu sein.

Ich bezweifle nicht, dass es wissenschaftlich tatsächlich nachweisbar ist, dass der Klimawandel sowohl für aussergewöhnlich kalte wie für aussergewöhnlich warme Winter sorgen kann - denn das Klima ist ein dermassen komplexes Gebilde, dass viele Faktoren hineinspielen und eine kleine Veränderung bei einem davon zu Kettenreaktionen manchmal rund um den Globus führen kann. Ich kenne mich hier zuwenig aus um es wirklich beurteilen zu können.

Es kann sogar sein, dass zwei Forscher anhand der gleichen Studie zu einem gegensätzlichen Resultat kommen, die beide legitim sind. Die Schwierigkeit an einem Forschungsprojekt allgemein liegt nicht so sehr daran, die Daten zu beschaffen - sie liegt einerseits in der Methode, die dafür verwendet wird und andererseits in der Interpretation der Ergebnisse. Die haargenau gleichen Ergebnisse können nämlich je nach Interpretationsmodell, auf das man sich stützt, zu völlig unterschiedlichen Resultaten führen. Diesen Teil der Forschung wird in der Öffentlichkeit viel zu wenig kommuniziert und noch weniger wahrgenommen. In der Politik besteht eine geradezu beängstigende Zahlengläubigkeit. Zahlen gaukeln vor, wertneutral und objektiv zu sein - wer aber je einmal mit Statisiken und Auswertungen gearbeitet hat, der weiss, wie sehr die Zahlen noch menscheln.

Medienschaffende lieben Etiketten, besonders solche, die Schlagzeilen machen, die sich gut verkaufen lassen, mit denen man im Gespräch bleibt. Es handelt sich eigentlich um eine ganz einfache Marktsituation: die Medienkonsumenten wollen mehr Geschichten zu einem Themen, die Medien liefern sie. Nachfrage und ein Angebot, das darauf antwortet. Das heisst, während eine einfache Schlagzeile über einen frühen Wintereinbruch kaum Aufsehen erregt, lesen die Leute erstmal hin, wenn es heisst: "Forscher beweisen: Klimawandel sorgt für kalte Winter!" Die Schlagzeile "Klimawandel führt zu mehr Extremereignissen" ist hingegen einfach nicht so leserwirksam wie "Klimawandel: Skigebiete können aufatmen" oder "Klimawandel: Bald Palmen in Bern?"

Das Problem an der Sache ist nur, dass sich das Etikett abnützt, je öfter es benutzt wird. Am Anfang sind die Leute schockiert vom Klimawandel, dann beunruhigt und irgendwann kann man es nicht mehr hören, man hält sich die Ohren zu und tut lieber so, als gäbe es ihn gar nicht. Je mehr der Klimawandel zu einem Sündenbock für alles gemacht wird, was mit dem Wetter geschieht, desto trivialer wird er. Dann wird es immer schwieriger, der Bevölkerung wirklich griffige Massnahmen dagegen zu verkaufen - schliesslich hat man sich längst daran gewöhnt.

Ich fände es besser, wenn man sich in der Berichterstattung über den Klimawandel wieder etwas zurücknehmen - dafür die Berichte, die man macht, einprägsam und verständlich gestalten würde. Ich glaube nicht, dass eine Mehrheit sich die Mühe machen will, den scheinbaren Widerspruch zu verstehen, dass die Veränderungen im Klima sowohl zu kälteren Wintern/Sommern, als auch zu wärmeren Jahreszeiten führen kann. Sie werden den viel einfacheren Schluss ziehen: "wenn der Klimawandel sowieso alles mögliche bewirken kann, kann er so schlimm ja nicht sein." Weniger Hype und mehr Inhalt könnte, wenn es so weitergeht, bald dringend nötig sein.
15.11.07 21:57


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